Dienstag, 15. September 2020

Abschied vom Becherhaus: „Habe den letzten Sonnenaufgang innigst genossen“

20 Jahre lang war Erich Pichler der Hüttenwirt des Becherhauses. Dort hat er am heutigen Dienstag seinen letzten Sonnenaufgang auf 3195 Metern Höhe erlebt. Für ihn ist die Zeit als Hüttenwirt nämlich vorbei, er übergibt das Becherhaus an seinen Nachfolger. STOL hat mit Pichler im Interview über seine Zeit auf der höchstgelegenen Schutzhütte Südtirols gesprochen.

Mit dieser malerischen Aussicht hat sich Erich Pichler nach 20 Jahren als Hüttenwirt vom Becherhaus verabschiedet.
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Mit dieser malerischen Aussicht hat sich Erich Pichler nach 20 Jahren als Hüttenwirt vom Becherhaus verabschiedet. - Foto: © Erich Pichler
Interview: Philipp Trojer

STOL: Herr Pichler, nach 20 Jahren auf über 3000 Metern endet nun Ihre Zeit als Hüttenwirt. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Pichler: Schon im vergangenen Jahr hatte ich ein wenig Probleme mit meiner Lunge, außerdem habe ich einfach gemerkt, dass mir im wahrsten Sinne des Wortes langsam die Luft ausgeht. 20 Jahre lang war ich mit Leib und Seele Hüttenwirt des Becherhauses. In dieses Lebensprojekt habe ich viel Herzblut und Leidenschaft gesteckt - nun spüre ich aber, dass meine Kraft und Energie weniger wird und es deshalb Zeit ist, das Becherhaus an einen Nachfolger weiterzugeben.




STOL: Was ging Ihnen heute bei Ihrem letzten Sonnenaufgang als Hüttenwirt durch den Kopf?

Pichler: Die letzten Tage am Becherhaus waren traumhaft. Es war sommerlich warm, was sehr untypisch ist für diese Jahreszeit ist. Oft schon habe ich die Hütte zusperren müssen, während es gestürmt oder geschneit hat. In diesem Jahr fühlt es sich so an, als habe mir der Herrgott einen schönen Abschluss bescheren wollen. Ich habe die letzte Nacht völlig allein im Haus verbracht und bin um 5 Uhr aufgestanden, um noch einmal den Sonnenaufgang zu betrachten. Es war ein malerischer Anblick, den ich in vollen Zügen genossen habe. In diesem Moment war ich voller Dankbarkeit für die schöne Zeit als Hüttenwirt, die netten Gäste und die vielen Geschichten und Erlebnisse, die ich mit ihnen und meinem Team teilen durfte - ohne einen Funken Wehmut, weil ich gespürt habe, dass es der richtige Zeitpunkt ist, um aufzuhören.

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STOL: Das Becherhaus ist die höchstgelegene Schutzhütte Südtirols – vor welche Herausforderungen hat Sie ihre Bewirtschaftung gestellt?

Pichler: : Das Becherhaus ist etwas ganz Besonderes. Es hat eine ereignisreiche Geschichte und eine einzigartige Lage. Im Gegensatz zu vielen andere Hütten liegt es nicht „auf dem Weg“ zum Gipfel, sondern auf dem Gipfel selbst. Das macht die Bewirtschaftung auf jeden Fall schwierig. Die Hütte ist nur durch einen 6- bis 7- stündigen Fußmarsch zu erreichen – oder mit dem Helikopter. Also muss alles, was auf der Hütte benötigt wird, eingeflogen werden. Wenn das Wetter schlecht ist, können Versorgungsflüge auch mal ausfallen, dann ist man auf sich allein gestellt und muss sich selbst zu helfen wissen. Es gibt in dieser Höhe auch keine Quelle, also muss selbst das Wasser eingeflogen werden. Die Kälte und der Wind setzen dem Material zu und ständig müssen Leitungen ausgetauscht oder Reparaturen am Haus vorgenommen werden. Doch trotz aller Widrigkeiten hat mir die Bewirtschaftung dieser ganz besonderen Schutzhütte immer viel Freude bereitet. Schon als junger Bergführer war es mein Traum, Hüttenwirt zu werden und ich wollte unbedingt auf das Becherhaus. Als dieser Traum dann wahr wurde, hat mich das mit so viel Freude erfüllt, dass sie in den letzten 20 Jahren nie verflogen ist.





STOL: Hat sich in diesem Jahr aufgrund von Corona auf der Hütte viel verändert?

Pichler: Das „Corona-Jahr“ war für mich eigentlich ein gutes Jahr. Von den 100 Schlafplätzen im Becherhaus waren wegen der Hygienevorschriften maximal 45 belegt. Man hat gemerkt, dass die Leute in diesem Jahr sehr tolerant und flexibel geworden sind. Während in den letzten Jahren immer alle gleichzeitig zu den Wochenenden kommen wollten, wo alle auf den Berg gehen, war es in diesem Jahr meist kein Problem, auch mal unter der Woche zu kommen. Man hat gemerkt, dass die Menschen einfach froh waren, raus in die Natur zu kommen und viel weniger Ansprüche gestellt haben. Grundsätzlich muss ich sagen: Die Menschen am Berg sind feine Leute, aber in diesem Jahr sind sie noch feiner geworden.



STOL: Was bleibt Ihnen aus 20 Jahren am Becherhaus besonders in Erinnerung?

Pichler: Natürlich könnte ich sehr viele Geschichten aus meiner Zeit am Becherhaus erzählen, von so vielen netten Gästen, die ich kennenlernen durfte und von prägenden Erlebnissen. Eine Geschichte hat sich aber besonders eingeprägt: Es war an einem sehr stürmischen und kalten Tag, an dem ich den Gästen davon abriet, eine Bergtour zu unternehmen. 2 Damen wollten aber nicht auf mich hören und sind um 7 Uhr losgezogen, um den Wilden Freiger zu erklimmen. Ich hatte dabei den ganzen Tag über schon ein ungutes Gefühl, weil es immer weiter gestürmt hat. Am Nachmittag stand dann eine der beiden vor der Tür des Schutzhauses und sagte nur: „Meine Freundin ist abgestürzt.“ Ich bin sofort losgezogen, um die Frau zu suchen und habe sie dann zum Glück auch gefunden. Als ich sie auf meinen Schultern zum Becherhaus zurücktrug, sagte sie dauernd: „Wir werden sterben, wir werden sterben.“ Und ich entgegnete ihr jedes Mal: „Nein, wir gehen jetzt zurück zum Schutzhaus.“ Das haben wir schließlich auch geschafft und die Frau konnte von den Bergrettern, die inzwischen vom Tal heraufgestiegen waren, nach unten gebracht und versorgt werden. Solche Extremsituationen sind es vielleicht, die sich dann besonders in die Erinnerung einbrennen und die man auch erstmal verarbeiten muss. Aber ansonsten bin ich voll von positiven Erinnerungen an meine Zeit als Hüttenwirt. Auch der heutige Tag, der mit dem wunderbaren und warmen Wetter Mitte September fast surreal erscheint, wird mir bestimmt im Gedächtnis bleiben.

STOL: Gibt es schon einen Nachfolger?

Pichler: Lukas Lantschner, der Wirt der Müllerhütte, hat die Ausschreibung des Landes gewonnen und wird Ende Juni 2021 das Becherhaus wieder aufsperren. Mit ihm stand ich in der letzten Zeit schon in engem Kontakt und konnte die Übergabe super organisieren. Ich bin von Herzen froh, dass ich so mein Lebensprojekt in gute Hände weitergeben kann. Ich werde ihm auch helfen, die Hütte im nächsten Jahr wieder aufzusperren, weil ich nach 20 Jahren natürlich jeden Winkel der Hütte kenne. Nun laufen aber erst einmal die geplanten Umbauarbeiten, die das Land Südtirol am Becherhaus vornehmen wird und das Schutzhaus zu einem noch schöneren Ort machen werden.




STOL: Was haben Sie jetzt vor?

Pichler: Ich bin jetzt für alles offen. Meine Zeit als Hüttenwirt ist auf jeden Fall vorbei, aber ich werde mich bestimmt auf die Suche nach einer neuen Herausforderung machen. Eigentlich bin ich ja Bergführer und Skilehrer, aber ich muss mich jetzt erstmal neu ordnen und dann sehen, wohin mich mein Lebensweg noch führt. Bestimmt noch das eine und andere Mal zum Becherhaus.


pho

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