Steigeisen rammen ihre Spitzen in das blau leuchtende Eis. Vor und hinter mir höre ich den lauten Atem der Seilschaft-Mitglieder. Die Luft liegt kühl auf unseren Gesichtern. Seitlich von uns fließt ein Rinnsal mit Gletscherwasser, das an Mineralwasserwerbungen erinnert, die Naturnähe und Frische versprechen. Hinter uns tanzen weiße Nebelschwaden einen langsamen Walzer im Wind.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="948424_image" /></div> <BR /><BR /> Noch liegt etwa die Hälfte des Suldenferners über uns. Durch die Wolkendecke können wir das Ende nicht erkennen. Doch die Blicke sind sowieso starr auf den Eisboden gerichtet, jeder Schritt zielstrebig gewählt. <BR /><BR />Zwischen dem Weiß des Gletschers, das von grauschwarzen Schmutzpartikeln gesprenkelt wird, sehe ich einen unerwarteten Farbfleck aufleuchten. Eine gelbe Müsliriegelverpackung. Ganz unverschämt nimmt sie sich den Platz in diesem Ökosystem. Nach und nach fallen mir immer mehr solcher invasiven Arten auf: Zigaretten, eine Bananenschale, ein Eisbecher, eine Dose – die offensichtlichen Erkennungsmerkmale des Homo Sapiens Sapiens.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="948427_image" /></div> <BR /><BR />Der Mensch hat allerdings weitaus größere Einflüsse auf die Gletscher des Stilfser Joch Nationalparks als Plastikverpackungen. Denn seit den 1850ern gehen die Gletscher hier immer weiter zurück. Anfangs war der Prozess nur langsam merkbar, doch seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erkennt man die Veränderung von einem Jahr auf das nächste mit bloßem Auge. <BR /><BR />Auch den Organisatoren des Glaziologie-Camps für Jugendliche fällt der Unterschied auf. Mit in Sorge verrunzelter Stirn denken sie an die Eismassen zurück, die sie in den Anfängen des Projektes noch sehen konnten.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="948430_image" /></div> <BR /><BR />Begonnen hat alles 2011. Ein Forscherteam wollte in diesem Jahr Gletscherbohrungen auf dem Ortlerplateau durchführen. Lange, hohle Bohrer graben sich dabei in das jahrhundertealte Eis und holen Zylinder voller Geschichte wieder hervor. Neben einer wichtigen Wasserquelle speichern die Eisgiganten auch eine Menge an Informationen über die Klimageschichte unseres Planeten. <BR /><BR />Doch nicht nur die Forscher selbst konnten 2011 das Wissenschaftsspektakel beobachten. Interessierte Schüler aus ganz Südtirol wurden eingeladen um dem Team bei seiner Arbeit zuzusehen. Was als einmaliges Projekt gedacht war, hat 2023 immer noch Bestand.<BR /><BR /> Die Atmosphäre von damals wollten einige engagierte Lehrer nicht verlieren. Die Welt der Glaziologie, der Geologie und der Botanik wird hier zum Greifen nah. Doch dieses Jahr merken wir, dass die Gletscher stetig weiter außer Reichweite gelangen. Ein Geologe, der das Camp begleitet, sagt uns ungeschönt: „In 50 Jahren sind sie wahrscheinlich verschwunden“. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="948433_image" /></div> <BR /><BR />Nichtsdestotrotz ist die Stimmung gut. Es hilft nichts – man kann nicht immer an die Klimakrise denken. Wenn man gemeinsam mit 21 anderen Jugendlichen durch Bergwacholder und schimmernde Augengneise wandert und Würzburger Schüler, die zum ersten Mal in Südtirol sind, dialektale Ausdrücke wie „schmattig“ lernen, werden existenzielle Sorgen schnell vergessen. <BR /><BR />Schon am ersten Tag geht es direkt auf das Stilfser Joch. Von „Nationalpark“ spürt man hier jedoch nicht viel. Naturgeräusche werden von der Lärmwand der Motorradfahrer überdeckt, die Bremsspuren auf der ikonischen Passstraße hinterlassen. Neben Wellnesshotels mit Solarium findet man hier oben eine Aneinanderreihung von Souvenirgeschäften, an denen man sich mit Postkarten und Murmeltier-Plüschtieren ausstatten kann. „So nah dran am Problem und trotzdem nichts verstanden“, geht mir durch den Kopf. Der Gedanke ist schnell verflogen, als wir weiter gehen.<h3> Pflanzen in lebensfeindlicher Welt</h3>Der zweite Tag hier oben führt uns ins Gletschervorfeld des Madatschferners. Botanik steht auf dem Programm. Doch auf den ersten Blick scheint die Umgebung karg und lebensfeindlich zu sein. Wind tobt über den Boden und die Sommerwärme kriecht in niedrigere Lagen zurück. Vegetation scheint es kaum zu geben. Doch wir werden dazu aufgefordert, genauer hinzusehen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="948556_image" /></div> <BR /><BR />Es gibt sie sehr wohl, die Pflanzen. Überall um uns herum schmiegen sie sich an die Steilhänge, bohren ihre Wurzeln zwischen Kalk- und Dolomitschutt und sichern sich so ihren Platz an der Oberfläche. Feuerrot leuchtende Beerenstrauche liegen hier im Herbst in der Landschaft wie natürliche Wegweiser. Silberwurz legt sich über den trockenen Boden wie eine Decke. Und gelber Wundklee bringt Farbvielfalt in den botanischen Garten der Alpen. <BR /><BR />All diese Pflanzen haben etwas wichtiges gelernt: Werden die äußeren Umstände ungemütlich, muss man sich eben anpassen. Weniger und langsameres Wachstum. Mehr Symbiose und Zusammenarbeit. Lang anhaltende Verankerung. Die Ressourcen, die einem zur Verfügung stehen, so gut wie möglich nutzen. Von ihnen haben wir uns noch einiges abzuschauen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="948436_image" /></div> <BR /><BR />Bis zum eigentlichen Gletschervorfeld sind es von unserer Unterkunft aus nur wenige hundert Meter, doch jede Pflanze will betrachtet werden, und so brauchen einige von uns eine ganze Weile. Hinter einem kleinen Anstieg höre ich das Lachen von jenen, die schneller waren als wir. Ich mache ein paar große Schritte um den Abstand abzubauen und erreiche die Spitze der Erhöhung. Mir bleibt die Luft weg, und das nicht wegen der Höhenlagen. <BR /><BR />Eine unwirkliche Landschaft breitet sich vor mir aus. Unter mir liegt eine gigantische Seitenmoräne, wie eine graue Version einer Wüstendüne. Doch noch erstaunlicher ist der Blick nach oben. Der sich zurückziehende Gletscher hat graue Wogen an geschliffenem Stein freigelegt. Wie ein ungestümer, erstarrter Gebirgsfluss, der jeden Moment auf uns einbrechen kann, bäumen sie sich vor unseren Augen auf. Das einzige Wort, das mir dazu einfällt, ist Ehrfurcht. <h3> „Das einzige Wort, das mir einfällt, ist Ehrfurcht“</h3>Der Gletscher liegt nun unter uns, das Weiß des Schnees vermischt sich mit dem des Nebels unter unseren Füßen. Der Wind hier oben am Grat ist stärker, er tobt und zieht in jede noch so kleine Öffnung der Funktionskleidung. Regentropfen peitschen ins Gesicht und die Nässe lässt sich auch durch Regenjacken nicht mehr draußen halten.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="948439_image" /></div> <div class="img-embed"><embed id="948442_image" /></div> <BR /> Bis zu der Suldenspitze sind es noch etwa 25 Höhenmeter, ein Fußweg von weniger als 10 Minuten bei guten Wetterverhältnissen. Wir stehen schlotternd auf feuchtem Geröll, das Nicht-Bewegen ist wohl das Schlimmste in dieser Situation. <BR /><BR />Die Bergführer beraten sich. Lohnt es sich, den Weg noch auf sich zu nehmen? Es ist ja nicht mehr weit? Aber der Wind auf dem schmalen, unsicheren Weg? Ein Gefühl von Angst macht sich in mir breit. Es ist immerhin mein erstes Mal auf einem Gletscher und ich frage mich plötzlich, wie lang ein Rettungshubschrauber brauchen würde, um uns hier oben zu erreichen, ob er es mit dem Nebel überhaupt schaffen würde. Am Ende werden auch wir Schüler in den Rat mit einbezogen. Auf dem Gletscher müssen schließlich alle Entscheidungen gemeinsam getroffen werden. <h3> Warum umkehren besser ist</h3>Der Entschluss wird gefällt: Wir kehren um. Einen Schritt nach dem anderen treten wir den Rückweg an. Eine Hand am Pickel, die andere am Seil. Nach einer viertel Stunde sind wir dem schlimmsten Wetter entflohen. Wir sind windgeschützter und der Regen hat nachgelassen. Wir sind überzeugt, uns richtig entschieden zu haben. <BR /><BR />Ich denke zurück an eine Aussage, die wir am ersten Tag gehört haben: „Ihr seid eine der letzten Generationen, die noch Gletscher sehen wird.“ Der letzte Tropfen dieser wunderschönen Giganten, die jahrtausendelang stolz über uns ragten, wird über geschliffenen Fels rinnen und im Boden versickern. Doch wenn wir uns einiges dieser Schönheit bewahren wollen, die ich in diesen Tagen sehen konnte, müssen wir das umsetzten, was ich gerade gelernt habe: Manchmal ist es besser, man kehrt gemeinsam um, als nach Gipfeln zu streben, die uns alle in Gefahr bringen.<BR />