Montag, 22. Juni 2015

Das unheimliche Kalifat: Wie die IS-Jihadisten ihre Macht festigen

Die Audiobotschaft, die das ganze Ausmaß des Terrors verdeutlichte, verbreitete sich in Windeseile über das Internet. Die Führer des IS hätten beschlossen, ein „Islamisches Kalifat“ zu errichten. Spätestens damit wurde deutlich, dass es sich beim IS nicht nur um eine Horde wilder Kämpfer handelt, die große Landstriche im Irak und in Syrien überrannt haben.

Das Terrorregime IS.
Das Terrorregime IS.

Die Ambitionen der IS-Jihadisten gehen weit darüber hinaus. Mit der Ausrufung des Kalifats wollen sie an die Staatsform anknüpfen, mit der viele Muslime bis heute goldene Zeiten des Islam verbinden. Zugleich verkündeten sie damit, dass sie einen eigenen Staat aufbauen wollen – ein Zeichen der Stärke, das auf viele Sympathisanten der Extremisten anziehend wirkt, weil es ihnen Macht und ein visionäres Ziel vorgaukelt.

IS treibt Steuern ein

Im eigenen Herrschaftsgebiet kontrollieren die IS-Extremisten nicht nur Verwaltung und Bildungswesen, sondern treiben auch Steuern ein. Eigene Gerichte setzen die radikalste Lesart der Scharia, des islamischen Rechts, durch. Sogar Gerüchte über eine eigene Währung kursierten schon im Internet – inklusive Bildern von angeblich entworfenen Geldscheinen.

Geleitet wird das Gebilde von „Kalif Ibrahim“, wie sich IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi seit Auftauchen der Audiobotschaft nennt.

Unbesiegbar: Propaganda zeigt Wirkung

Doch das Kalifat dient den IS-Jihadisten auch dazu, eine Fassade der Stärke aufzubauen. Zur Propaganda der Extremisten gehört es, Gegnern Angst und Schrecken einzujagen, indem man sie glauben lässt, der IS wäre unbesiegbar.

Mit radikalster Gewalt gehen die Anhänger gegen Gegner und Andersgläubige vor. Auch die militärischen Erfolge der Jihadisten tragen zu diesem Bild bei. Erst vor wenigen Wochen konnten sie im Westen des Irak die Provinzhauptstadt Ramadi einnehmen, ein Rückschlag für die Regierung und Armee des Landes.

Unbezwingbar sind die Jihadisten aber nicht.

Kurdische Volksschutzeinheiten, sogenannte Peshmerga, vertrieben die IS-Extremisten Ende Jänner nach monatelangen heftigen Kämpfen aus der nordsyrischen Stadt Kobane (Ayn al-Arab). Vor wenigen Tagen mussten sich die Extremisten etwas weiter östlich erneut den Kurden beugen, als sie die strategisch wichtige Grenzstadt Tel Abyad an die Volksschutzeinheiten verloren.

Dem IS die Stirn bieten

Das zeigt: Einigermaßen gut organisierte Einheiten können dem IS die Stirn bieten. 

Zudem drohen dem IS wirtschaftliche Probleme. Zwar gilt die Organisation als reichste Terrorgruppe der Welt, weil ihr der Besitz von Öl- und Gasfeldern im Irak und in Syrien Millioneneinnahmen beschert. Doch einen Staat zu unterhalten kostet viel Geld.

Der IS-Reichtum basiert zudem auf einer Beutewirtschaft: Eroberte Gebiete werden geplündert. Große Geländegewinne konnte der IS zuletzt jedoch nicht erzielen. 

Guido Steinberg, deutscher Terrorexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) rechnet zudem schon in diesem Herbst mit Versorgungsproblemen. „Viele landwirtschaftliche Flächen im Herrschaftsgebiet des IS liegen brach“, sagt der Politikwissenschaftler. „Spätestens mit Ausbleiben der Ernte werden Probleme auftauchen.“

Der Anfang vom Ende?

Könnte das der Anfang vom Ende des IS sein? Daran glaubt Steinberg nicht.

In Syrien und im Irak gibt es außer den Kurden keine militärische Kraft, die den IS momentan besiegen kann. Der irakischen Armee fehlt trotz US-Hilfe die Schlagkraft, die syrische Armee ist ausgelaugt. Der Erfolg des IS ist weniger ein Ergebnis seiner eigenen Stärke – als vielmehr der Schwäche seiner Gegner.

dpa

stol