Samstag, 28. April 2018

Contergan: Ein folgenschweres Beruhigungsmittel

Der Contergan-Skandal hat Anfang der 1960er Jahre die Bundesrepublik Deutschland erschüttert. Tausende Kinder waren dort mit Missbildungen zur Welt gekommen. Ihre Mütter hatten nichts ahnend während der Schwangerschaft das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan genommen. Für Südtirol schien der Skandal weit weg. Doch auch hier gibt es „Contergan“-Opfer. Eines ist Brigitte Gamper aus Schalders.

Brigitte fand den Grund für ihre Beeinträchtigung erst später heraus.
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Brigitte fand den Grund für ihre Beeinträchtigung erst später heraus. - Foto: © D

Brigitte Gamper stammt aus einer kinderreichen Familie – alle anderen 7 Geschwister sind gesund, keine Fehlbildungen, keine anderen Behinderungen. Brigitte kam dagegen ohne Finger an der rechten Hand auf die Welt. „Das kann vorkommen“, das war damals der – wie sich später herausstellen sollte unwissende – Kommentar von Ärzten und Hebammen.

„Meine Eltern haben das so hingenommen und sich dann auch nicht weiter Gedanken über die Ursache der Missbildung gemacht“, weiß Brigitte Gamper. An einen Zusammenhang mit dem Skandal in Deutschland bzw. mit dem Schlafmittel, das die Mutter während der Schwangerschaft genommen hatte und das in Südtirol einen ganz anderen Namen trug, dachte niemand. 

„Ich habe erst mit 15 Jahren in einem Gespräch zufällig davon erfahren. Und auch, dass ich eine Betroffene sein könnte“, erzählt Brigitte Gamper. Dabei ist sie Jahrgang 1965 – und damit geraume Zeit nach dem Skandal in Deutschland geboren. „Ich habe mit meinem neuen Wissen dann meine Mutter gefragt, ob sie wohl so ein Medikament genommen hat, als sie mit mir schwanger war – und sie hat. Aber ich glaube, meine Mutter hat den Zusammenhang bis zum Schluss nicht glauben können“, meint Gamper.

Warum ich?

Ein Grund dafür war sicherlich auch, dass es keine Öffentlichkeit dafür in Südtirol gab. Und dass so die vereinzelten Contergan-Opfer und ihre Familien, die es in Südtirol gab, nichts voneinander wussten. „Man hat einfach nicht Bescheid gewusst, ich war so ein Einzelfall“, erinnert sich Gamper, die sich in ihrer Kindheit durchaus das eine oder andere Mal diese Frage gestellt hat: „Warum ich?“

Dabei hat Gamper nach eigener Einschätzung Glück gehabt, „andere sind da viel schlechter dran. Ich komme mit meiner Behinderung gut zurecht“, erzählt sie. „Ich kann alles machen, ich habe Gefühl in meinem Stumpf. Ich fahre sogar Auto“, berichtet sie stolz. Brigitte Gamper ist verheiratet, arbeitet im Kindergarten Schalders als Köchin und hat 2 Kinder. Ein ganz normales Leben – trotz der missgebildeten Hand.

„Als Jugendliche in der Pubertät hat es schon eine Zeit gegeben, da habe ich versucht, die Hand zu verstecken. Aber die anderen im Ort, Mitschüler und Erwachsene, haben mich ganz normal angenommen. Und so konnte ich selber ganz offen damit umgehen“, erklärt sie. Und dabei ist es geblieben. Auch jetzt im Kindergarten. „Die neuen Kinder kommen natürlich und schauen und fragen. Dann zeige ich ihnen meinen Stumpf, erkläre ihnen, dass ich einfach so auf die Welt gekommen bin. Und dann ist es in Ordnung. Von Contergan oder einem Medikament erzähle ich den Kindern natürlich nichts. Dazu sind sie zu klein.“

Brigitte fand den Grund für ihre Beeinträchtigung selbst heraus

Auch für ihre beiden eigenen Kinder war die Behinderung der Mutter nie ein großes Thema. „Sie sind ebenfalls immer sehr offen damit umgegangen. Wenn ich etwas brauche, sind sie sehr hilfsbereit. Gerade auch mit den bürokratischen Sachen“, erzählt sie weiter. Und an diesem Punkt wird die an sich so positiv eingestellte Frau dann doch nachdenklich – und wütend.

„Das wurde einfach unter den Teppich gekehrt. Keiner hat uns je gesagt, was los ist. Dass es diesen Wirkstoff auch in Südtirol gegeben hat. 15 Jahre später musste ich selber daraufkommen. Und noch jetzt kämpfe ich um eine Entschädigung – und auch dafür bekommt man nirgends Hilfe. Da ist das Vertrauen verschwunden.“ Dankbar ist sie dagegen Martina Rabensteiner, über die sie überhaupt von einer möglichen Entschädigung erfahren hat. Und die durch ihre beharrliche Suche mehrere Südtiroler Contergan-Opfer ausfindig gemacht hat.

„Wir werden jetzt eine richtige Contergan-Gruppe bilden und wollen uns zweimal im Jahr treffen, um gemeinsam zu grillen oder zu wandern“, freut sich Gamper über die jüngste Entwicklung. Denn: „Es tut schon gut, mit diesem Schicksal eben nicht allein zu sein.“

D/ih

stol