<b>von Margit Oberhammer</b><BR /><BR />Das Konversieren nennt sich heutzutage Debattieren. „Das Dinner“ wurde als Debattierstück angekündigt, obwohl es sich um ein Anti-Debattierstück handelt. Entlarvendes Sprechen wird vermieden, unter einem kriminalistischen Plot werden die Probleme unter den Teppich gekehrt. Ein Teppich ist auf der Bühne nicht zu sehen; das Gastspiel des <b>Deutschen Theaters Berlin</b> hat ein modisch minimalistisches Bühnenbild mitgebracht samt Designer-Glastisch in einem kühl ausgeleuchteten Raum. An diesem Tisch im Luxusrestaurant versammeln sich zwei Paare, die Männer sind Brüder. Die familiären Fäden sind zum Zerreißen gespannt. <b><BR /><BR />Ulrich Matthe</b><b>s</b> verströmt als berufsunfähiger Lehrer Paul Lohmann aus allen Poren die Antipathie gegenüber seinem Politkerbruder Serge; in blasierter Mimik gibt er sich als der intellektuell Überlegene. Serges Ehefrau Babette (<b>Wiebke Mollenhauer</b>) keift und schweigt. Serge (<b>Bernd Moss</b>) bemüht sich mit festgefrorenem Grinsen um Contenance, Pauls Ehefrau Claire (<b>Maren Eggert</b>) will das Treffen möglichst rasch hinter sich bringen. Es gibt vom Aperitif bis zum Digestif viele Gänge, wortreich gibt sich einzig der Kellner. Das Publikum quittiert die Satire um dessen manieriertes Gehabe mit Lachen. Später schreitet der Theaterabend müde voran, trotz der Ungeheuerlichkeiten, die er erzählt. <BR /><BR />Ungeheuerliches geschieht in der Tat. Die halbwüchsigen Söhne der Lohmanns quälen Obdachlose, filmen die Szenen und stellen sie ins Netz. Leider reelle Tatsachen. Eine Obdachlose kommt dabei zu Tode, die Täter bleiben unerkannt. Nur die Eltern wissen Bescheid. Der Grund des Dinners: die Identität der Täter preisgeben oder nicht. <BR /><BR />Während Paul und Claire mit ihrem Sohn Komplizenschaft betreiben, denkt Pauls Politikerbruder Serge an eine Anzeige. Dazu kommt es nicht. Claire weiß es zu verhindern. Maren Eggert gelingt es als ausgezeichneter Schauspielerin, hinter der Fassade der fürsorglichen Mutter und Ehefrau die kalte Brutalität zu verbergen. Lächelnd spielt sie am Schluss bei Pizza und Cola glückliche Familie. Vorher hat sie ihren Politikerschwager mit Glasscherben krankenhausreif verletzt und dafür gesorgt, dass der als Zeuge infrage kommende Adoptivsohn um die Ecke gebracht wird. Paul delegiert die eigene mehr als stark ausgeprägte Gewaltbereitschaft an seine Frau, entgleist verbal über die stinkende, den Jungen im Weg vor dem Bancomaten liegende Obdachlose. <BR /><BR />Die Bühnenfassung des regieführenden <b>András Dömötör</b> fußt auf dem Roman „Angerichtet“ des niederländischen Autors <b>Herman Koch.</b> Der Roman soll bitterböse und zynisch sein. Der Bühnenfassung geht das ab. Der Umgang mit dem Ungeheuerlichen bleibt an der Oberfläche. <BR /><BR />Die (unsere) dekadente Gesellschaft, die diese Aufführung auf die Bühne bringt, stellt eine Herausforderung dar. Ihre unhinterfragten Mechanismen der Ausgrenzung, die aufgestauten Aggressionen, das opportunistische Wertesystem. Das wird hier zu seicht abgehandelt .<BR /><BR /><b>Nächster Termin Südtiroler Kulturinstitut:</b> „Post von Karlheinz“, Gastspiel des Metropoltheaters München – 21.1., Schlanders, Kulturhaus – 22.1.,Meran, Stadttheater – 23.1., Sterzing, Stadttheater – Zeit: 19.30 Uhr – Einführung: 19 Uhr