Die Forschungen von Hansjörg Rabanser zeigen: Zauberei und Magie war im Alltag omnipräsent und der Feuertod am Scheiterhaufen war aufgrund seiner Grausamkeit eine Ausnahmeerscheinung. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Herr Rabanser, wenn man von Hexenverfolgungen spricht, dann haben die meisten von uns das finstere Mittelalter vor Augen, doch das stimmt nicht ganz, oder?</b><BR />Hansjörg Rabanser: Ja, genau! Es gab zwar bereits im Mittelalter ganz vereinzelt Prozesse, in denen es um Zauberei ging, doch klassische Hexenprozesse entstehen erst im Zuge des 15. Jahrhunderts. Das Hexendelikt wird überhaupt erst rund um das Jahr 1500 richtig ausgebildet. Da beginnt die Zeit der klassischen Hexenverfolgungen, die sich dann bis ins 17. Jahrhundert fortsetzt. Die absolute „Hochblüte“ erreichte der Hexenwahn zwischen 1560 und 1650. Da wird der Höhepunkt der Verfolgung erreicht. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="702266_image" /></div> <BR /><b>Woher rührte die Angst der Menschen vor Hexen und Zauberern?</b><BR />Rabanser: Zentral waren sicher die Umstände jener Zeit. Da denke ich an den 30-jährigen Krieg, Hungerkrisen, Seuchen, Missernten und einen spürbaren Bevölkerungsschwund. Das bot den idealen Nährboden für die Hexenverfolgungen, da die Menschen nach Schuldigen für die Krisen suchten. Hexen und Zauberer sind in den Augen der Zeitgenossen absolut negativ gesehen. Sie bedrohen mit ihrem „Schadwerk“, das sie im Namen des Teufels ausführen, das Leben, den Alltag, aber auch Glück und Segen. Hexen und Zauberer sind also nur darauf aus, ihren Mitmenschen Schaden zuzufügen. Sie schicken den Menschen Seuchen, Wetterextreme und anderes Leid. <BR /><BR /><b>Zauberei und magische Praktiken, was kann man sich darunter vorstellen?</b><BR />Rabanser: Magische Praktiken waren zu dieser Zeit grundsätzlich weit verbreitet. Beinahe jeder hat solche Praktiken im Rahmen von Segnungen oder obskuren Praktiken angewandt, um sein Haus, seine Familie oder den Stall zu schützen. Wenn es aber bei der Ausführung dieser Praktiken zu einem Fehler kam oder daraus negative Folgen abgeleitet wurden, dann konnte dies zu einer Anklage oder gar einem Prozess führen. Es waren manchmal ganz banale Handlungen. Ich denke da etwa an das Abreißen von Fransen vom Altartuch. Diese konnten sowohl für einen Schutzzauber verwendet werden, aber auch für düstere Machenschaften. Zauberei und magische Praktiken waren im Alltag der Menschen damals also gang und gäbe. <BR /><BR /><b>Wie viele Menschen fielen dem Hexenwahn in Tirol in etwa zum Opfer?</b><BR />Rabanser: Man vermutet heutzutage, dass in Europa in der frühen Neuzeit etwa 50.000 bis 60.000 Personen dem Hexenwahn zum Opfer gefallen sind. Die Grafschaft Tirol war allerdings eine Region, in der die Hexenverfolgungen vergleichsweise klein gehalten wurden. Ich habe im Rahmen meiner Recherchen um die 250 Prozesse ausfindig gemacht. Dabei ging es um Hexerei, Zauberei, aber auch um kleinere magische Praktiken. Zwischen 1500 und 1800 gingen aus diesen Prozessen 80 Todesurteile hervor. Das ist im europaweiten Vergleich eine sehr geringe Zahl.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="702269_image" /></div> <BR /><BR /><b>Eine vergleichbar geringe Zahl also… welche Gründe stecken dahinter?</b><BR />Rabanser: Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ist der Grund dafür die Regierung in Innsbruck. Denn alle Todesurteile mussten an die Behörden in Innsbruck oder an den Fürstbischof von Brixen oder Trient übersandt werden. Diese mussten das Urteil schließlich nochmal begutachten. Dabei haben sie meist mildernd gewirkt. Während die Gerichte vor Ort, die unmittelbar mit den Personen, die geschädigt und beschuldigt waren, viel härter urteilten, haben es die Beamten viel lockerer betrachtet. So haben sie sehr oft für eine mildere Strafe oder gar eine Freilassung plädiert. Ein wichtiger Grund war wohl, dass Hexenprozesse sehr teuer waren und die Angeklagten meist sehr arm oder gar mittellos. Demnach konnte von den Verurteilten auch kein Geld eingezogen werden und das Land Tirol musste die Prozesse selbst finanzieren. Aus Gründen der Sparsamkeit wurde deshalb auch oft auf Hinrichtungen verzichtet.<BR /><BR /><b>Wie lief so ein Hexenprozess grundsätzlich ab?</b><BR />Rabanser: Am Anfang steht immer eine Denunziation. Jemand wird beispielsweise wegen eines üblen Gerüchts festgenommen und vor Gericht gestellt. Diese Person hat keinen Rechtsbeistand und tritt im Gerichtssaal vor den Richter und 12 Geschworene. Diese versuchen von der angeklagten Person ein Geständnis zu bekommen. Dazu gibt es einerseits das Mittel des gütlichen Verhörs. Hier wird der oder die Angeklagte nach einem bestimmten Frageschema verhört. Entsteht bei dieser Befragung allerdings das Gefühl, die Person gibt nicht alles preis oder will nicht kooperieren, gab es noch das Mittel der Folter. Der Ablauf der Folter wäre eigentlich ganz klar genormt gewesen – so durfte dieses Mittel etwa an alten, gebrechlichen oder schwangeren Personen nicht angewendet werden – allerdings wurde hierauf nicht immer Rücksicht genommen. Wenn ein Geständnis erlangt wurde, musste dieses mehrmals bestätigt werden. Der Beschuldigte musste einen Eid schwören, dass das Geständnis wahrheitsgetreu ist. Aufgrund dieser vereidigten Aussage konnte das Gericht dann ein Urteil fällen. Wurde ein Todesurteil gefällt, musste dieses nochmals durch Beamte des Landes Tirol bestätigt werden. Falls diese dem Urteil widersprochen haben, musste der Prozess neu aufgerollt werden. Falls das Todesurteil bestätigt wurde, kam es hingegen zur Hinrichtung. Dabei wurde die verurteilte Person der Öffentlichkeit präsentiert, das Urteil verlesen und die Person dem Henker übergeben. Für Hexen gab es meist den Feuertod auf dem berüchtigten Scheiterhaufen. Die Regierung zeigte sich aber auch hier oft milder und gewährte die wesentlich schmerzfreiere vorhergehende Enthauptung. Aufgrund der Dramatik wurde in Tirol auf Lebend-Verbrennungen weitgehend verzichtet.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="702272_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wer wurde der Hexerei oder Zauberei beschuldigt?</b><BR />Rabanser: Generell kann man keine besondere Personengruppe ausmachen, die klassisch der Hexerei beschuldigt wurde. Das hing meist einfach von der Denunziation ab. Allerdings ist auffallend, dass ein großer Teil der Beschuldigten arme und mittellose Personen waren. Häufig wandelnde Personen, also Fremde oder Flüchtlinge. Also vor allem Personen, die meist kein intaktes soziales Netzwerk vorweisen konnten. Sie hatten keine Fürsprecher oder Familienmitglieder, die für sie hätten eintreten können. <BR /><BR /><b>Wann fand der letzte Hexenprozess in Tirol statt?</b><BR />Rabanser: Der letzte wirkliche Hexenprozess, aus dem auch eine Hinrichtung hervorging, fand in Tirol im Jahr 1722 statt. Da wird ein junger Mann namens Sebastian Auracher in Innsbruck enthauptet und verbrannt. Der Vorwurf lautete u. a., er habe sich dem Teufel ergeben, Hostien geschändet, Gott verleugnet und Zaubereien ausgeführt. Anschließend gab es noch einzelne kleinere Prozesse, in denen Zauberei eine gewisse Rolle spielt, aber es kommt zu keiner Hinrichtung mehr. Das Delikt spielt zwar noch einige Jahre eine Rolle, doch es wird immer mehr bemerkbar, dass die Naturwissenschaften auf dem Vormarsch sind und das Konzept der Hexerei und Zauberei kritischer hinterfragt wird. Spätestens ab 1750 spielt Zauberei in Tirol nur noch eine marginale Rolle. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="702275_image" /></div> <BR /><BR /><b>In Filmen, Märchen oder als Kostüm sind Hexen immer noch sehr beliebt, woher kommt diese anhaltende Faszination?</b><BR />Rabanser: Die Hexe ist eine spannende Figur. Das heutige Hexenbild hat allerdings nichts mit jenem gemein, das zur Zeit der Hexenverfolgung vorherrschte. Damals standen ganz normale Menschen vor Gericht. Die heutige Faszination löst wohl das Bild der Hexe als vielschichtiges Wesen aus, das durchaus verharmlost wurde. Nunmehr dreht sich das Hexenbild meist um Frauen, die weniger gefürchtet, sondern vor allem geachtet werden. Hexerei steht heute für Naturverbundenheit, Weiblichkeit, Stärke, Mut und Widerstand der Frau. So ein Bild ist natürlich faszinierend. Mit der bitteren Realität der Hexenverfolgungen hat es aber nichts zu tun. <BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR />