Und dennoch, das lässt sich kaum bestreiten, ist Klaus Willbrand nun ein Influencer. Auf Instagram hat er mehr als 100.000 Follower, auf TikTok mehr als 40.000. Sie gieren nach seiner Meinung. <h3> Willbrand ist eine (analoge) Institution</h3>Es ist eine der ungewöhnlichsten Social-Media-Karrieren der vergangenen Jahre, die der Antiquar hingelegt hat. Sein ganzes Leben hat er der Literatur gewidmet. Seit mehr als 20 Jahren betreibt er sein Antiquariat in einer Nebenstraße von Köln. Ein Geschäft, vollgepfropft mit Büchern. Eine Institution. <h3> Kurz vor dem Ruin</h3>Anfang dieses Jahres war er kurz davor aufzuhören. Zu diesem Zeitpunkt kam „nahezu niemand mehr“, wie Klaus Willbrand sagt. Bis – ja, bis er ein erstes Video für das Internet aufnahm. Seitdem hat sich der Mann auf TikTok und Instagram zu einer Art Literaturpapst entwickelt. <h3> Was man unbedingt gelesen haben muss</h3>In seinen Videos sortiert er wie so viele Influencer die Welt in Listen ein. Ein Klassiker: Welche 3 Werke sollte man gelesen haben? Willbrands Antwort: „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust, „Ulysses“ von James Joyce und „Der Prozess“ von Franz Kafka. Er kommt super an. Und das hilft dem Laden. „Seit wir TikTok und Instagram machen, kriegen wir extrem mehr Bestellungen“, sagt der Antiquar. <BR /><BR />Er schätzt, dass er in seinem Leben ungefähr 6000 Bücher gelesen hat. Um in einem Werk alles zu durchdringen, schmökert er nicht auf einem Sofa, sondern setzt sich an seinen Schreibtisch, oft mitten in der Nacht. Seit Jahrzehnten gehe er nicht vor 3 Uhr ins Bett, sagt Willbrand. Ablenkung ist unerwünscht. „Eine Frage der Disziplin“ nennt er das. Man kann sagen: In seinem Kopf hat sich ein riesiger literarischer Schatz angehäuft.<h3> Eine junge Frau war die Rettung</h3>Der Erfolg kam mit einer Frau, die rund 50 Jahre jünger ist als Willbrand: Daria Razumovych. Sie hat als Lektorin in einem Verlag gearbeitet und auch in einer Agentur als Beraterin, unter anderem für Social Media. Mittlerweile ist sie selbstständig. Die beiden lernten sich vor einigen Jahren auf einem Antikmarkt kennen. Sie kaufte damals Bücher bei ihm. Man kam ins Gespräch, man hatte eine gemeinsame Vision.<BR /><BR />Razumovych filmt, Willbrand antwortet. So läuft das nun. Und es läuft gut. Durch die Kommentare zieht sich Bewunderung. Paradoxerweise scheint den Internet-Leuten besonders zu gefallen, dass der Antiquar eine Figur aus analogen Zeiten ist. <h3> Hesse wird überschätzt</h3>Fokussiert statt abgelenkt. Nicht laut, aber kenntnisreich. Und – auch das in heutigen Zeiten ja durchaus ungewöhnlich – nicht zimperlich in seinen Urteilen. Wer bei Willbrand Meinung bestellt, bekommt sie auch. Etwa bei der Frage, welcher Schriftsteller am meisten überschätzt wird („Da muss ich ganz klar sagen: Hermann Hesse“).<BR /><BR />„Die meisten Bücher lege ich nach der ersten Seite weg. Ich erkenne Qualität sehr schnell“, erklärt er. „Ich würde auch sagen, dass mindestens 50 Prozent der Leute, die heute Literatur schreiben, gar keine Schriftsteller sind. Die können das gar nicht.“<BR /><BR />Willbrand traut sich solche Sätze zu, weil er für sich in Anspruch nimmt, etwas von Literatur zu verstehen. Er ist eben kein typischer Influencer.