Einer der prominentesten Testimonials in diesem Diskurs ist sicherlich Michael Kohlhaas, der Protagonist in Kleists gleichnamiger Novelle von 1808. „Zum Trotz“ ist ein großer Essay zu einem Thema, das bisher in der Literaturwissenschaft, wenn überhaupt, nur stiefmütterlich behandelt wurde. Ein Gespräch. <b>von Ferruccio Delle Cave</b><BR /><BR /><b>Warum gerade der „Trotz“? Beim Lesen der ersten Seiten Ihres Buches könnte man meinen, Sie wollten dem Trotz und den dazugehörigen Begriffsinhalten manch positive Eigenschaft abgewinnen? </b><BR />Daniela Strigl: Das stimmt. Der Trotz ist für mich ein literarisch, politisch und auch psychologisch höchst ergiebiger Begriff. Historisch war er zunächst nur positiv gefärbt: als Mut, Tapferkeit, Kampfbereitschaft. Ein militärisches „Schutz und Trutz“-Bündnis hatte eine aktive und eine passive Komponente – und die aktive war der „Trutz“. Heute denken wir beim Trotz im guten Sinne eher an den Willen zum Standhalten, zum Widerstand, zur Widersetzlichkeit. Auch zum Neinsagen. Das alles sind Haltungen, die im privaten wie im öffentlichen Diskurs durchaus wünschenswert sind.<BR /><BR /><b>Sie bezeichnen den Trotz als eine „zwiespältige Eigenschaft“? Warum eigentlich? Was ist zwiespältig am Trotz? </b><BR />Strigl: Die heute vorherrschende Trotz-Vorstellung orientiert sich am Bild des trotzigen Kindes. Erwachsene, die anscheinend in dieser Phase steckengeblieben sind und auf einem Justament-Standpunkt beharren, wirken oft unfreiwillig komisch, zumal wenn sie als Politiker auftreten wie Donald Trump. Andererseits lehnen sich bis heute Einzelne gegen eine Übermacht auf, zeigen Zivilcourage und erregen unsere Bewunderung. Trotz irritiert, wenn Ziel und Mittel in keinem vernünftigen Verhältnis mehr stehen, wenn der Trotzige das eigene Handeln nicht mehr unter den Vorbehalt des Irrtums stellt.<BR /><BR /><b>Unter den literarischen Figuren Ihres Buches tummeln sich namhafte Querulanten und ausgewiesene Quer- bzw. Trotzköpfe. Welche von diesen Figuren hat oder haben Sie besonders interessiert und fasziniert?</b><BR />Strigl: Die Leitgestalt in all ihrer Ambivalenz ist sicher Kleists <b>Michael Kohlhaas</b>, der zunächst einen gerechten Rechtsstreit gegen eine korrupte Obrigkeit führt und von dieser als Querulant verunglimpft wird. An einem bestimmten Punkt jedoch biegt er vom Weg des Rechts ab und wird zum Mörder und Brandschatzer, er verliert das rechte Maß und endet am Schafott – das Streitobjekt, die beiden Rappen, erhält er allerdings, wie von ihm verlangt, „dickgefüttert“ zurück. Sein Sieg ist sein Untergang.<BR /><BR />Unter den weiblichen Trotzköpfen, die sich – bis auf <b>Jeanne d’Arc</b> – der martialisch-patriarchalen Logik entziehen, ragt <b>Antigone</b> als Archetyp heraus. Sie bestattet den gefallenen Bruder nach göttlichem Gebot und gegen das Verbot ihres Onkels, des Königs. Auch sie setzt ihr Leben aufs Spiel und verliert es, doch ihr Aufbegehren gegen die Verrohung durch den Krieg ist uneigennützig.<BR /><BR /><b>Trotz ist ja nicht zuletzt eminent politisch. Welche Bedeutung würden Sie dem Trotz in der heutigen Gesellschaft zumessen? </b><BR />Strigl: Historische Gestalten wie <b>Andreas Hofer</b> haben der Macht oft ohne echte Erfolgschancen getrotzt. Das gilt auch für die mutigen Einzelnen, die in Österreich 1938 gegen den Anschluss ans Deutsche Reich gestimmt haben – oder für <b>Alexej Nawalny</b> und seinen aussichtslosen Kampf gegen Putin. Es geht um ein Zeichen des Nein, um ein Beispiel der Hoffnung, an dem sich Erneuerung oder gar der Funke der Revolution entzünden kann.<BR /><BR /><b>Dem Trotz wohnt Energie und Produktivität zugleich inne. Würden Sie dem zustimmen und könnten daraus neue Verhaltensmuster entstehen? </b>Strigl: Ja, ich finde, auch einem demokratischen Gemeinwesen stehen trotzige Gegenstimmen gut an. In allzu vielen Bereichen herrscht Meinungseinfalt statt <BR />-vielfalt. Widerspruch kann erfrischend sein, solange er nicht zum Selbstzweck wird.<BR /><BR />Buchtipp: Daniela Strigl, „Zum Trotz. Erkundung einer zwiespäl- tigen Eigenschaft“, aus der Reihe „Unruhe bewahren“, Residenz Verlag 2025, 160 SeitenBestellen: www.athesiabuch.it