Mittwoch, 07. Oktober 2015

„Auf der Flucht“ – Projekt des Gymme Meran am Puls der Zeitgeschichte

Die Sozialanthropologin Monika Weissensteiner, der EU-Parlamentarier Herbert Dorfmann und der Fotograf Georg Hofer sprachen am Montag, 05. Oktober, auf Einladung des Gymme in der Aula der WFO in Meran über die Ursachen der aktuellen Flüchtlingsströme nach Europa und beleuchteten das Thema des menschlichen Grundrechtes auf Asyl aus unterschiedlichen Perspektiven.

Europaparlamentarier Herbert Dorfmann berichtet den Schülern von den Plänen der EU.
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Europaparlamentarier Herbert Dorfmann berichtet den Schülern von den Plänen der EU.

Mit diesem 1. Modul des Projektes „Auf der Flucht“ greift das Gymme Meran auf  ausdrücklichen Wunsch des Direktors Martin Holzner die aktuelle Problematik der Flüchtlinge auch hier in Meran auf und versucht Erklärungen und Antworten für die vielen Fragen der Jugendlichen zu finden.

Monika Weissensteiner, die sich seit genau einem Jahr ehrenamtlich und in Zusammenarbeit mit der Alexander Langer Stiftung um die auf dem Brenner gestrandeten Flüchtlinge kümmert, gab einen sehr informativen Überblick über die rechtliche Situation der internationalen Asylpolitik.

Wenige der anwesenden SchülerInnen wussten schließlich, dass erst 1948 in der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ das Recht eines jeden Menschen auf Asyl verbrieft wurde. Beispielhaft für dieses Versäumnis der internationalen Gesetzgebung war die Tragödie des Flüchtlingsschiffes „St. Louis“, das 1939 Juden von Europa nach Übersee hätte bringen sollen und nicht an Land gelassen wurde. 250 asylsuchende Passagiere waren schließlich nach der Rückkehr in Belgien in Konzentrationslagern umgekommen.

Wichtig war auch der Überblick, den Monika Weissensteiner über die tatsächlichen Flüchtlingszahlen in den Ländern gab. So fanden 2014 laut UNHCR (UNO Flüchtlingsorganisation) rund 80% der weltweit ca. 60 Mil. Flüchtlinge Aufnahme in einem Nachbarstaat. Namentlich sind es die Türkei, Pakistan, der Libanon und der Irak, die am meisten Schutzsuchenden temporäres Asyl bieten.

Die rund 800 Flüchtlinge, die zur Zeit in Südtirol leben machen ca. 1,3% der nationalen Flüchtlinge aus, von denen die aktuellen Transitflüchtlinge – vornehmlich aus Eritrea und Syrien – den geringsten Anteil ausmachen. Interessant für die Jugendlichen war auch Weissensteiners Beschreibung ihrer Arbeit am Brenner, die hauptsächlich darin besteht, den meist jungen Männern Informationen darüber zu geben, wo sie sich gerade befinden und ihnen bei der Abwicklung der Formalitäten zu helfen.

Der Brixner Fotograf Georg Hofer, der ehrenamtlich mit den Flüchtlingen im sog. Fischerheim in Vintl gearbeitet hat, konnte mit seiner Fotoreportage „Ways to Vintl“ ein eindrückliches Bild über die Lebensumstände und das Umfeld jener Menschen vermitteln, die v.a. aus den Ländern der Subsahara die oft Jahre dauernde Reise nach Nordafrika und Europa auf sich nehmen. Die schwierigen Umstände unter denen die sogenannten „aventuriers“ durch die Sahara und schließlich über das Mittelmeer gelangen, erklären auch zum Teil ihre Überzeugung auf keinen Fall wieder mittellos nach Hause zurück zu kommen. Hofer hat selbst die umgekehrte Route der Flüchtlinge von Agadez im Niger nach Ghana und Burkina Faso genommen und hat die Familien seiner Schützlinge in Vintl in ihrer Heimat besucht. Bewegend und mit vielen anschaulichen Anekdoten zeichnete Hofer in seinen Bildern den Alltag in den westafrikanischen Herkunftsländern der Asylsuchenden nach. Die Problematik der aktuell viel diskutierten Unterscheidung zwischen Wirtschaftsflüchtlingen und politischen Flüchtlingen wurde für viele Jugendliche nach diesen Eindrücken um so deutlicher.

Auch die anschließenden Ausführungen des Südtiroler EU-Parlamentariers Herbert Dorfmann unterstrichen die vielen unterschiedlichen Aspekte, die bei der Bewältigung der Flüchtlingsproblematik zum Tragen kommen. Allein die Tatsache, dass sei es der französische Ministerpräsident Holland als auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre jeweiligen Visionen zu diesem Thema noch in dieser Woche vor dem EU-Parlament in Brüssel darlegen werden, zeigt wie bedeutsam die Thematik für ganz Europa ist.

Dorfmann sah die Gründe des plötzlichen Ansturms auf die EU Grenzen v.a. in der schlechten finanziellen Situation und Auswegslosigkeit in den großen Flüchtlingslagern der Türkei, Jordaniens und dem Libanon. Vor drei Jahren hatte man sich auf einer großen internationalen Geberkonferenz auf eine Unterstützung dieser von der UNHCR geleiteten Lager in der Höhe von 4 Mrd. Dollar geeinigt. Bis heute seien aber de facto nur 4 Mill. Dollar  in diesen Fond geflossen und das Geld für die Flüchtlingshilfe reiche nicht mehr aus. Dorfmann plädierte in seinem Vortrag dafür, mehr Möglichkeiten für eine legale Einreise nach Europa zu schaffen und damit den Schlepperbanden das Handwerk zu legen. Die EU arbeite auch an der Errichtung eines Treuhandfonds in der Höhe von 3 Mrd. Euro, die teils für die Entwicklungshilfe in den Herkunftsländern, teils für die Flüchtlingscamps verwendet werden sollen. Wichtigstes Ziel der EU sei es jedoch zur Zeit, eine einheitliche europäische Herangehensweise in der Flüchtlingsfrage zu finden und so gegensätzliche Positionen wie die Deutschlands und Ungarns auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.

Nach diesen interessanten und aktuellen Beiträgen war noch Zeit auf einzelne Fragen der SchülerInnen einzugehen, bevor alle drei Diskussionsteilnehmer den Jugendlichen einen Wunsch mit auf den Weg gaben. Monika Weissensteiner plädierte für direkte Begegnungen mit Flüchtlingen und Skepsis vor der Medienberichterstattung, Herbert Dorfmann erinnerte daran, dass alle Teil einer Zivilgesellschaft seien und sich auch aktiv einbringen sollten und Georg Hofer schließlich wünschte den Jugendlichen viel Offenheit dem Fremden gegenüber und angstfreie Neugier.

In den nächsten Wochen arbeiten die SchülerInnen in einzelnen Klassenprojekten an dem von Prof. Birgit Eschgfäller und Prof. Zeno Christanell koordinierten Projekt weiter und setzen sich begleitet vom Verein Voluntarius in persönlichen Gesprächen und gemeinsamen Aktionen mit den Flüchtlingen auseinander. Die unterschiedlichen Begegnungen werden von Prof. Ruth Pinzger in einer Dokumentation gesammelt und bei der Abschlussveranstaltung, am Montag den 14.12. der Öffentlichkeit vorgestellt.

Ein vielversprechendes Projekt, mit dem das Gymme versucht, rasch auf die gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen zu reagieren, die uns alle und die Jugendlichen im besonderen Maße beschäftigen.

Zeno Christanell, Meran

stol