„DOKU The Illusion“ nennt der 1984 Geborene, der geschlechterneutral bezeichnet werden möchte, den vierten Teil seiner Reihe KI-bearbeiteter Videos, die er ab 2019 rund um die virtuelle Figur DOKU (von der japanischen Redewendung „dokusho dokushi“: „Wir werden alleine geboren, wir sterben alleine“) kreiert hat. Die ersten drei Teile „DOKU The Self“ (2022), „DOKU The Flow“ (2024) und „DOKU The Creator“ (2025), in denen der auf dem Erscheinungsbild von Lu Yang basierende Avatar in verschiedenen Realitäten agiert, werden ab 22. Mai im Rahmen des Festivals Vienna Digital Cultures 2026 im Foto Arsenal Wien präsentiert. In Venedig ist der vierte Teil ab Freitag zu sehen - in einem fast perfiden Setting.<BR /><BR />Denn ähnlich wie Florentina Holzinger sich in ihrem Urintank-Altar auf den sakralen Charakter des Hoffmann-Pavillons bezieht, hat Lu Yang in den Konsumtempel eine wahre Kunstkapelle bauen lassen. Man betritt sie durch einen Vorraum mit zwei sich auf buddhistische Bilderwelten beziehenden animierten Objekten. Im Inneren stehen Kirchenbänke vor einer LED-Wand, die von Kerzen flankiert wird. In dieser weihevollen Atmosphäre entfaltet sich am Screen jedoch ein Spektakel, das einem unmittelbar den Atem nimmt und mit dem Molltöne propagierenden Motto der Biennale rein gar nichts zu tun hat. Das Zusehen bedeutet pure Adrenalinausschüttung.<BR /><BR />Zwei Zwillingsfiguren, beide mit Lu Yangs Gesicht, beginnen eine Abenteuerreise, die sie mit der asiatischen Popkultur konfrontiert - Spielhallen, Freizeitparks, Videospiele, Mangas und Monster. Die zunächst statischen Schreckensgestalten, denen sie begegnen, werden rasch zum Leben erweckt und zu gefährlichen, blutrünstigen Gegnern, die den Burschen an den Kragen wollen. Doch auch die können blitzschnell ihre Erscheinung ändern und werden zu Kampfmaschinen. In den extrem schnell geschnittenen und mit pulsierender Musik unterlegten Animationen wechseln alle paar Sekunden Szenarien und Gestalten - geprügelt, geschossen und geschlitzt wird jedoch ohne Unterlass.<h3> Reise ins Unterbewusste </h3>Dieses radikale Einlassen auf die bunten Oberflächen der Videospielästhetik mittels Motion-Capture-Technologie ermüdet in der unendlichen Variation des Immergleichen rasch, lässt aber auch tief eintauchen in das Unterbewusste. Man erlebt die ständige Wiedergeburt in anderer Gestalt, sieht letztlich die Zwillinge gegeneinander kämpfen. Der Gegner ist man also im Grunde selbst.<BR /><BR />Was ist der Mensch? Diese alte Frage wird zwischen Datenströmen und virtuellen Animationen und Variationen des Ausgangsmaterials neu gestellt. Was ist der Kern unter den vielen technoiden Hüllen und Schichten von aufplatzendem Fleisch? „Am Ende fand man in seinem Innersten keine Seele, sondern nur einen delirierenden Affen“, heißt es einmal. Da ist der Zuschauer gerade erst dabei, einen Godzilla-mäßigen Endkampf zwischen einem riesigen, gehörnten Kaninchen und einer weißhaarigen Monster-Schildkröte zu verdauen, bei dem halb Tokio in Schutt und Asche gelegt wird.<BR /><BR />Die Animationen sind irre und nicht nur wegen ihres bedrohlichen und teilweise widerlichen Inhalts, sondern auch wegen ihrer technischen Perfektion beunruhigend. Lu Yang fasziniert und irritiert. Er hat ein tolles Spielzeug gefunden, und wie die meisten Spieler kann er davon nicht genug bekommen. Ob dieses Spiel am Ende kritisch oder affirmativ gemeint ist - diese Frage ist gar nicht leicht zu beantworten. Wer meint, er könne dafür getrost das Ende des Films abwarten, braucht viel Sitzfleisch auf den Holzbänken: „DOKU The Illusion“ ist über zwei Stunden lang und wird an Ausstellungstagen jeweils um 10.30 Uhr, 13 Uhr und 15 Uhr gestartet.<h3> Ausstellung von Marina Abramovic wirkt harmlos</h3>Dass für Marina Abramovic' Ausstellung „Transforming Energy“ in der wenige Minuten entfernten Galleria dell'Accademia eine ähnliche Content Warnung ausgesprochen wird wie für Lu Yangs Horrorshow, wirkt wie ein Witz. Denn die Rückkehr des hier 1997 für „Balkan Baroque“ mit dem Goldenen Biennale-Löwen ausgezeichneten Weltstars der Performancekunst, hat völlig harmlosen Charakter. Abramovic hat im Jahr ihres 80. Geburtstags als erste lebende Künstlerin in der Geschichte des Hauses eine große Einzelausstellung erhalten. Jugendliche dürfen sie ebenfalls nur in Begleitung von Erwachsenen betreten.<BR /><BR />Den Besuchern werden Kopfhörer verpasst, die freilich nicht der Information, sondern der Isolation dienen. Man möge sich so viel Zeit lassen, wie man möchte, sich ganz auf die Eindrücke einlassen und sich von weiße Mäntel tragenden Betreuerinnen sanft an der Hand zu der jeweils nächsten Mitmachstation führen lassen, heißt es eingangs. Bis auf wenige Zitate aus früheren Aktionen und einigen Interventionen in der Permanentschau konzentriert sich die Ausstellung auf etwas, was kürzlich in der Albertina modern nur ein Nebenthema war: auf Abramovic' Überzeugung, von kristalliner Energie profitieren zu können.<BR /><BR />Man ist in ihren Kristallwelten dazu aufgefordert, im Stehen, Liegen oder Sitzen sich von Kristallspitzen beeindrucken zu lassen oder die Kühle ihrer Oberfläche zu spüren. Man kann sich aber auch den Hinterkopf durch vibrierende Rosshaarschwänze massieren lassen. Am Ende sollte man jedenfalls energetisch aufgeladen sein. Und hat vielleicht genug Energie für eine bittere Erkenntnis: Der direkte Vergleich mit der Jugend lässt die Altmeisterin in Venedig sehr alt aussehen.