Samstag, 12. September 2015

Der Traum vom späteren Leben

Kinderporträts von 1500 bis heute: Die Ausstellung läuft bis 22. November auf Schloss Tirol.

Kinderbilder zeigen in sensiblen Nuancen den Wandel gesellschaftlicher Veränderungen. Die Themenausstellung „Der Traum vom späteren Leben – Kinderporträts von 1500 bis Heute“ befasst sich erstmals mit der Genese und dem Wandel des frühneuzeitlichen Kinderporträts im Tiroler Raum. In über 80 Exponaten wird die Entwicklung des Genres von den Anfängen im frühen 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart herauf verdeutlicht. Dabei fällt ein spezielles Augenmerk auf die ikonografische Vielfalt der Darstellungen.

Die Bildentwicklung beschreibt den Weg von einer genormten Repräsentationskultur des Adels hin zur aufgeklärten Erinnerungskultur des Bürgertums, von einer Imitation der Erwachsenenwelt hin zu einer naturnahen Auffassung von Kindheit und kindlichem Bewusstsein. Die Besucher erfahren durch die Bilderwelt gemalter Kindheiten mehr über die Beziehung Kinder-Eltern, über die Auffassung von Familie und die hoffnungsfrohen Attitüden junger Leben im Kontext von Symbolik und Spiel. Neben der mimetischen Wiederholung der Erwachsenenwelt in Tracht und Beiwerk kommt es gerade im Barock zu durchaus verspieltem Rollentausch, der sich gesellschaftlich und auch genderbezogen vollziehen kann. 500 Jahre Kinderbilder sind ein spannender Gang durch die gesellschaftliche Diversität der letzten Jahrhunderte.

Der Auswahl und Anordnung der Bilder liegt ein chronologisches und zugleich bildtypologisches Konzept zugrunde.

„Kinderritratti“ der Herrscherfamilie

Den Beginn setzt Seiseneggers Porträt der Töchter Kaiser Ferdinands I. Zumal das Original aus konservatorischen Gründen nicht gezeigt werden kann, dient eine digitale Reproduktion als „Stellvertreter“. Die Tradition der „Kinderritratti“ in der Herrscherfamilie zeigen ausgewählte Beispiele, darunter zwei Kinderbildnisse von Erzherzogin Eleonore, die Tochter König Ferdinands I., im Alter von zwei Jahren und Eleonore, die Tochter Karls II. von Innerösterreich, im Alter von fünf Jahren.

Eine singuläre Leistung bleibt das „Tauferer Klassenzimmer“, eine auf Holztäfelchen gemalte Schulgemeinschaft, die sich im Zutun dreier Jahre so zusammenstellte. Aus der Fülle erhaltener Adelsporträts konnten nur exemplarische Kinderbildnisse ausgewählt werden, wobei die Einzelrepräsentation, das Familienbild mit der Mutter, eine Rolle spielen. Die enge formale Anbindung an das Fürstenporträt ist offensichtlich. Für den speziellen Zugang zu Totenritualen und Erinnerungskultur dürfen auch Kindertotenbilder nicht fehlen, die hier an den Beispielen der Clara Francisca Theresia Trapp und der Maria Elisabeth Lachmüller zwei besonders aussagekräftige Typusvertreter erhalten.

Erst im ausgehenden 18. Jahrhundert gewinnt die vollständige Wiedergabe der Familie an Gewicht. Martin Knoller porträtierte 1786 die Familie Gumer im Moment einer Verlobung. Besonders facettenreich zeigt sich die Typologie der Kinderbilder in der Zeit der Aufklärung. Bereits wie einen Erwachsenen zeigt Giovanni Battista Lampi den siebenjährigen Franz II. Graf von Enzenberg; mit seinem eigenen Sohn hingegen zeigt er sich an seinem Arbeitsplatz.

Noch im Geist des Rokoko sind die Kinderbilder von Franz Altmutter gefangen. Der Geist der Napoleonzeit spricht deutlich aus dem Familienbild des Johann Paul Inama von Sternegg: Nur zwei seiner insgesamt fünf lebenden Kinder sind als tanzendes Paar ins Bild gekommen, die Kleidung der Kleinen kopiert die Mode der aufgeklärten Eltern.

Familienbewusstsein im umfassenden Sinn regt sich erst deutlich im Biedermeier. So ist das Familienbild des tüchtigen Kaufmanns und Unternehmers Josef Anton Falger ein Bekenntnis des Familiensinns, es glückte als „Schnappschuss“ wohl kurz vor der Verehelichung der ältesten Tochter. Kinder werden jedoch von nun an verstärkt bei ihren Lieblingsbeschäftigungen gezeigt: Julius und Natalie von Sarnthein füttern mit Zuckerstückchen ihren Vogel, was offensichtlich beim gefangen gehaltenen Tier keine Freude aufkommen lässt.

In der Entwicklung des Kinderbildnisses kommt dem aus Hamburg stammenden, in Meran arbeitenden Maler Friedrich Wasmann eine gesonderte Stellung zu: Wie kein Künstler zuvor zeigt er seine eigenen Kinder, wie sie ihm vors Auge traten. Sohn Friedrich Ignaz ist am Küchentisch gezeigt, wie er mit umgehängtem Lätzchen auf das Essen wartet.

Der realistische Blick auf die Kindheit entdeckt zugleich kindliche Aspekte neu. Mathias Schmid erwischt seine Kinder Karl und Rosa just in dem Augenblick, wie sie gespannt in einem Bilderbuch blättern.

Kinderbilder von Albin Egger-Lienz

Eine Sektion der Ausstellung ist den Kinderbildern von Albin Egger-Lienz gewidmet: Eher selten wird die ältere, in Privatbesitz befindliche Version des Themas „Lorli“, seiner jüngsten Tochter, gezeigt. Diese gilt als ein Meisterwerk der Kinderbilder des Jugendstils. Hier gewinnt das Kinderbild im direkten Blick auf den Betrachter an Suggestion. In dem nur zwei Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs entstandenen Porträt seiner Tochter Ila ändert Egger-Lienz seinen Stil und zeigt sich bereits der Neuen Sachlichkeit zugewandt: Ila sitzt selbstbewusst auf der hölzernen Staffelei und ist in ihrer Beinhaltung wenig auf Symmetrie bedacht.

In den Jahren der Zwischenkriegszeit brechen die Themen neu auf: Leo Putz zeigt 1927 seinen zwölfjährigen Sohn Helmut als Indianer: Das Exotische wird zum biografischen Erfahrungsraum. Ganz anders geartet ist das Kinderbild des Sohnes Andrea aus der Hand von Regina Disertori: Hier spielt der Bub lieber mit Puppen, Äffchen und Teddy, die Plüschwelt wird zum Erprobungshorizont realer Lebenswelten.

Kinderbilder nach dem Jahr 1945

Nach dem Zweiten Weltkrieg kreiert Karl Plattner ein durchaus synkretistisches Mädchenbild, das sich dem Zwang entwindet, ein bestimmtes Mädchen zu meinen. Psychologisierend wird der Blick, den Peter Fellin um 1952 auf seine Tochter Maria wirft. Sie wird eher gelangweilt und mit dem Anflug von Trotz an einer biedermeierzeitlichen Stuhllehne gezeigt.

Als Vertreter der Gegenwartsmalerei wurden drei Arbeiten des in Berlin und Truden arbeitenden Malers Robert Bosisio in die Ausstellung geholt, zumal diese in exemplarischer Weise eine intensive Beschäftigung mit dem Kinderporträt verraten. Der Künstler malt seinen Sohn Johannes als Baby, dann als am Boden schlafendes Kind, dann an der Schwelle hin zur Pubertät.

Aus dem Sektor der Bildhauerkunst wurden bewusst einzelne Stücke ausgewählt, die in besonders eindringlicher Weise den Umgang mit dem Kinderbild belegen. Den Anfang macht der Bildhauer Carlo Fait, der ein trotziges Kleinkind einfängt, in der unverkennbaren Attitüde inneren Widerspruchs. Friedrich Gurschler arbeitete über Jahre an den stark stilisierten Darstellungen seiner Kinder und Peter Senoner ging 2002 neue Wege; das Projekt „Ewige Kinder“ ging mit dem schon im Jahr zuvor gestalteten Werk „Genius mit Haube“ um die Welt.

Hier trifft das Thema Kind auf eine alte Darstellungs-?tradition und verbindet es mit zeitgenössischen experimentellen Handlungen.

stol