Die Sprache – sie interessiert Franz Brugger bereits sein ganzes Leben. Noch begeisterter ist er von der Mundart, dem Dialekt, dessen Erhalt ihm seit Jahrzehnten ein großes Anliegen ist.<BR /><BR />Begonnen hat diese Liebe zur Sprache, zur gesprochenen gleichermaßen wie zur geschriebenen, schon in jungen Jahren. Geboren im fernen Jahr 1930 mitten im Faschismus, „konnte ich nur die italienische Schule besuchen“, erzählt der Innichner. <BR /><BR />Deutsch, das damals öffentlich nicht gesprochen werden durfte, geschweige denn unterrichtet wurde, lernte er in der verbotenen Geheimschule, der sogenannten Katakombenschule. Diese gab es auf entlegenen Berghöfen oder an einsamen Orten am Dorfrand. Neben der deutschen Hochsprache, die dort gelehrt wurde, wurde für den vielfältig interessierten Bauernbuben aber mehr und mehr der Dialekt zu seinem Steckenpferd. Schließlich „war es unsere Umgangssprache“.<h3> Verblasste Mundart</h3>Und er merkte auch, dass die Mundart mehr und mehr verblasste. Im Laufe der Zeit gerieten immer mehr alte Ausdrücke und Wörter in Vergessenheit, wurden von den Jungen nicht mehr verwendet. Der Sprachschatz dünnte zunehmend aus.<BR /><BR />Damit vieles nicht verloren geht, hat er in den 1990er-Jahren begonnen, erste alte Ausdrücke auf Zetteln festzuhalten. „Viel ist mir morgens oder abends bei der Arbeit mit dem Vieh im Stall eingefallen“, erzählt der Innichner, der zeit seines Lebens leidenschaftlich gerne Bauer war, bis er den Hof an seinen Sohn übergeben hat, der diesen an den Ortsrand der Marktgemeinde ausgesiedelt hat.<BR /><BR />„Im Stall habe ich auch viele Verse und Gedichte im Kopf formuliert und sie nachher dann aufnotiert“, erinnert er sich. Gut 300 Gedichte hat er im Laufe seines Lebens geschrieben – zu den unterschiedlichsten Anlässen. Wenn es im Dorf ein Gedicht brauchte, nahmen die Leute den Weg zum Franz ins Bauernhaus „Alte Post“ neben dem Krankenhaus, wo er heute noch lebt. Und so entstanden lange Reime zu Hochzeiten und runden Geburtstagen, zu allerlei Feiern, fürs Seniorenheim „und auch, wenn mich etwas besonders bewegt hat“, meint er. <h3> Er sammelt alte Wörter</h3>„Ich habe gedichtet, wenn mich etwas geärgert hat, wenn man alte Höfe aufgelassen hat, wenn es lange geregnet hat oder eine große Hitze war, wenn alte bäuerliche Gerätschaften achtlos weggeworfen wurden oder auch, wenn zu ‚Ferragosto‘ zu viele Gäste ins Dorf kamen.“ Millionen Maschinen sein ummanåndo wie nie, / mit eiserne Motorn unto do schian Karosserie. / Man könnt den Munat ruhig Fer- r(o)agosto haßn, / weil in der Zeit am meischtn Auto ummanåndorasn … heißt es in seinem Gedicht „Ferr(o)-agosto“.<BR /><BR />Im Jahr 2005 hat Franz Brugger dann damit begonnen, die alten Wörter und Dialektausdrücke systematisch festzuhalten. Was er vorher auf lose Zettel notiert hatte, wurde nun gründlich gesammelt und ergänzt. „Es sind hauptsächlich Ausdrücke aus der bäuerlichen Lebenswelt“, erklärt er fast entschuldigend. Einen Anspruch auf Vollständigkeit habe er natürlich nicht. „Ich habe aufgeschrieben, was ich selber gewusst habe und was mir andere erzählt haben.“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1058322_image" /></div> <BR /><BR /> Als dann 2019 Corona ins Land zog und keiner mehr einen Fuß vor die Haustür setzen durfte, außer mit einem triftigen Grund, war für den Innichner die Zeit gekommen, die Sammlung alphabetisch zu ordnen und zu einem Buch zu formen. Herausgekommen ist sein Werk „Hochpustertaler Dialekt in Wort und Reim“ dann im Jahr 2022 im Eigenverlag – 176 Seiten dick. Mehr als 3000 alte Wörter und mundartliche Redensarten sind darin enthalten – gepaart mit der jeweiligen Erklärung in der Hochsprache, sind uns Jüngeren doch längst nicht mehr alle Wörter bekannt oder deutbar. <BR /><BR />Dazu findet sich im Buch eine Auswahl von Bruggers Gedichten, lustige und ernste, solche mit einem Augenzwinkern und andere, die den Finger in die Wunde legen. Und etliche alte Fotos sind darin auch abgedruckt, die natürlich alle mit einem Reim versehen sind. Unter dem Bild eines Brotrahmens steht zum Beispiel: A Bauernbreatl wår für ålle Zeit / a g’frågs Bróat, et lei für Bauernsleit. Oder einem Bild mit der Holzkraxe eines Wanderhändlers hat er den Text gegeben: Isch do Tâtl-Krûma mit sein Kåschtn ins Haus innakemm, / noar håt die Bäurin va dö Tâtlan viel Brauchbåres gikennt nemm.<BR /><BR /> Abgeschlossen hat Brugger seine Dialekt-Sammlung mit der Herausgabe des Buches freilich nicht. „Inzwischen habe ich schon etwa 200 weitere Wörter aufgeschrieben“, sagt er, die er dann bei einer Neuauflage des Buches in dieses aufnehmen könnte. Eine Überarbeitung sei aber teuer, meint er, wenngleich das Buch von 2022 mittlerweile so gut wie vergriffen sei, obwohl er es nur in Innichen, Sexten und Toblach vertrieben habe. Der Erlös floss übrigens nicht in Franz Bruggers Tasche, sondern kam als Spende dem Bäuerlichen Notstandsfonds zugute.<h3> In Vereinswesen und Politik</h3>Franz Brugger nur auf seine Liebe zur Sprache festzumachen, wäre aber viel zu kurz gegriffen. Der 94-Jährige hat im Laufe seines Lebens nämlich noch ganz viel anderes getan. 35 Jahre lang war er Mitglied im Verwaltungsrat der Sennereigenossenschaft Innichen. In dieser Zeit hat er sein erstes Buch verfasst: die 220 Seiten umfassende Chronik der Sennereigenossenschaft Innichen anlässlich ihres 125-jährigen Bestehens. Diese „älteste Sennereigenossenschaft in Tirol“ ist inzwischen Teil der Sennerei Drei Zinnen.<BR /><BR />3 Jahrzehnte lang arbeitete Brugger in der Gemeindepolitik mit, viele Jahre lang als Gemeinderat, etliche auch als Kulturreferent. 27 Jahre war er zudem Präsident der Stiftung „Hans Messerschmied“ und damit auch Präsident des Innichner Seniorenheimes, 25 Jahre lang war er Sozialfürsorger in seinem Ort. Dazu kamen noch etliche weitere Mitgliedschaften und Ämter. „Als 1959 Notburga Kammerer aus Kiens meine Frau wurde, hat diese auch 12 Vereine, Verbände und Genossenschaften mitgeheiratet“, erzählt er mit einem Lachen. 8 Kindern schenkte das Paar das Leben.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1058325_image" /></div> <BR /><BR />50 Jahre lang war Franz Brugger Innichner Dorfchronist und sammelte dabei alles, was für den Ort von Belang war. Ebenso lange war er beim Volkstheater tätig – als Darsteller und als Spielleiter. Außerdem war er lange Jahre aktiver Heimatpfleger, er hat die Innichner Schulchronik übertragen und aufbereitet, hat alte Verträge transkribiert und er hat das Archiv von Foto Klose geordnet und digitalisiert. Vieles von dieser einzigartigen Sammlung der Familie Klose, die vor 1914 von Deutschland ins Hochpustertal kam, sei leider bei den Bombenangriffen auf Innichen im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen, erzählt er.<BR /><BR />Und dann war da in dem langen Leben noch für ein paar andere Dinge Platz. „Ich habe mehr als 1200 Sterbebildchen von Innichnerinnen und Innichnern gesammelt“, sagt er. Weiters habe er alle alten Häuser und Höfe in Innichen fotografiert sowie alte Fotos davon gesammelt. „Und ich habe seit 2016 insgesamt 670 Zeitungsberichte von Wolf und Bär zusammengetragen“, spricht er über seine Sammelleidenschaft. Natürlich alles fein säuberlich geordnet.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1058328_image" /></div> <BR /><BR />Und dann hat er noch vieles zu seinem Innichner Heimathof aufgehoben, in den sein Großvater aus Prettau kommend einst eingeheiratet hatte. Dazu gehören auch Fotos von der Überschwemmung Innichens im Jahr 1965, welche die „Alte Post“ besonders hart getroffen hat. „Wir sind hier am tiefsten Punkt Innichens“, erklärt er. „Das Haus stand 1,70 Meter unter Wasser.“<BR /><BR />Gut möglich, dass er darüber auch ein Gedicht geschrieben hat. In seinem Dialektbuch findet sich keines, dafür aber zu vielen anderen Themen: etwa über den „nåssn Schnea und ’s Gitatsche“, über die „Trooge“, die kleine Drau, übers „Schlångestiahn“ und über vieles andere mehr. <BR /><BR />Selbst ein „Wettosegn“ findet sich darin, den wir angesichts der vielen Unwetter ganz besonders gut brauchen können. Lei håm mir Menschn heintzitouge / mit’n Glabe a bissl a Frouge, meint Franz Brugger – und kommt dann zum Schluss: Mir Menschn månchmål hocherhabn / kenn ’s Wetto niemåls ummedrahdn, / åbo afn Wettosegn glabn. <BR /><BR />ZUR PERSON<BR /><BR />Franz Brugger ist 1930 in Innichen als Sohn eines Schuhmachers geboren. In den harten 1930er-Jahren musste der Vater das Handwerk aufgeben und wurde Bauer. So ist Franz mit 2 Geschwistern auf dem Bauernhof „Alte Post“ aufgewachsen, den er später übernommen hat. Neben seiner Bauernarbeit war er vielfältig tätig. 1959 heiratete er Notburga Kammerer, die 8 Kinder zur Welt brachte. Dieses Frühjahr ist seine Frau 92-jährig nach 65 Ehejahren gestorben.<BR /><BR />EINE KOSTPROBE <BR /><BR />an Tåmma = endlich<BR />Beißwurm = Kreuzotter<BR />Dowíschilaz = Fangen-Spiel<BR />fëibn = sieben<BR />flántschn = weinen<BR />fléaze = flach, dünn<BR />haisla = behutsam<BR />hâle = schlüpfrig, eisig<BR />hûntat = sehr schwach<BR />kneisn = endlich verstehen<BR />krúmp-haxat = hinkend<BR />kútton = lachen, scherzen<BR />Lâbe = Hausgang, Flur<BR />l simo = am Besten<BR />líadn = (Kühe) muhen<BR />lúppig = winzig klein<BR />móure = weich (Gemüse)<BR />nutz = brav (Kind)<BR />ó-tåchtl = ohrfeigen<BR />óu-rietig = abschüssig, steil<BR />Pâze = Herpesbläschen<BR />péachat = unnachgiebig<BR />pemsn = sehr lange bitten<BR />pléade = müde, ausgelaugt<BR />púndilat = rundlich<BR />Raito = Kornsieb<BR />róugl = locker<BR />satzn = schnell laufen<BR />schpeibm = erbrechen<BR />tâsig = still, matt, ruhig<BR />tschåppilat = ungeschickt<BR />ûn-anzl = provozieren<BR />vowéarn = verderben<BR />Worb = Sensenstiel<BR />Wóuse = Grasnarbe<BR />zwïene = ihrer zwei