Einige Sänger hatten katalanische Fahnen in ihren Chormappen mitgeführt, auch gab es bereits im Vorfeld Kritik daran, dass die Veranstaltung überwiegend auf Spanisch abgehalten werden sollte – aus Sicht vieler Katalanen ein Widerspruch zum Erbe des Architekten Antoni Gaudí. <BR /><BR /> <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/historischer-moment-passeirerinnen-bei-papstmesse-in-sagrada-familia" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Das Interview mit dem Dirigenten Daniel Mestre über den Auftritt der Passeirer Sängerinnen lesen Sie hier.</a><BR /><BR />Wir haben beim katalanischen Journalisten Marc Marcè Casaponsa nachgefragt, wie er das Vorgehen der Polizei einschätzt – und ob es Konsequenzen geben könnte.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1323750_image" /></div> <BR /><BR /><b>Herr Marcè Casaponsa, sieben Sängerinnen aus Südtirol haben miterlebt, wie die Polizei intervenierte, weil einige Kollegen katalanische Flaggen in ihren Mappen hatten. Daraufhin wurde der gesamte Chor aus der Kathedrale geschmissen und auf die Straße gestellt. Unsere Landsleute fühlten sich nicht gut behandelt. Wie ist so etwas möglich?</b><BR /><BR />Marc Marcè Casaponsa: Für die Organisatoren der Zeremonie, die Verantwortlichen des Bistums, das Team des Papstes, die katalanische Regierung und die spanische Staatsregierung stand vor allem eines im Vordergrund: sicherzustellen, dass nichts den bis ins Detail geplanten Ablauf der Feier störte. Deshalb waren sich alle Beteiligten darin einig, dass es das kleinere Übel darstellte, das Singen einer legalen und offiziellen Hymne oder das Rufen eines demokratisch legitimierten Slogans wie „Unabhängigkeit“ durch Einschüchterung zu verhindern. Die Sänger wollten ihrem Anliegen öffentliche Aufmerksamkeit verschaffen. Die Verantwortlichen hingegen waren nicht bereit, auch nur ein bisschen Aufmerksamkeit von ihrer Veranstaltung ablenken zu lassen.<BR /><BR />Bis heute ist nicht geklärt, wer genau die Entscheidung getroffen hat, die Sänger aus der Kirche zu zitieren, und wer dabei alles konsultiert wurde. Allgemein ist es aber äußerst unwahrscheinlich, dass sich irgendjemand gegen ein Eingreifen ausgesprochen hätte. Aus Sicht der Organisatoren bestand die Gefahr, dass die Aktion die Aufmerksamkeit von Papst und Kirche weglenken und damit den Fokus der Veranstaltung verändern könnte. Die Verantwortlichen wussten, dass sie eingreifen konnten – und dass ein diskretes Vorgehen, wie es letztlich geschah, keine nachhaltigen Folgen haben würde. Übrig blieb lediglich eine Kontroverse ohne echte Konsequenzen.<BR /><BR /><b> Wie Chorleiter Daniel Mestre berichtete, hatten die Sängerinnen und Sänger die Montserrat-Hymne drei Stunden lang geprobt, das Stück war eigens für die Zeremonie arrangiert worden. Am Ende ordnete die Polizei an, dass nur die erste Strophe gesungen werden durfte. Können Ordnungskräfte tatsächlich bestimmen, was in einer Kirche gesungen wird?</b><BR /><BR />Marcè Casaponsa: Es heißt, die Sänger hätten bestimmten Regeln zugestimmt, wonach sie keinesfalls vom festgelegten Repertoire abweichen durften und die Verwendung von Symbolen untersagt war. Auf diese Bestimmungen berief sich die Polizei später zur Rechtfertigung ihres Vorgehens – auch wenn ich nicht glaube, dass sie überhaupt einen formellen Vorwand benötigt hätte.<BR />Tatsächlich hatten hunderte Sänger ein Blatt Papier erhalten, auf dessen Vorderseite der Text der offiziellen Hymne „Els Segadors“ abgedruckt war, während sich auf der Rückseite eine Estelada, die Flagge der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung, befand. Zudem erhielten sie die Anweisung, dass jeder, der dies wünschte, „Els Segadors“ singen und den Auftritt mit Rufen nach „Unabhängigkeit“ beenden sollte, ohne die Zeremonie zu stören.<BR /><BR />Informationen dieser Art können leicht nach außen dringen – vor allem, wenn so viele Menschen in ein Vorhaben eingeweiht werden. So gelangten sie offenbar auch zur Polizei, die mutmaßlich zahlreiche Beamte in Zivil unter die Teilnehmer der Zeremonie gemischt hatte, um die Situation genau zu beobachten. Wie bereits erwähnt, ist bis heute nicht geklärt, wer letztlich den Befehl zum Einschreiten gab. Sicher ist aber, dass die beteiligten Beamten davon überzeugt waren, rechtmäßig zu handeln.<BR /><BR /><b>Hat es für dieses Vorgehen der Polizei Konsequenzen gegeben?</b><BR /><BR />Marcè Casaponsa: Auf die Bitte um eine Stellungnahme reagierte der Vertreter der Zentralregierung – der letztlich die politische Verantwortung für den Vorfall trug – mit ausweichenden Worten. Offensichtlich war er bemüht, die Kontroverse nicht weiter anzuheizen und sich möglichst nicht festzulegen. Der Präsident der Generalitat hingegen vermied es gänzlich, sich zu der Angelegenheit zu äußern.<BR />Aus rein juristischer Perspektive aber ist es schon so, dass die Sänger die Bedingungen für ihre Teilnahme an der Veranstaltung akzeptiert hatten und somit auch verpflichtet waren, diese einzuhalten.<BR /><BR /><BR /><b>ZUR PERSON</b>: Marc Marcè Casaponsa ist ein katalanischer Journalist. Von 2006 bis 2024 war er Chefredakteur der katalanischen Tageszeitung „daily Regió7“, die in der Stadt Manresa erscheint. Der 63-Jährige ist zudem Vorstandsmitglied von MIDAS.