Am 20. Februar jährt sich der Todestag Andreas Hofers zum 212. Mal. Grund genug, sich mit den beiden Passeirer Andreas-Hofer-Spezialisten, Albin Pixner und Judith Schwarz, Gedanken zu machen, wer der Sandwirt fernab von Mythologisierung und Vereinnahmung wirklich war, ob Gedenkfeiern heutzutage noch zeitgemäß sind und ob es Sinn macht, sich den Passeirer Volkshelden auch als Nicht-Schütze zum Vorbild zu nehmen.<BR /><BR /><BR /><BR />Andreas Hofers Bekanntheitsgrad ist erstaunlich, stand er doch nur ein Jahr tatsächlich in der Öffentlichkeit. In dieser Zeit habe Andreas Hofer eine große Entwicklung durchgemacht, erzählt Albin Pixner, langjähriger Obmann des Museum Passeier am Sandhof, dem Geburtsort Hofers in St. Leonhard in Passeier. „Ich sehe ihn zuerst als Schützenhauptmann der Passeirer Schützenkompanie, der leidenschaftlich wie ein Löwe für seine Ziele kämpft, und dann als Landesregenten, der 3,5 Monate in Innsbruck regiert.“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="737402_image" /></div> <BR />„Andreas Hofer ist Viehhändler und Bauer; er merkt selbst, dass ihm diese neue Aufgabe ein paar Schuhnummern zu groß ist“, ist sich Judith Schwarz, Direktorin des Museum Passeier, sicher. „Er lässt sich beeinflussen und überreden und hat in den letzten Monaten keine klare Linie.“<BR /><BR /><embed id="dtext86-52941630_quote" /><BR /><BR />„Zum Schluss hat er keinen Rückhalt mehr, auch nicht beim Kaiser“, rundet Pixner das Bild ab. „Andreas Hofer wird vom Zweifler zum Verzweifelten und flüchtet sich zum Schluss in eine tiefe Religiosität.“<BR /><BR />Er habe sich selbst die Schuld gegeben, dass der Aufstand 1809 gescheitert ist, sagt Judith Schwarz. Über seine letzte Lebenszeit wisse man wenig. Unklar sei beispielsweise, ob Andreas Hofer auf der Pfandler Alm entdeckt werden wollte (er hätte nach Österreich fliehen können), wie viel Alkohol im Spiel war, oder ob ihn Depressionen quälten.<h3> Von Corona-Impfgegnern missbraucht</h3> Auch die wissenschaftliche Aufarbeitungswelle im Jahr 2009 konnte zentrale Fragen nicht beantworten. Sie bieten damit nach wie vor breiten Interpretationsspielraum. Nur so ist es zu erklären, dass sich beispielsweise Corona-Impfgegner auf Andreas Hofer berufen, obwohl man nicht einmal weiß, wie er zum Thema Impfen stand.<BR /><BR />Trotz vieler historischer Zurechtrückungen im Zuge der Forschungen von 2009 werde am Mythos Andreas Hofer festgehalten, bedauert Pixner. Nicht nur die Impfgegner vereinnahmen ihn. Er wird gerne als Haudegen und Volksheld gesehen. „Er ist vielen ein Symbol für Heimatgefühl, für Bewahren und Konservieren“, meint Judith Schwarz. „Auf Andreas Hofer wird projiziert: ,Wenn wir zusammenhalten, wie die Tiroler damals, passiert uns nichts.‘ Dabei ging es in seiner Zeit drunter und drüber.“<BR /><BR />Andreas Hofer steht einerseits für die Europaregion Tirol, andererseits gilt er als Anti-Italiener, was er sicher nicht war. Auch für die Option wurde der Sandwirt vereinnahmt. <BR /><BR /><embed id="dtext86-52940497_quote" /><BR /><BR />„Er hat für Gott, Kaiser und Vaterland gekämpft. Dafür stand er tatsächlich“, sagt Albin Pixner. Er plädiere dafür, dass man das Geschichtsbild Andreas Hofers zurechtrücke. „Eine Erinnerungskultur ist sehr wichtig, aber sie sollte historisch belegt sein und nicht in Richtung Mythologisierung gehen.“<BR /><BR />Auch einseitige Verherrlichungen Andreas Hofers kann Albin Pixner nicht gutheißen. „Die Heldenverehrung ist für viele wichtiger als ein kritischer Umgang“, bemängelt er. „Schlagwörter werden Andreas Hofer nicht gerecht.“<h3> Erinnerungskultur versus Mythologisierung</h3>Als besonders unhistorische Inszenierung hat er die Landesfeier des Schützenbundes 2020 am Sandhof in Erinnerung. „Es wurden Töne angeschlagen, die nicht hätten sein dürfen“, blickt er zurück. „Wir müssen respektvoll miteinander umgehen.“ Pixner regt deshalb an, zu den Gedenkfeier ein Rahmenprogramm mit kritischen Historikerinnen und Historikern anzubieten. So könne man auch junge Menschen außerhalb der Schützenkompanien leichter für Andreas Hofer und seine Zeit interessieren.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="737405_image" /></div> <BR />Und das wäre sinnvoll. Denn „je mehr ich mich mit Andreas Hofer beschäftigt habe, desto sympathischer wurde er mir“, sagt Pixner. Auch Judith Schwarz findet den Menschen Andreas Hofer interessanter, als das, was man ihm andichtet. <BR /><BR />Sollte man die Erinnerung an Andreas Hofer abseits der Mythologisierung und Heldenverehrung wach halten? „Ja“, sagen Albin Pixner und Judith Schwarz. Deshalb hat das Museum Passeier auch an dem Projekt „Orte der Erinnerung. Auf den Spuren Andreas Hofers“ mit interaktiven Erinnerungstafeln von Innsbruck bis Mantua mitgearbeitet.<h3> Vorbild für „Fridays for Future“?</h3> Für Albin Pixner steht Andreas Hofer für den Einsatz für etwas, von dem man zutiefst überzeugt ist. Das sei ein wichtiges Thema für junge Menschen (Fridays for Future). Andreas Hofer stehe zudem für den selbstlosen Einsatz, der heutzutage für das Ehrenamt und das Vereinswesen wichtig sei.<BR /><BR />Man müsse aber auch bedenken, dass Andreas Hofers Familie und nachfolgende Generationen unter dessen Verhalten gelitten hätten, unterstreicht Judith Schwarz. Es sei eben nicht alles schwarz und weiß, wie das viele gerne hätten.<BR /><BR />Braucht es die Gedenkfeiern am 20. Februar? „Ja“, meinen Albin Pixner und Judith Schwarz. Über Inhalte und Form des Gedenkens und Erinnerns solle man jedoch nachdenken. Wichtig sei aber, dass man Andreas Hofer nicht instrumentalisiere und nicht politisch vereinnahme, sondern ihn und seine Zeit historisch fundiert betrachte.