Mittwoch, 08. März 2017

Die Revolution macht Pause: Autobauer zeigen in Genf Altbekanntes

Beim letzten europäischen Autogipfel in Paris hat sie noch die elektrische Revolution gepredigt – doch auf dem Genfer Autosalon gibt sich die PS-Branche eher evolutionär und sucht ihr Heil in ganz konventionellen Neuheiten. Visionäre gehen leer aus.

Immer noch schnittiger: Der Lamborghini Huracan in seiner "Performante"-Version.
Immer noch schnittiger: Der Lamborghini Huracan in seiner "Performante"-Version. - Foto: © APA/AFP

Die Zukunft kann warten – das ist der Eindruck, der beim Rundgang auf dem Genfer Salon (Publikumstage 9. bis 19. März) entsteht. Denn die Autobauer konzentrieren sich wieder auf das Hier und Heute, statt sich fit zu machen für eine Zeit ohne Verbrennungsmotor und vielleicht sogar ohne Fahrer. Weil sie schließlich erst noch das Geld verdienen müssen, mit dem sie den Systemwandel bezahlen sollen, rücken sie zum Auftakt des europäischen Autojahres vor allem realistische Neuheiten ins Rampenlicht. Die sind zwar nicht immer und vor allem nicht für jeden bezahlbar, aber zumindest greifbar. Denn anders als die elektrischen Visionen kommen sie bereits in den nächsten Wochen in den Handel.

Der neue DS7 Crossback. - Foto: afp

Die Musik spielt dabei vor allem – wie sollte es anders sein – im SUV-Segment. Denn der Boom auf der Buckelpiste geht weiter, und es kommen immer noch mehr Geländewagen dazu. Das reicht in Genf von komplett neuen Modellreihen wie dem Velar als viertem Range Rover oder dem DS7 Crossback als Flaggschiff der vornehmen Citroen-Schwester bis hin zu Seitenwechslern wie den Großraumlimousinen Opel Meriva oder Citroen C3 Picasso, die sich als Crossland X und als Aircross-Konzept ins Geländegetümmel stürzen.

Stolze 750.000 Euro muss man für den Mercedes Maybach Landaulet auf den Tisch blättern. - Foto: dpa

Und weil die Stammspieler ihre Pfründe nicht kampflos preisgeben, drehen sich auf dem Salon zum Beispiel die zweite Generation des Renault Koleos, der aufgefrischte Renault Captur, der XL-Tiguan „AllSpace“ mit bis zu sieben Sitzen oder die Neuauflage des Volvo XC60 im Rampenlicht. Selbst Veteranen wie die Mercedes G-Klasse drehen auf: Der Urvater deutscher Allrad-Modelle steht in Genf als G 650 Landaulet mit Maybach-Logo und bedient mit einem Preis von 749.700 Euro und einem V12-Motor von 436 kW/630 PS einen weiteren Trend des Salons: Luxus und Leistung.

F 812 Superfast: der schnellste und stärkste Ferrari aller Zeiten. - Foto: apa/afp

Darauf setzen auch Marken wie Ferrari, Lamborghini, Bentley oder McLaren und die vielen Klein- und Kleinstserienhersteller, die ihre Neuheiten oft direkt vom Stand weg verkaufen. So kommt aus Modena mit dem F 812 Superfast der bislang stärkste und schnellste Ferrari der Geschichte. Und aus Sant'Agatha Bolognese fliegt die „Performante“-Version des Lamborghini Huracan über die linke Spur. Wem das zu gewöhnlich ist, der kann seine PS-Träume bei Pagani, bei der Carozzeria Touring, Aston Martin oder Bugatti wahr werden lassen.

Audi stellt in Genf den neuen RS5 zur Schau. - Foto: apa/afp

Aber der Genfer Salon beweist, dass Traumwagen keine Mondpreise haben müssen. Wirklich billig sind natürlich auch ein Audi RS5, ein Mercedes E-Klasse Cabrio oder die neue Alpine 110 nicht. Doch gemessen an Millionensummen für den neuen Bugatti Chiron oder den Koenigsegg Regera werden sie beinahe zu Schnäppchen.

"Sport Turismo" nennt Porsche die neue Panamera-Variante. - Foto: dpa

Neben den SUVs und den Supersportwagen feiert in Genf mit dem Kombi vor allem eine Fahrzeugkategorie ihr Comeback, die zuletzt vom Geländewagen bedrängt worden ist. Das zeigt neben Neuheiten wie dem Opel Insignia Sports Tourer, dem BMW 5er Touring oder dem Hyundai i30 CW nicht zuletzt eine Marke, die an der Laderampe bislang niemand erwartet hatte: Porsche. Ausgerechnet der Sportwagenbauer riskiert jetzt eine große Klappe und macht den Panamera zum Lifestyle-Laster, wenngleich die Schwaben ihn lieber Sport Turismo als Kombi nennen.

Für sportliche Vielfahrer: der Mercedes AMG GT. - Foto: dpa

Während sie von Zuffenhausen aus in fremden Teichen angeln wollen, müssen sich die schnellen Schwaben allerdings auch auf neue Konkurrenten einstellen. Denn Nachbar Mercedes zielt mit einer viertürigen Version des AMG GT auf genau jene sportlichen Vielfahrer, die bislang im Panamera unterwegs sind. Noch ist das feuerrote Schaustück vom Salon zwar eine Studie, doch schon bald soll es in Serie gehen, verspricht Entwicklungsvorstand Ola Källenius.

Arteon ist das neue VW-Flaggschiff. - Foto: dpa

Der GT für die Familie ist zwar mit Abstand das spektakulärste viertürige Coupé des Salons, aber beileibe nicht das einzige. Für wahrscheinlich nicht mal ein Viertel des Preises dreht sich bei VW das neue Flaggschiff Arteon im Rampenlicht, das für rund 35.000 Euro aufwärts ebenfalls mit vier Türen und schneller Linienführung punkten will. Und Opel hat dem Insignia Sports Tourer nun den Grand Sport zur Seite gestellt, mit dem die bisherige Schrägheck-Limousine zum Designer-Coupé wird.

Auch der Ford Fiesta hat seinen Look aufgefrischt. Foto: afp

Selbst wenn in Genf alles nach Glanz und Gloria strebt und sich sogar Familienkutschen wie der Insignia mit klingenden Beinamen schmücken, bleibt auf dem Salon auch noch Raum für ein paar bodenständige Kleinwagen-Premieren wie den Ford Fiesta, den Seat Ibiza oder den Kia Picanto. Wobei das mit der Bodenhaftung so eine Sache ist. Denn Kia zeigt seinen Winzling auch als sportlichen GT, der Fiesta dreht sich als ST mit 147 kW/200 PS oder als Luxusmodell Vignale im Rampenlicht, und Seat rühmt seinen Neuling als Hightech-Mini mit den Assistenz- und Infotainmentsystemen der Kompaktklasse.

Serienautos vom Kleinwagen bis zum Supersportler, neue Geländewagen und die Wiederentdeckung des Kombis – selten war der Automobilsalon so geerdet wie in diesem Jahr. Erst recht, weil auch noch vermeintliche Störenfriede und Vorausdenker wie Tesla einen großen Bogen um Genf gemacht haben.

Sedric nennt sich das Konzeptfahrzeug aus dem Haus VW. - Foto: dpa

Aber so ganz ohne Vision sind die Autohersteller doch nicht nach Genf gekommen: Denn zumindest ein paar Studien entdeckt man unter all den Serienmodellen – einen futuristischen Hyundai mit Brennstoffzelle, ein elektrisches Spaßgefährt auf schmaler Spur bei Toyota und das erste markenübergreifende Konzeptfahrzeug aus dem VW-Konzern. Mit Autofahren im herkömmlichen Sinne hat dieser Glaskasten namens Sedric nicht mehr viel zu tun. Denn das elektrische Robo-Taxi hat nicht einmal mehr Pedale oder ein Lenkrad und deshalb auch keinen Fahrer. Sondern egal auf welchem Platz man einsteigt, wird in diesem Auto jeder zum Passagier. „Wir rechnen damit, dass solche Fahrzeuge in der ersten Hälfte des nächsten Jahrzehnts tatsächlich auf die Straße kommen“, sagt VW-Digitalchef Johann Jungwirth.

dpa

stol