Dienstag, 03. September 2019

„Unheimlicher Energiezustand“ bei Transart: Heute geht's los

Transart, das Festival zeitgenössischer Kultur, begibt sich in diesem Jahr vom 11. bis 28. September auf die Suche nach den Energieströmen, der Natur inne wohnender Kräfte – von den exponierten Höhen einer historischen Erstbesteigung über eine Hotelruine als künstlerische Inspirationsquelle und Versuchsanordnungen, die uns geistig zu den Polen dieser Erde beamen und selbstverständlich in das Innerste unserer Seelennatur. Am Dienstag hat Artistic Director Peter Paul Kainrath das Programm vorgestellt und spricht von einem unheimlichen Energiezustand, den die Kunst während des Festivals hervorbringt.

„SKULL ARK“ der viel gefeierten Komponistin Clara Iannotta ist am 25. September in der Ex-Electronia zu sehen. - Foto: Transart
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„SKULL ARK“ der viel gefeierten Komponistin Clara Iannotta ist am 25. September in der Ex-Electronia zu sehen. - Foto: Transart

Obwohl unsere Lebensumstände immer umfassender von Technologie und digitalen Medien bestimmt sind, gibt es keinen Zweifel. Es  ist die Natur, die uns nach wie vor die eigentlichen Maßstäbe vorgibt – und an diesem Gedanken entlang lassen sich Verbindungen herstellen, zwischen der Erstbesteigung des Langkofels, dem das Festival bereits Ende Juli mit einem markanten Kunst-Musik-Performance Projekt gedachte, einem 1935 im Martelltal fertiggestellten, einst visionären Hotelbaus, aber auch den katastrophalen Auswirkungen des Klimawandels, wie etwa den vom Orkan verwüsteten „Zauberwald“ am Latemar.

Programm

Mit „ALL THE GOOD“ steigt Transart gleich zum Auftakt in die Seele eines ehemaligen israelischen Elitesoldaten hinab, der als zeitgenössischer Tänzer einen Weg zwischen Hoffnungslosigkeit und brennender Liebe sucht. Das Stück, mit dem erneut das flämische Kollektiv und „Familienunternehmen“ NEEDCOMPANY von Jan Lauwers das Festival in Zusammenarbeit mit den VBB eröffnet, hat Ende August bei der Ruhrtriennale seine Uraufführung erlebte. All The Good „zeigt die Welt, wie sie ist, ohne abzustoßen. Das ist ernst, unterhaltsam, politisch – und vor allem tröstlich. […] Klingt das Moralisch? Gut! Das trifft genau ins Herz des neuen, tollen Stücks der 1986 gegründeten flämischen „Needcompany“. Aus zwei Gründen ist „All the Good“, dieser zwischen Schauspiel, Tanz, Konzert, bespielter Installation und Vortrag schwankende Hybrid von einem Theaterabend noch viel phantastischer, lustiger und befreiender […] . Erstens ist es live. Live! Zweitens sind in „All the Good“, das jetzt im Rahmen der Ruhrtriennale in der Maschinenhalle Zweckel uraufgeführt wurde, die Erwachsenen keine selbstverschuldeten Opfer ihrer eigenen Mittelstandslangeweile, sondern führen auch so etwas, das den Namen „Leben“ verdient.“ lobt die Frankfurter Allgemeine Zeitung. (11. September, Stadttheater – diese Veranstaltung ist erst für Zuschauer ab 18 Jahren geeignet und zugelassen)

Eiskalt wird es dann bei „POLAR FORCE“, das den klirrenden Klängen unserer Pole auf der Spur ist. Die von Eugene Ughetti konzipierte Intermedia Konzertinstallation Polar Force handelt von der Schönheit, unfasslichen Weite, Fragilität und einzigartigen Komplexität der Antarktis. Die Performance vermittelt eine vielschichtige, verschiedene Sinnesorgan ansprechende Erfahrung des immersiven Eintauchens in ein Kunstwerk. Eine weiße, aufblasbare Konstruktion, einem tunnelförmigen Iglu nicht unähnlich, wurde für diese Performance entwickelt. Sie bietet Raum für etwa 80 Menschen.  (12.9., NOI Techpark). Einer gigantischen, tektonischen Verdichtung gleich präsentiert sich die 5stündige Konzertinstallation „INAUDITO/UNERHÖRT“ im Museumsmassiv der privaten Antonio Dalle Nogare Stiftung, die in diesem Jahr um die Antipoden John Cage und Julius Eastman rotiert, das übliche Konzertritual wird dabei aufgebrochen. (13.9., Stiftung Antonio Dalle Nogare).

Eine Entsprechung findet diese avancierte Position im 7stündigen „ADVANCED CLUBBING“ bei Pichler Projects, das von vielen alljährlich als Höhepunkt zu jenem Begriff von Unterhaltung, im besten Sinne des Wortes, engagiert und experimentell, heiß erwartet wird. (14.9. Ex-Masten) Ebenfalls am 14.9. eröffnet die Künstlerin Silvia Hell eine Ausstellung in der Galerie Prisma zur Abbildbarkeit von Luft und im Vorgriff auf ihr „WIND PRESSURE CONCERT“, das am 19.9. im Festival zur Uraufführung gelangt. Mit dem Duo „COOKING SECTIONS“, eingeladen vom Kuratorenduo BAU, wandern wir auf die Hagner Alm und werfen mit ihren Augen einen kritisch-künstlerischen Blick auf die Milchwirtschaft. (15.9., Hagener Alm, Welschnofen). „VOICES APPEARD“ findet Bilder und Klänge zur unbeugsamen Stärke der Seelennatur von Jean d’Arc, Heldin der Aufrechten und von der Kirche auf den Scheiterhaufen Geworfenen (17.9., Pfarrkirche Bruneck).

Das „REGENORCHESTER“ führt fünf Helden der Improvisationsmusik für eine Zeitreise in die 90er Jahre zusammen; Franz Hautzinger, Christian Fennesz, Otomo Yoshihide, Luc ExundTony Buck (18.9. Im Kult Marling). Das Kürzel £¥€$, bestehend aus den Kürzeln für vier Währungen und steht für einen Abend an Spieltischen im Museion, erdacht von Ontroerend Goed, die bereits mit „A Game of You“bei Transart das Publikum begeisterten. Das belgische Performance-Kollektiv macht aus dem Theaterraum einen Handelsraum, in dem sich ökonomische Spekulationen in ein verführerisches Spiel mit und um Geld verwandeln. Die Komplexität der Transaktionen steigert sich Schritt für Schritt… (19.9. Museion). Das Konzert „AGORA“ nimmt den Ausgang von einem Schlafzimmer und führt uns, eingebettet im magisch-fantastischen Pflanzenuniversum der Gärtnerei Schullian, zu den kosmischen Klängen des Klangforschers Christian Fennesz (20.9., Gärtnerei Schullian).

„HOTEL PARADISO“ ist das bisher ambitionierteste und damit waghalsigste Projekt in der Transart Festivalgeschichte: der Komponist und Klangarchitekt Benedict Masondurchmisst mit 10 Solisten und einer 125 MusikerInnen umfassenden Infanterie die Energieräume eines freien Naturgeländes. Ursprünglich für die Aufführung im Martelltal, an Ort und Stelle des als Inspiration den Ausgangspunkt bildenden „Hotel Paradiso“ geplant. Der Spielort musste wegen Sicherheitsbedenken jedoch verlegt worden, so dass dieses groß angelegte Projekt nun in einem,  im Oktober 2018 vom Windwurf verwüstetes Waldstück, aufgeführt wird – wie vom Komponist gewünscht einmal in den Abendstunden und einmal bei Tag (21. & 22.9. Welschnofen).

„THE MAGIC POWER OF NORTH“ holt zwischen Musik, Video und Performance künstlerische Sehnsuchtsorte des Nordens in das Vigilius Mountain Resort (24.9., Vigiljoch). „SKULL ARK“ der viel gefeierten Komponistin Clara Iannotta hingegen entledigt sich aller flauschigen Gefühlsmuster und brennt Musiktheater auf ein glühendes Skelett hinunter (25.9., Ex-Electronia). Mit „RUNNING PIECE“ nimmt gegen Festivalende ein einziger Tänzer einen nicht zu gewinnenden Wettlauf gegen sich selbst auf und lässt jene ganz besondere Poesie am Erkenntnishorizont aufblitzen, wenn man vollkommen erschöpft in den tiefen Abgrund blickt (27.9., Studio Stadttheater Bozen). Der Abschluss selbst, nach all den Kämpfen mit und gegen die Natur, gilt dann der beinahe übermenschlichen Energie der zeitgenössischen Zirkusartisten von „CIRCA“, die mit „HUMANS“ alle akrobatischen Register einer zeitgenössischen Performance ziehen (28.9., Nierderstätter).

Mit Hannes Lang und Stephanus Domanig einerseits und Jean Luc Godard andererseits wird es zwei „MOVIE MONDAYS“ geben, die Filme als Musik der Bilder und Bilder der Musik veranschaulichen. (16. & 23.9., Filmclub).

Hier der Link zum Festival-Programm.

stol/vs

stol