Eine Geschichte erzählt man sich in Cite Soleil besonders gerne: Zwei verhasste Bandenmitglieder liegen tot im Dreck, erschossen, und die Unterdrückten sehen still zu, wie die beiden Leichen von riesigen schwarzen Schweinen genüsslich aufgefressen werden.Cite Soleil zählt in etwa eine halbe Million Bewohner. Die „Stadt der Sonne“ ist einer der größten Slums der Welt – und einer der gefährlichsten Orte auf diesem Planeten.Wer gezwungen ist, dort zu leben, hat alles verloren. Sogar das letzte bisschen Hoffnung.Einer der größten Slums der WeltEin Jeep rumpelt über ein Asphaltband, das sich seinen Weg durch die Wellblechhütten bahnt. Die fahrende Ambulanz hält, die Handbremse krächzt. Barbara steigt aus und setzt ihren Fuß auf diesen feindlichen Planeten, auf dem es zufällig Sauerstoff gibt. „Das da?“, fragt Barbara und zeigt auf eine riesige freie Brache, dutzende Hektar müssen es sein, auf der sich Millionen von Plastikflaschen, Fetzen, Steinen, Glasscherben, Autoreifen ausbreiten.Dazwischen stinkende Rinnsale und Schlammlacken, aufgebacken von der Hitze. „Das da? Das ist das Klo.“ Und hoch darüber: Drachen.In Cite Soleil fressen Schweine den Kot der Menschen, und, wenn es sein muss, die Menschen selbst. Kinder bringen Kinder zur Welt, unwissend stehen sie vor ihren Hütten und blinzeln in die Mittagssonne.Doktor Barbara Höfler schimpft. Sie muss laut sein, sie muss wachrütteln, sie muss die Leute anbrüllen. Rund um die Uhr. Sonst vergessen sie die einfachsten Dinge. Sie könnten glatt aufs Überleben vergessen.In Cite Soleil gibt es keine Träume mehrDoktor Barbara will zu Lubin Wakin. Das Leben der 38-Jährigen sieht so aus: Fünf Kinder, erster Mann an Cholera gestorben, zweiter davongelaufen, kein Job, wäscht manchmal Wäsche der anderen, ein paar Gourde Zufallseinkommen, eine schiefe Hütte, bereit zum Kippen, vier Mal sieben Meter groß, gebaut auf Unrat.Es stinkt bestialisch. Das zweitjüngste Kind, eineinhalb, taumelt nackt der Mutter hinterher. Der Blick bleibt gesenkt, auch dann wenn sie spricht, kaum hörbar.Ob sie Träume habe? Doktor Barbara übersetzt. Laut lacht sie auf, gepresst. Träume? Aber nein, so etwas gibt es hier nicht. Für ihre Kinder vielleicht, aber für sich selbst? Nein. Da ist nichts. „Ich mache das normalerweise nicht, aber sie bekommt von mir 2.500 Gourdes im Monat“, erklärt Doktor Barara. Knapp 50 Euro. Damit kann sie an die Grenze fahren, dort gibt es einen großen Markt. „Sie soll sich Eier oder Milch oder Schuhe oder Unterhosen kaufen. Was immer man auf dem Kopf tragen kann.“Ein Kopfladen soll Lubin Wakin eine Existenz sichern. Verhungern müsse sie nicht, sagt Doktor Barbara. „Die Menschen hier sind anders. Sie helfen einander. Nicht so wie draußen. Da kämpft jeder nur für sich.“In Hoffnung auf ein besseres Leben kam sie nach Port-au-Prince - und endete im SlumAus Jaqmel sei sie einst gekommen, der Stadt der Dichter und Denker, bis Diktator Francois „Papa Doc“ Duvalier dem Dichten und Denken ein brutales Ende bereitete. In Port-au-Prince, dem gelobten Land, wollte Lubin Wakin ein besseres Leben beginnen, eine Wohnung finden, Arbeit. Und endete im Slum.„Zurück nach Jaqmel? Nein, das würde sie nie tun“, sagt Doktor Barbara. Die Schande wäre einfach zu groß. Ausgezehrte Hunde bellen ihre letzten Kräfte aus den dürren Körpern. Stromleitungen, wie einzelne Fäden laufen sie über die Hütten hinweg.Miete müsse Lubin Wakin auch bezahlen. Einmal im Halbjahr käme jemand und kassiere 2.500 Gourdes.Von Deutschland nach Cite Soleil, um zu helfenBarbara Höfler ist seit 16 Jahren in Cite Soleil. In Deutschland war sie Medizinaldirektorin beim Medizinischen Dienst der Krankenversicherung Nordrhein.Als die Pension kam, startete sie noch einmal durch. Jetzt ist sie 75, und jedes Kind im Slum kennt ihren Namen. Resolut durchpflügt sie das Elendsviertel. Sie redet nicht, sie schnauzt. Aber meint es nicht so. Nicht immer.Nur Lubin Wakin tätschelt sie mütterlich den Hinterkopf, spricht leise, besonnen. Wie es gehe, ob sie etwas brauche. Stummes Kopfschütteln. In der Hütte nur Lumpen und rostige Töpfe.Cite Soleil, Stadt der Sonne. Und die Kinder stehen auf den kloakigen Müllhalden und sehen ihren Drachen zu, wie sie hoch droben fröhlich flattern. Als hätten sie mit dem, was sich unter ihnen abspielt, nichts zu tun.apa