Samstag, 04. April 2015

Bürgermeister will London zur Fahrradstadt machen

Mit dem Fahrrad durch London zu fahren ist nichts für schwache Nerven. Rote Doppeldeckerbusse, schwarze Taxis und weiße Lieferwagen verstopfen die Straßen. Radwege enden ohne erkennbaren Grund. Wartebereiche für Radler vor Ampeln ignorieren die Motorisierten hartnäckig. Dazu ist die Luft so mies, dass Atemschutzmasken weit verbreitet sind.

Boris Johnson will London zur Fahrradstadt machen
Boris Johnson will London zur Fahrradstadt machen - Foto: © APA/AP

Eine „Fahrradstadt“ wie etwa Kopenhagen, Amsterdam oder Münster ist London derzeit beim besten Willen nicht – auch wenn der Bürgermeister das gern hätte. Boris Johnson inszeniert sich als Radel-Politiker. Er lässt keine Gelegenheit aus, sich auf einem Zweirad ablichten zu lassen, und schenkte dem einjährigen Prinz George ein maßgeschneidertes Dreirad. „Boris Bikes“ heißen Mieträder, die an vielen Orten bereitstehen.

Johnson, seit 2008 Londons Bürgermeister, zählt das System zu seinen Erfolgen – auf den Weg gebracht hat sie allerdings sein Vorgänger. Im Frühjahr 2013 kündigte Johnson an, über zehn Jahre 913 Millionen Pfund (1,25 Mrd. Euro) in die Rad-Infrastruktur zu stecken.

Vier „Cycle Superhighways“ führen zurzeit von Randbezirken ins Zentrum, doch sicher sind sie nicht. Mehrere Radfahrer sind in diesem Jahr schon ums Leben gekommen. Rund 23.000 Unfälle motorisierter Fahrzeuge mit Radlern gab es laut Versicherer Aviva von 2009 bis 2013 in der Stadt, 80 davon waren tödlich.

Die Innenstadt-Maut, eingeführt 2003, soll den Verkehr um etwa zehn Prozent reduziert haben. Staus gibt es trotzdem in vielen Ecken von frühmorgens bis in die Nacht. In der jüngsten Copenhagenize-Liste der 20 fahrradfreundlichsten Metropolen kommt London nicht vor.

Kein Wunder, dass Pläne für zwei baulich getrennte, zweispurige Radwege viel Aufmerksamkeit bekommen. Der längere der beiden soll als 29 Kilometer lange „Fahrrad-Autobahn“ quer durchs Zentrum den Westen mit dem Osten verbinden – durch den Hyde-Park, am Buckingham-Palast vorbei sowie dem Parlament mit Big Ben. Wie man es vom charismatischen Bürgermeister erwartet hat, eröffnete er die erste Baustelle, indem er sich selbst in den Bagger setzte.

Bestimmte Bezirke sollen zu „Mini-Hollands“ umgebaut werden und bekommen dafür Extrageld. Infrastruktur und Sicherheit im Verkehr sind auch Themen im derzeit tobenden Wahlkampf auf der Insel. Die politischen Parteien haben die Menschen ohne Auto als Zielgruppe entdeckt.

Der Schatten-Verkehrsminister der Labour-Partei etwa verspricht eine Planungskommission, in der Radfahrer und Fußgänger sitzen sollen. Auch andere Metropolen bauen Radwege aus, etwa Paris oder New York.
Bei Londons Fahrrad-Lobbyisten, der London Cycling Campaign, ist man zufrieden: „Wir freuen uns, dass der Bürgermeister endlich sein Versprechen einlöst“, sagt Sprecherin Rosie Downes. „Bisher bestanden die Londoner “Cycle Superhighways„ aus Streifen blauer Farbe, die keinen physischen oder rechtlichen Schutz geboten haben.“ Die geplanten beiden Wege seien nicht perfekt, aber ein Schritt in die richtige Richtung.

Dass Touristen und Londoner ab Frühjahr 2016 wirklich ungefährdet quer durchs Zentrum der Themse-Metropole radeln können, wollen viele noch nicht so recht glauben. Unterdessen bieten schon kreativere Ideen Gesprächsstoff: Etwa unterirdische Radrouten in ungenutzten U-Bahn-Tunneln, 220 Kilometer Radstraßen auf Pfeilern hoch über dem Auto- und Schienenverkehr oder gar schwimmende Radwege auf der Themse.

Dabei wären die meisten radelnden Londoner wohl schon froh, wenn das ihnen zugedachte Stück Straße durchgehend befahrbar wäre.

dpa

stol