<b>Herr Palfrader, Sie sind ein halber Ladiner und stellen Ihr Buch in Bruneck vor. Ist das ein bisschen Heimat für Sie?</b><BR />Robert Palfrader: Bruneck vielleicht nicht, aber in St. Vigil gibt es ein paar Häuser, in denen ich mich gerne aufhalte – das ist ein bisschen wie Heimat. <BR /><BR /><b>Sie sprechen auch ein bisschen Ladinisch...</b><BR />Palfrader: Ich verstehe sehr viel, aber zum Sprechen bräuchte ich mehr Übung. Ein bisschen etwas kann ich aber schon. „Na picia bira prëitambel“ zum Beispiel. <BR /><BR /><b>Was heißt das?</b><BR />Palfrader: Ein kleines Bier bitteschön. <BR /><BR /><b>Ein durchaus wichtiger Satz... Noch etwas auf Lager?</b><BR />Palfrader: Wenn wir uns mit dem Interview nicht beeilen, dann sagen die von der Tontechnik, ich sei ein „stüfan“.<BR /><BR /><b>Ein was?</b><BR />Palfrader: Ein lästiger Mensch. Also ein paar Sätze kann ich schon, und ich will definitiv mehr lernen. <BR /><BR /><b>Wie kommt es, dass Sie als Ladiner-Spross nicht in St. Vigil aufgewachsen sind, sondern in Wien?</b><BR />Palfrader: Mein Vater ist in St. Vigil in Enneberg geboren und im Alter von 4 Jahren nach Niederösterreich gekommen. Sein Vater, mein Großvater, hatte damals für das Auswandern optiert. Aber ich war als Kind und Jugendlicher sehr viel hier und habe großartige Erinnerungen an diesen Ort. Ich bin im Süden von Wien aufgewachsen, in einer sehr modernen Siedlung mit Stahlbetonbauten. Hierher ins Gadertal zu kommen, Tiere zu sehen, diese Landschaft, die Gerüche, die Geschmäcker, – das war für mich jedes Mal ein großartiges Erlebnis. Insofern habe ich hier die schönsten Urlaube meiner Kindheit verbracht. Meine Eltern haben meinen Bruder und mich mitunter gefragt, ob wir nicht mal ans Meer wollen. Na, sicher nicht, wir wollten immer nach Südtirol. Wir wollten in den Stall gehen, die Hendln füttern, das war für uns viel, viel interessanter als das Meer.<BR /><BR /><embed id="dtext86-65326470_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Welche Rolle spielen für Sie die Südtiroler Wurzeln?</b><BR />Palfrader: Eine große. Meinem Vater war das sehr wichtig, das habe ich von ihm vermittelt bekommen. <BR /><BR /><b>Sie sagten einmal, Sie haben eine stärkere emotionale Bindung zu St. Vigil als zu Wien...</b><BR />Palfrader: Auf jeden Fall. Es sind diese Kindheitserinnerungen, die nachhallen, diese tollen Erlebnisse, die ich hier gehabt habe. Ich bin in Wien zur Schule gegangen, lebe seit über 30 Jahren dort, meine Kinder sind da zur Welt gekommen – ich bin Wiener, das lässt sich nicht verleugnen, das hört man auch. Obwohl ich auch mit Südtiroler Akzent sprechen kann, aber Wienerisch ist meine Sprache. Ich liebe Wien, ich würde in keiner anderen Stadt leben wollen, aber Heimat ist was anderes. Wohlfühlen tue ich mich an 2 Orten: Das ist das Waldviertel und das ist St. Vigil.<BR /><BR /><b>Haben Sie hier einen Lieblingsplatz?</b><BR />Palfrader: Ich liebe Fanes, das ist einer der meiner Sehnsuchtsorte und der schönste Platz, den ich kenne. Ich war viel unterwegs auf diesem Planeten, habe sehr viel Schönes gesehen, aber nichts ist schöner als Fanes. <BR /><BR /><b>Ihr Buch ist ein Roman, aber ein bisschen auch eine Familienchronik...</b><BR />Palfrader: Ich habe Wahrheit und Fiktion verflochten. Ich habe mich inspirieren lassen von der Geschichte meiner Familie und sehr gut versteckt ein paar wahre Geschichten eingebaut. Welche das sind, verrate ich Ihnen nicht. <BR /><BR /><embed id="dtext86-65326246_quote" /><BR /><BR /><b>Die Protagonisten sind reale Personen. Wie viele haben Sie kennengelernt?</b><BR />Palfrader: Ich habe meine Urgroßmutter kennengelernt, meine Großmutter, meine Großtante und einige meiner Großonkel.<BR /><BR /><b>Gibt es Lieblingsverwandte?</b><BR />Palfrader: Ja natürlich.<BR /><BR /><b>Wer?</b><BR />Palfrader: Ich bin ja ned deppat und sage Ihnen das jetzt. Dann sind ja die anderen beleidigt. <BR /><BR /><b>Von welchem Schlag sind die Palfraders? Was haben Sie von der lieben Verwandtschaft?</b><BR />Palfrader: Schwierig, das weiß ich gar nicht. Vielleicht den Schmäh... <BR /><BR /><b>Welche Bedeutung hat für Sie Familie und Verwandtschaft?</b><BR />Palfrader: Familie ist für mich das Wichtigste überhaupt, Verwandtschaft nicht. Das ist ein Unterschied. Es gibt Mitglieder meiner Familie, mit denen ich nicht verwandt bin, und umgekehrt Verwandte, die nicht zu meiner Familie gehören. Nur weil jemand mit mir blutsverwandt ist, heißt das noch nicht, dass er zu meiner Familie gehören darf. <BR /><BR /><b>Ist Ihre Familie auch hier im Gadertal?</b><BR />Palfrader: Ja, da gibt es einige Leute, die mir sehr ans Herz gewachsen sind. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1043298_image" /></div> <BR /><b>„D“: Das Buch kommt ohne Blödelei aus. Ist das schwierig für einen Kabarettisten?</b><BR />Palfrader: Das war sehr schwierig. Mir dieses Humoristische zu verbieten, war nicht leicht.<BR /><BR /><b>„D“: Wird es einen zweiten Teil geben? </b><BR />Palfrader: Diese Geschichte ist fertig erzählt. Ich habe den Zeitpunkt, um aus der Geschichte auszusteigen, bewusst gewählt. Es war mir wichtig, nicht zu intim über die Leben von Leuten zu erzählen, die der Realität und der hiesigen Zeit zu nahe sind. <BR /><BR /><b>Interessiert Sie auch die Politik in Südtirol?</b><BR />Palfrader: Mit Florian Scheuba und Thomas Maurer mache ich seit 14 Jahren mit dem Kabarettprogramm „Wir Staatskünstler“ politische Satire, und natürlich haben wir da die Südtiroler Politik auch im Blick. Wir sind sehr interessiert, was hier abgeht, und wenn wir selten, aber doch, hier spielen, dann schauen wir es uns noch genauer an – da fällt uns dann schon was ein dazu.<BR /><BR /><b>Und die Geschichte dieses Landes?</b><BR />Palfrader: Die kommt natürlich in meinem Buch vor, weil sie in meine Familiengeschichte hineingespielt hat. Mein Großvater hat ja optiert. Mich hat immer fasziniert, dass mein Vater außer in Südtirol nur in Wien und in Niederösterreich gelebt hat, aber trotzdem 5 verschiedene Staatsbürgerschaftszustände hatte: Er ist als Italiener auf die Welt gekommen, dann war er Deutscher, dann staatenlos, dann wieder Italiener und zum Schluss Österreicher. Die Vita meines Vater zeigt, wie wenig man als Mensch eine Chance hat gegen höhere Mächte und wie wenig Einfluss man auf große Dinge hat, wenn andere Entscheidungen für einen treffen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1043301_image" /></div> <BR /><b>Sie sind für viele immer noch „der Kaiser“. Wie sehr nervt das?</b><BR />Palfrader: Überhaupt nicht, das ist ein Zeichen dafür, dass meine Arbeit erfolgreich war und die Leute das mögen. Insofern ist es ein Kompliment für mich. Für ein Massenmedium zu arbeiten und sich gleichzeitig Anonymität zu erwarten, so deppat bin nicht einmal ich, und ich bin ein dummer Mensch.<BR /><BR /><b>Warum sagt man so was von sich?</b><BR />Palfrader: Ich bin von Jesuitenpatres erzogen worden bin – Demut, Demut, Demut....<BR /><BR /><b>Zurück zum Kaiser: Braucht Österreich wieder einen Kaiser?</b><BR />Pafrader: Definitiv..... nein! Österreich braucht wie jedes Land auf diesem Planeten eine gestärkte Demokratie. <BR /><BR /><b>Es wird also keine Fortsetzung geben?</b><BR />Palfrader: Vielleicht doch, schauen wir mal. Wenn es passiert, freue ich mich wahnsinnig, wenn es nicht passiert, bin ich auch nicht traurig. Ich führe Regie, schreibe Bücher, drehe Serien und Kinofilme, mache politische Satire – also fad im klassischen Sinne wird mir nicht. <BR /><BR /><b>Sie sind in Südtirol nicht nur, um Ihr Buch vorzustellen und ihr Ladinisch aufzufrischen. Darf man verraten, worum es geht?</b><BR />Palfrader: Ja, das darf man. Ich mache Regie bei einem Kabarettprogramm von Lukas Lobis, das am 8. August in Brixen Premiere haben wird. Ich bin seit einer Woche hier, bleibe noch noch ein bisschen und komme dann zur Premiere wieder.