Der sagenhafte Lawinenhund Barry soll im frühen 19. Jahrhundert Menschen in den Alpen vor dem sicheren Tod gerettet haben. Wahrheit und Legende sind dabei eng miteinander verwoben – und genau diese Mischung macht Barrys Geschichte bis heute so faszinierend. So erzählt beispielsweise der Kinofilm „Mein Freund Barry“ die Legende des berühmten Hundes neu und verbindet historische Fakten mit einer Freundschaftsgeschichte zwischen einem Buben und seinem Hund.<h3> Orientierungssinn und eine feine Nase</h3>Wo aber hat die Legende des treuen Barry ihren Ursprung genommen? Hoch oben in den Penninischen Alpen. Auf rund 2.469 Metern Meereshöhe verbindet der Pass des Großen St. Bernhard seit Jahrhunderten die Schweiz mit Italien. Im Mittelalter galt dieser Übergang als gefährlich: Schneestürme, Lawinen und Wegelagerer machten den Reisenden das Leben schwer. <BR /><BR />Im 11. Jahrhundert beschloss Bernhard von Menthon, Archidiakon von Aosta, dem ein Ende zu setzen: Er gründete ein Hospiz auf dem Pass – ein Schutzort für Pilger, Händler und Wanderer, die den beschwerlichen Weg über die Alpen wagten.<BR /><BR />Etwa ab der Mitte des 17. Jahrhunderts begannen die Augustiner-Chorherren des Hospizes, große, kräftige Hunde zu halten, die ursprünglich als Wach- und Schutzhunde dienten. Das Vorhandensein solcher Hunde ist bildlich seit 1695 und schriftlich seit 1707 in einer Aktennotiz des Hospizes dokumentiert.<BR /><BR />Doch bald entdeckten die Mönche eine ganz besondere Begabung ihrer tierischen Begleiter: Die Hunde besaßen einen hervorragenden Orientierungssinn und eine außergewöhnlich feine Nase. Selbst bei dichtem Schneetreiben konnten sie Menschen aufspüren, die sich in der Bergwelt verirrt hatten.<BR /><BR />So wurden die Hospizhunde zu Lebensrettern. Gemeinsam mit den Mönchen durchstreiften sie die verschneiten Höhenwege, suchten nach Vermissten und halfen Verschütteten aus Lawinen. Historischen Berichten zufolge konnten auf diese Weise im Laufe von etwa zwei Jahrhunderten ungefähr 2.000 Menschen gerettet werden. Die Rettungshunde waren keine Lawinenhunde im heutigen Sinn. Ihre wichtigste Aufgabe war es, auch bei starken Schneestürmen den Weg zurück ins Hospiz zu finden.<h3> Einsätze im Schnee und im Eis</h3>Einer der berühmtesten Hunde war Barry. Der Vierbeiner lebte zwischen 1800 und 1812 im Hospiz auf dem Großen St. Bernhard. Seine Spürnase und Ausdauer machten ihn zu einem außergewöhnlichen Rettungshund. Zahlreiche Geschichten berichten von seinen Einsätzen im Schnee und Eis. Mindestens 40 Menschen soll er vor dem Erfrierungstod bewahrt haben – eine beeindruckende Zahl, die Barry schon zu Lebzeiten zu einer Legende gemacht hat. <BR /><BR />Besonders bekannt ist die Erzählung von einem Buben, den Barry angeblich halb erfroren im Schnee gefunden hat. Der Hund soll das Kind auf seinen Rücken genommen und zum Hospiz getragen haben. Ob diese Episode tatsächlich so stattgefunden hat, lässt sich heute nicht mehr sicher sagen. Doch sie gehört längst zum festen Bestandteil der Alpenfolklore.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1291638_image" /></div> <BR />Auch ein anderes Detail gehört zur berühmten Legende: das kleine Schnapsfässchen um den Hals des Bernhardiners. In unzähligen Bildern und Filmen sieht man den Hund mit dem Fass, aus dem gerettete Wanderer einen Schluck „Lebenswasser“ trinken sollen. Tatsächlich aber ist diese Geschichte frei erfunden. Historische Quellen belegen eindeutig: Die Hospizhunde trugen nie ein Fass mit Branntwein. Das Motiv entstand vermutlich im 19. Jahrhundert durch einen Fotografen.<BR /><BR />Als Barry im Jahr 1812 altersschwach wurde, brachten ihn die Mönche nach Bern, wo er seinen Lebensabend verbrachte. Nach seinem Tod 1814 wurde er präpariert. Noch heute kann man den berühmtesten aller Bernhardiner im Naturhistorischen Museum in Bern sehen – mit dem berühmten Fass um den Hals, das in Wahrheit nie zu seiner Ausrüstung gehörte. Seit Juni 2014 ist dem Bernhardiner sogar eine eigene Dauerausstellung gewidmet.<BR /><BR />Im Laufe der Zeit entwickelte sich aus den Hospizhunden eine eigene Hunderasse: der Bernhardiner. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Rassestandard offiziell festgelegt (die allererste Eintragung im Schweizerischen Hundestammbuch von 1884 war der Bernhardiner Léon), und der Bernhardiner avancierte zum Schweizer Nationalhund. Heute gibt es weltweit Zuchtvereine und Liebhaber dieser Tiere.<h3> Der Nationalhund der Schweiz</h3>Die Schweizerische Kynologische Gesellschaft beschreibt die Rasse folgendermaßen: „Der Bernhardiner ist im Wesen freundlich und hat ein ruhiges bis lebhaftes Temperament. Er ist ein ausgeglichener Hund, der Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt. Trotz seiner imposanten Erscheinung ist er sensibel und hat ein sanftmütiges Wesen. Der Bernhardiner kann durchaus ein ,Dickkopf' sein und Befehle wissentlich überhören. <BR /><BR />Dennoch ist er zuverlässig und gutmütig auch gegenüber Fremden, allerdings hat er einen wachen Beschützerinstinkt. Der Bernhardiner ist ein anhänglicher Hund und benötigt viel Kontakt sowohl zu Menschen als auch zu anderen Hunden.“ Als Lawinenretter werden Bernhardiner nicht mehr eingesetzt. Moderne Rettungshunde sind leichter, schneller und beweglicher. Doch die sanften Riesen haben eine neue Aufgabe: als Therapie- und Familienhunde.