Gute 20 Meter, wenn nicht gar 25 Meter hoch ist die mächtige Zeder, an der sich Moritz Tirler (47) an diesem kalten Mittwochvormittag Ende November zu schaffen macht. Zunächst ist er von unten nur schemenhaft in der dichten Baumkrone auszumachen, ehe er sich zielsicher Meter für Meter abseilt und dabei einige Äste von der alles dominierenden Kletterpflanze befreit. <BR /><BR />Am Boden angekommen meint er bloß: „Das hier ist schon eine ziemlich aufwendige Arbeit, aber im Frühling zeigt sich diese Besonderheit in ihrer ganzen Pracht.“ <BR /><BR />Es handelt sich um eine Attraktion im Park des Bozner Parkhotels Laurin, im Frühling bestaunen Gäste das duftende Rosengewächs am Baum, im Sommer spendet die Zeder zusammen mit vielen anderen Baumriesen wohltuenden Schatten. Genau jetzt ist die richtige Zeit zum Einkürzen von ausladenden Ästen und das Auslichten der Krone, natürlich werden dabei zugleich die Sicherheit und die Vitalität der Bäume geprüft. <BR /><BR />Dazu wurde im Vorfeld von einem Baumgutachter für jeden Baum ein Gutachten erstellt, zusammen mit den Wünschen des Hausherrn bietet dieses die Grundlage für den Arbeitsauftrag. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="972400_image" /></div> <BR /><BR />Bei Sportwasser und Kaffee erläutert der zertifizierte Baumpfleger die Anforderungen seines Berufes. „Unser Augenmerk gilt in erster Linie der Gesundheit der Bäume, zumeist sind gezielte Maßnahmen wie etwa die Pflege der Krone oder die Entfernung von Ästen und Totholz notwendig“, lässt er wissen. Was simpel klingen mag, erfordert in Wirklichkeit Erfahrung, Fachwissen und obendrein ein verinnerlichtes Sicherheitsbewusstsein. <h3> Lieber Bäume pflegen als Baufirma leiten</h3>Wer mithilfe von Seilen und Schlingen und womöglich auch noch mit einer Motorsäge auf Bäumen herumbalanciert, der muss natürlich etwaige Gefahrenquellen stets im Blick haben – zum Schutze von sich selbst und aller anderen. <BR /><BR />So hat Moritz Tirler an der Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau in Heidelberg eine 5-monatige Ausbildung zum Fachagrarwirt in Baumpflege und Baumsanierung absolviert, zudem einen Kurs im Baumklettern und einen Kurs zum sachgerechten Arbeiten mit Motorsägen gemacht. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="972403_image" /></div> <BR /><BR /><BR />Sein Arbeitsplatz ist vielfach hoch oben in den luftigen Baumkronen angesiedelt und bietet oft spektakuläre Rundumblicke über die jeweiligen Städte oder Talschaften. Es versteht sich von selbst, dass er beim Arbeiten immer Schutzausrüstung mit Helm und Gurten benötigt. Dabei kommt ihm seine Leidenschaft für das Klettern zugute, denn ganz nebenbei hat der drahtige Mann die Bergführer-Ausbildung gemacht und kann sich folgerichtig auch als geprüfter Bergführer etwas dazuverdienen. Das sei ein guter Ausgleich zum Beruf. <h3> Ein gelernter Maurer</h3>„Das Klettern hat auf mich schon immer einen unwiderstehlichen Reiz ausgeübt, bereits als Kind tat ich nichts lieber, als auf Bäume zu klettern und das habe ich mir bis heute bewahrt“, meint er lächelnd. Nach wie vor bereite es ihm große Freude, sich von Ast zu Ast zu hangeln und dabei noch einen wichtigen Dienst an der Umwelt zu erfüllen. <BR /><BR />Klar, bei all dem Klettern bleibe man fit und agil, das bringe der Job automatisch mit sich. Obwohl er schon immer diesen Berufswunsch verfolgt hatte, galt es zunächst, den Tatsachen ins Auge zu sehen: Sein Vater hatte in Kastelruth eine Baufirma, dort erlernte Moritz Tirler den Maurerberuf. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="972406_image" /></div> <BR /><BR />Anstatt den Betrieb zu übernehmen, entschloss sich der Bursche bei einer in Bozen spezialisierten Firma für Baumpflegearbeiten anzufangen. 6 Jahre erlernte er dort das notwendige Knowhow, ehe er die erwähnten Ausbildungen machte, im Jahre 2012 den Schritt in die Selbständigkeit wagte und schließlich 6 Jahre später seine eigene Firma eröffnete. <BR /><BR />„Begonnen haben wir zunächst hauptsächlich mit Kastanienbäumen im Eisacktal, die vom Kastanienrindenkrebs befallen waren. Befallene Äste mussten sachgerecht entfernt werden, um die Ausbreitung zu bekämpfen“, blickt der 47-Jährige zurück. Mit großen Anstrengungen konnte dieser heimtückische Pilz hierzulande zurückgedrängt werden. Aber auch große Nussbäume sowie Streuobstwiesen benötigten immer öfter eine Rundumpflege. <BR /><BR />Mittlerweile hat die Baumpflege ganz klar an Zuspruch gewonnen, sowohl in Ballungszentren wie auch in ländlichen Gebieten. „Vor allem Besitzer von Parkanlagen wissen um die Vorteile einer professionellen Baumpflege, denn nicht sachgerechtes Kappen oder Zurückstutzen kann viel Schaden am Baum verursachen“, weiß Moritz Tirler zu berichten.<h3> Für Sicherheit sorgen</h3> Immer häufiger werde dabei Wert auf die Ästhetik gelegt, sorgfältig zurückgeschnittene Bäume ergeben im Zusammenspiel mit schönen Grünflächen oder gar Wasserflächen veritable Wohlfühloasen. Stets muss der Sicherheitsaspekt mitbedacht werden: „Im Sommer sind die Bäume mitunter starken Winden ausgesetzt, im Winter drückt Schneelast auf die Äste. All das gilt es bei der Kronenpflege, beim Auslichten bzw. Zurückstutzen zu bedenken.“ <BR /><BR />Darüber hinaus können immer wieder mal außergewöhnliche Vorkommnisse auftreten, etwa die Entfernung von Prozessionsspinnennestern oder das Fällen von Baumriesen, wenn diese krank sind oder gefährlich werden können. <BR /><BR />Letzthin gab es immer wieder mal Fälle von überraschend umgestürzten Bäumen oder abgebrochenen Ästen, umso wichtiger sind regelmäßige Pflege sowie routinemäßige Evaluierung. Hierbei treten üblicherweise öffentliche Institutionen wie Stadtgemeinden oder das Land als Auftraggeber in Erscheinung. Mit seinen Baumpflege-Diensten ist Moritz Tiroler im ganzen Land tätig, natürlich ist er nicht der einzige in diesem Metier. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="972409_image" /></div> <BR /><BR /><BR />Durch die gestiegene Sensibilität für die Grünflächen in Ballungszentren hat auch der Schutz und die Pflege der Bäume neuen Zuspruch erfahren. Das zeigt sich etwa auch durch verstärkte Bemühungen vonseiten der Stadtgärtnereien oder öffentlicher Institutionen, zusammen mit dem Baumbestand sind auch neue Projekte und Regelwerke gewachsen. Ganz gewiss kein leichtes Unterfangen, denn schließlich bereiten Bäume viel Arbeit, beanspruchen reichlich Platz und warten mit so mancher Belastungsprobe auf, man denke nur an Pollen und fallende Blätter im Herbst. <BR /><BR />Nicht umsonst spricht Ulrike Buratti, Direktorin der Stadtgärtnerei Bozen, von der Kunst der „Baumdiplomatie“, die grossomodo darin besteht, im Falle von Beschwerden die vielen positiven Funktionen der Bäume nicht außer Acht zu lassen. Und diese positiven Funktionen wiegen die negativen Aspekte bei weitem auf, dieser Bewusstseinswandel wurde vielfach bereits vollzogen.<h3> Aufwendige Rettungsaktionen</h3>So werden etwa bei Bauprojekten alte Bäume oftmals umgepflanzt, wie etwa das aktuelle Beispiel in der Sportzone Pfarrhof in Bozen zeigt: 15 Bäume – vorwiegend Eschen, Eichen und Ahorn – wurden kürzlich mithilfe einer speziellen Baumverpflanzungsmaschine ausgegraben und in der näheren Umgebung wieder eingepflanzt. <BR /><BR />Ein weiteres Beispiel ist der mächtige Ginkgo-Biloba-Baum im Innenhof des renovierten Palais Campofranco, mehrere 100.000 Euro soll die Rettung dieses Naturdenkmals gekostet haben. Wahr ist freilich auch, dass der Schutzgedanke nicht allerorten ausgeprägt ist und so mancher plötzliche Kahlschlag die Gemüter hochgehen lässt. <BR /><BR />Gemäß Grünflächenverordnung von 2020 steht jedenfalls in Bozen das Fällen von Bäumen oder unsachgemäße Schneiden von Pflanzen unter Strafe. <BR />Und so werden wohl im verstärkten Ausmaß Baumpfleger gefragt sein, denen der Schutz und die sachkundige Pflege eine Herzensangelegenheit ist. Im Falle von Moritz Tiroler eine Herzensangelegenheit seit Kindheitstagen.<BR />