Manche lassen sich von Schicksalsschlägen zeitlebens runterdrücken, aber erstaunlich viele ziehen gerade daraus kaum für möglich gehaltene Kräfte. Zu Letzteren zählt zweifelsfrei auch Markus Kompatscher (54), seit nunmehr 30 Jahren Präsident der Sportgruppe für Körperbehinderte Südtirols (SGKS) und außerdem seit 7 Jahren Leiter des Referates Behindertensport im VSS (Verband der Sportvereine Südtirols). <BR /><BR /><BR />Im vergangenen August wurde er für sein sportliches und soziales Engagement mit der Verdienstmedaille des Landes Tirol ausgezeichnet, sie wurde ihm in Innsbruck von den Landeshauptleuten Arno Kompatscher und Günther Platter überreicht. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="730007_image" /></div> <BR /><BR />Oft werde er gefragt, ob er denn mit dem Südtiroler Landeshauptmann verwandt sei, doch dem gebürtigen Welschnofner ist nichts dergleichen bekannt. Wenn man so will, durfte er sich dann obendrein auch noch über eine Auszeichnung der etwas anderen Art freuen – die Silberhochzeit. Seit 25 Jahren ist er bereits mit seiner Hilde verheiratet, längst gehen die beiden erwachsenen Kinder ihre eigenen Wege. Eine weitere Konstante in Markus Kompatschers Leben ist überdies seine berufliche Tätigkeit beim Regierungskommissariat in Bozen, wo er seit 1991 beschäftigt ist und dort das Personalwesen betreut. <BR /><BR /><b>Das Dankeschön an die Solidargemeinschaft</b><BR /><BR />Gesellschaftliches Engagement, berufliche Stationen und auch Privates sind oftmals jedoch nur vordergründige Schablonen, um Menschen einordnen oder miteinander vergleichen zu können. Vielfach erweist es sich als aussagekräftiger, zu ergründen, was sie antreibt, welche Brüche sie zu meistern haben, welche Haltung sie an den Tag legen, wie sie mit Mitmenschen umgehen oder welchen Platz sie in ihrem Umfeld ausfüllen. So lässt sich das Naturell von Markus Kompatscher wohl gut mit seiner grundsätzlichen Lebenseinstellung ergründen: Er ist ein überaus offener, ehrlicher und amüsanter Zeitgenosse – alles Eigenschaften, die ihn zum Interessenvertreter für die Anliegen Körperbehinderter geradezu prädestinieren. <BR /><BR />Er gehört nicht zu jenen, die immerzu fordern, poltern oder jammern, sondern geht lieber beispielgebend voran und bedankt sich für die bisherigen Unterstützungen und Fortschritte. „Durch die gelebte Solidarität in Südtirol ist es mir vergönnt, ein ganz normales, selbstbestimmtes Leben zu führen, was gewiss nicht selbstverständlich ist. Das ist ein großes Glück und sollte ruhig stärker gewürdigt werden, speziell in der heutigen Zeit.“ Dabei beruft sich Kompatscher auf das Solidarprinzip und das engmaschige Netz an Betreuungseinrichtungen. Wie sonst sollten sich Körperbehinderte die medizinische Versorgung leisten können, und wie könnten behindertengerechte Strukturen ohne öffentliches Geld finanziert werden?<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-52586788_listbox" /><BR /><BR /><BR /><b>Der Schicksalsschlag im Oktober 1978</b><BR /><BR />Dies sind nicht bloß rhetorische Fragen, denn er selbst hat eine andere Wirklichkeit erleben müssen, als vor über 40 Jahren sein Leben schlagartig eine nicht erwünschte Wendung nahm. „Es war der 28. Oktober 1978, also kurz vor meinem 11. Geburtstag, als ich mit meinem Fahrrad zum Atzwanger Bahnhof radeln wollte und dabei plötzlich von einem Auto erwischt wurde“, blickt er zurück. Mit aller Wucht schleuderte es ihn in das Innere des Wagens, dabei wurde ihm das linke Bein oberhalb des Knies abgetrennt. Die dramatischen Szenen hat er verinnerlicht, bis auf ein paar Sekunden sei er permanent bei Bewusstsein gewesen. „Ich sah, was mir am linken Bein widerfahren war, aber tatsächlich machte ich mir mehr Sorgen um meinen völlig verdrehten Arm, weil ich diesen zunächst nicht bewegen konnte“, beschreibt er ohne irgendwelche Umschweife den Unfall, ohne dabei auch nur an die Schuldfrage zu denken. So sei es nunmal eben passiert, und basta. <BR />Er habe Glück gehabt, dass ein Militärarzt zufällig vorbeikam und ihm geistesgegenwärtig den Oberschenkel mit einem Druckverband verarztete. Bald schon eilten neben den Rettungskräften sein Vater und seine Schwester herbei, die Notoperation wurde im Krankenhaus von Brixen durchgeführt. „Danach wurde ich sozusagen vollständig in Gips verpackt“, sagt er. Zur Amputation des linken Beines kam auch ein Schlüsselbeinbruch und eine Armfraktur, zumindest hatte der bemitleidenswerte Bub den furchtbaren Aufprall überlebt. <BR /><BR /><b>Mehr Feldlazarett als Krankenhaus</b><BR /><BR />Kompatscher schildert die Vorkommnisse heute ohne jegliches Unbehagen, er hat davon wohl schon Hunderte Male erzählt. Lebhaft in Erinnerung hat er auch die Zustände im Spital, in dem er wegen übervoller Zimmer die erste Nacht nach der Not-OP auf dem Gang verbringen musste, wo er die Zeit danach mit 11 weiteren Patienten in einem Zimmer zubrachte und wo er auch zufällig Zeuge wurde, wie ein 90-Jähriger starb. Wochen später wurde ihm sein Gips mit dem Hinweis abgenommen, er könne heimgehen – ohne Rollstuhl, ohne Krücken und ohne irgendeine Art von Physiotherapie. <BR /><BR />Es sind Beschreibungen, die eher an ein Feldlazarett als an ein Krankenhaus erinnern. Derartige Zustände seien heute unvorstellbar, die Standards in den Spitälern haben veritable Quantensprünge vollzogen, die Medizin könne mittlerweile Wunderdinge vollbringen. Damit meint Kompatscher nicht zuletzt seine Prothese mit computergesteuertem Drehgelenk. Kurzerhand stülpt er sein Hosenbein hoch und zeigt das hochtechnologische Teil. <BR /><BR />„Ähnlich wie bei einem Auto muss ich damit bald mal wieder zum Service“, meint er trocken und setzt noch einen drauf, indem er die gesamte Prothese zur Körpermitte schwingt, ganz nach dem Motto: Ich kann etwas, das du nicht kannst. Zugleich erinnert er sich an seine allererste Prothese aus Holz, die mehr schlecht als recht funktionierte und höllische Schmerzen bereitete. Manche mag ein derart ungezwungener Umgang mit einer Körperbehinderung irritieren, doch letztlich wird sie gerade dadurch enttabuisiert und normal. Man kann sich dann auf die wesentlichen Dinge konzentrieren. „Früher sollten die Leute nicht mitbekommen, dass man eine Prothese trägt, heute hingegen achtet darauf kaum noch irgendwer“, spricht Kompatscher die Entwicklung in den Köpfen der Leute an. <BR /><BR /><b>Die Entwicklung in den Köpfen der Leute</b><BR /><BR />Vor 20 oder 30 Jahren fühlte man sich mit körperlichen Beeinträchtigungen vielfach marginalisiert und unverstanden, mittlerweile dürfe man sich auch mit Prothese oder im Rollstuhl als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft fühlen. „Junge Leute mit einer Behinderung gehen wie selbstverständlich damit um, außerdem gibt es viele Dienste und Strukturen, um sie aufzufangen“, weiß Kompatscher. <BR /><BR /><b>Die Wegbereiter und die Olympiahelden</b><BR /><BR />Einen jener Dienste, die eingangs erwähnte Sportgruppe für Körperbehinderte, hat er selbst seit dem Gründungsjahr 1990 maßgeblich mitgestaltet und aufgebaut. Liebend gerne erzählt er, wie ihn einst Leo Klotz dazu ermutigt hat und er die erste Präsidentin Burgi Walter aus Neumarkt als Schriftführer unterstützte und wie er den Meraner Herbert Alber als treibende Kraft bei der Gründung und zudem als VSS-Behindertenreferent bewunderte. Es waren allesamt Pioniere und Wegbereiter für die Entwicklung des Behindertensports in Südtirol. 1992 übernahm er den SGKS-Vorsitz.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="730010_image" /></div> <BR /><BR />Als weiteren Meilenstein ortet er die Erfolge bei den Paralympics in Salt Lake City 2002, als Roland Ruepp, Christian Lanthaler und Florian Planker Medaillen holten und ganz Südtirol ihre sportlichen Leistungen bewunderte. Nach und nach konnte sich die Sportgruppe festigen und etablieren. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="730013_image" /></div> <BR /><BR />Das zeige sich nicht zuletzt in der Unterstützung von Sponsoren, auch hierbei freut Kompatscher die respektvolle Begegnung auf Augenhöhe. „Wir haben derzeit 135 Mitglieder, der nächste sportliche Höhepunkt ist die Teilnahme der Para-Eishockey-Mannschaft bei den Paralympics in Peking“, blickt er voraus. Jeder Behindertensportler solle nach seinen Möglichkeiten gefördert werden, deshalb misst er etwa dem Monoskikurs am Jochgrimm, an dem sich 10 Anfänger beteiligt haben, dieselbe Bedeutung bei. <BR /><BR />Dieses Ehrenamt habe ihn bereichert und ihm stets große Freude bereitet. Die Sportgruppe könne für junge Unfallopfer jedoch nur eine erste Motivationshilfe sein, denn letztlich „muss sich in so einer Situation jeder selbst helfen“. Jüngere sollen bald schon das Ruder übernehmen, zuvor will er aber noch einen Sitz für den Verein finden. <BR /><BR /><b>Die nachdenklichen Schlussworte</b><BR /><BR />Die eigenen sportlichen Leistungen spielt der passionierte Radfahrer gerne herunter. Dabei kann man wohl erst ermessen, wie es ist, mit nur einem Bein auf einem handelsüblichen Rennrad auf das Stilfser Joch oder auf den Mendelpass hochzutreten, wenn man es tatsächlich versucht hat. Für Kompatscher genauso eine Selbstverständlichkeit wie die feste Teilnahme am Radkriterium in Kastelbell. Außerdem singt er gerne, sowohl beim Kirchenchor Atzwang als auch beim „Runkelsteiner Singkreis“. So geht er konsequent, gelassen und frohen Mutes seiner Wege und strahlt einen beneidenswerten Optimismus aus. <BR /><BR />Einige nachdenkliche Worte findet er dann doch noch: „Bei unserem Lebensstandard und all den Möglichkeiten, die das Leben heute zu bieten hat, kann ich den vielen Frust und Neid einfach nicht nachvollziehen. Etwas mehr Demut und Bescheidenheit täte unserer Gesellschaft gut.“ Sagt es, steigt mit seiner Prothese vorsichtig einige Treppen hinab und richtet seinen Blick nach vorne – die Spiele in Peking stehen schon vor der Tür. <BR />