Im Foyer der Schule haben sich mehrere Schüler (mit Down-Syndrom), deren Eltern und die Fachkräfte für Integration versammelt. Alles wartet gespannt auf Direktorin Kranebitter. Julie strahlt über das ganze Gesicht, den bunten Blumenstrauß stets fest in der Hand. Als die Direktorin kommt, verlegt diese die kleine Feierrunde spontan ins Übungs-Café der Schule. Julies großer Auftritt rückt näher und still halten ist gerade eher schwer. <BR /><BR />Warum Direktorin Kranebitter ausgezeichnet wird, wissen in dieser Runde alle aus eigener bester Erfahrung – und Johanna Lerchner, Felix' Mutter, bringt es in ihrer Ansprache auf den Punkt: „Für Ihren außergewöhnlichen Einsatz für unsere besonderen Töchter und Söhne“. Durch ihre „visionäre Führung“ sei die Landeshotelfachschule Bruneck „zu einem beispielhaften Ort der Vielfalt, der Akzeptanz und der Inklusion geworden“. Lerchner erwähnt auch das „unermüdliche Engagement für Arbeitsintegration“ der Direktorin. „Sie und mit Ihnen die ganze Schulgemeinschaft ermöglichen unseren Jugendlichen wirkliche Teilhabe“, sagt sie zum Schluss – und man glaubt der dankbaren Mutter jedes Wort. Die Auszeichnung bekommt Kranebitter im Namen des AEB (Aktive Eltern von Menschen mit Behinderung).<BR /><BR />Nun kann Julie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Spontan fällt sie ihrer Direktorin um den Hals und weint. Den Blumenstrauß ist sie vorher losgeworden, Felix hat die Urkunde auch überreicht – vielleicht ein wenig weniger würdevoll als geplant angesichts der schluchzenden Julie. Die ist so gerührt ob der Ehrung für ihre Direktorin, dass es ein paar Minuten dauert, bis sie ihr schönstes Lächlen aufsetzt – und das Fotoshooting beginnen kann. Wer bisher nicht wusste, weswegen Kranebitter ausgezeichnet wird, spätestens jetzt ist alles klar. Lachend hält sie noch immer mit der einen Hand Julie umfasst und mit der anderen den Blumenstrauß. Die Urkunde ist wieder bei Felix. Das Erinnerungsfoto zeigt eine strahlende Direktorin inmitten ihrer besonderen Schüler, die sich ihr zu Ehren ordentlich ins Zeug legen bzw. in Pose schmeißen. <BR />An der Hotelfachschule lernen auffällig viele junge Menschen mit einer Beeinträchtigung, die meisten mit Down-Syndrom. Sie verteilen sich im Schulalltag auf verschiedene Klassen und Jahrgänge, bilden aber dennoch eine kleine Gemeinschaft. Was aber auf der anderen Seite keineswegs bedeutet, dass sie nicht in ihre jeweiligen Klassen integriert wären, im Gegenteil. „Sie werden von ihren Mitschülern nicht nur akzeptiert, sie werden regelrecht mitgedacht, etwa wenn es um Projekte oder gemeinsame Aktivitäten geht. Ablehnung oder Ausgrenzung gibt es nicht“, berichtet Kranebitter vom gelebten Inklusions-Alltag an ihrer Schule. Wenn es abfällige Bemerkungen gebe, dann von außen. „Wie viele willst du denn von denen noch aufnehmen“, sei sie schon gefragt worden. Kranebitters Antwort darauf ist ganz einfach: So viele, wie sich anmelden. Ablehnen dürfte sie sie zwar sowieso nicht, aber in der Landeshotelfachschule Bruneck sind junge Menschen mit Beeinträchtigung von Herzen willkommen. Zumal, sagt Kranebitter, praktische Fächer gerade Schülern mit kognitiven Beeinträchtigungen weniger Schwierigkeiten bereiten als theoretische. „Und in Küche und Service gibt es immer etwas zu tun, was sie gut übernehmen können“, erklärt sie. <BR /><BR />Und davon bekommen die Gäste der kleinen Feierstunde schon gleich den besten Beweis. Felix, fesch in eleganter Kellnerkleidung samt schwarzer Fliege, bedient gekonnt die dampfende Kaffeemaschine hinter der Theke. Mit ernster Miene und voller Konzentration widmet er sich seiner Aufgabe: Unterteller, Löffel, Zucker – nichts fehlt und der Cappuccino mit schönster „Kapuze“ steht in Null Komma Nichts auf dem Tablett. Espressi wurden auch ein paar bestellt – und schon ist Felix wieder an der Maschine. Den Service am Tisch übernimmt Julie – stolz führt sie den Gästen vor, wie gut sie das kann. Man sieht ihr die Freude an, die ihr die besondere Aufmerksamkeit an diesem besonderen Tag macht. Am Nebentisch kribbelt es Nicolas dennoch in den Fingern, gerne würde er selbst die Gäste bedienen. Schließlich ist das mittlerweile sein täglich Brot. <BR /><BR />Nicolas hat die Matura an der Hotelfachschule schon vergangenes Schuljahr gemacht, für dieses Schuljahr hat er einen Job als Kellner im veganen Restaurant der Schule „Vegabula“. Das Lokal befindet sich nicht im Schulkomplex und ist für Gäste öffentlich zugänglich. Eine besondere Herausforderungen für Nicolas, denn man weiß nie, wer kommt, echte Gäste eben.<BR />Vor der Matura , erzählt er, hat er sich viele Gedanken gemacht, was wohl mit ihm wird. „Das war ein komisches Gefühl, weil ich ja nicht wusste, wo und ob ich arbeiten kann.“ Und als junger Mensch, findet er, „sollte man schon arbeiten.“ Früher, verrät er, sei er schon „ein Lausbub gewesen“ und manchmal habe es in der Schule auch schon mal Ärger deswegen gegeben. Doch mit der Hotelfachschule sei er „Schritt für Schritt erwachsen geworden“. Und jetzt ist er Kellner, betont er stolz. <BR />Und das macht er gut, weswegen Direktorin Kranebitter diesen besonderenTag nutzt, Nicolas um eine Vertragsverlängerung zu bitten. Das gefällt Nicolas, so etwas bekommen die Fußballstars seines Lieblingsvereins Real Madrid auch, wenn sie gut sind. Und ein glückliches Lächeln macht sich auf seinem sympathischen Gesicht breit. <BR />Für Direktorin Kranebitter ist es selbstverständlich, sich auch nach der Matura noch um das Schicksal ihrer besonderen Schüler zu kümmern. Sie kennt sie alle genau und weiß, wer was wo leisten kann – und was eben auch nicht. Und sie weiß auch, dass „sich nach der Schule für viele von ihnen ein Loch auftut“. Denn Inklusion ist in der Arbeitswelt alles andere als Normalität.<BR /><BR /> „Es gibt sicher Berührungsängste, wir merken das immer wieder, wenn unsere besonderen Schüler Praktika machen. Und es ist sicher auch eine Ressourcenfrage, ein echtes Coaching am Arbeitsplatz wäre hier sehr hilfreich“. Zukunftsmusik – vielleicht. Unterdessen tut Kranebitter, was sie kann, vorzugsweise im schulischen Umfeld. Denn das, davon ist sie überzeugt, ist für ihre besonderen Schüler nach der Matura noch ein ganzes Weilchen der beste Ort: „Hier haben sie noch lange mit Jugendlichen zu tun und den Kontakt brauchen sie. Zudem sie sind in einem Umfeld, das ihnen vertraut ist, in dem sie sich zurecht finden.“ <BR />Und in dem sie sich zumindest im Fall der Landeshotelfachschule Bruneck auch wohlfühlen. „Seit ich hier zur Schule gehe, mag ich die Schule. Ich freu mich jeden Morgen, dass ich herkommen darf“, verrät Felix. Großen Anteil daran haben auch die Mitarbeiter und Lehrkräfte für Integration an seiner Schule, „die alle mit viel Engagement dabei sind und mehr leisten, als sie müssten“, lobt Kranebitter ihr Team. Für Felix ist Sandro Zimmerhofer zuständig. Und das ist für Felix gleich ein doppelter Glücksgriff, denn beide teilen die Leidenschaft fürs Eishockey. Und so hat Felix durch Sandro auch die Möglichkeit, hin und wieder eine Übungsstunde auf Eis und Kufen hinzulegen. „Rückwärts fahren kann ich schon gut, und auch schnell“, sagt er. Doch von den Hochleistungen „seiner“ Wölfe, die er regelmäßig bei den Spielen anfeuert, ist er noch ein Stück entfernt. Nicht schlimm, meint Felix.<BR />   Zumal sein Traumberuf ein anderer ist....<BR />