In einem Gespräch berichtet die Boznerin unter anderem von ihrem Einsatz für Obdachlose in der Landeshauptstadt.<BR /><BR /><b>Frau Schullian herzlichen Glückwunsch zur Ehrung. Waren Sie sehr überrascht als Sie davon gehört haben?</b><BR />Martina Schullian: Ehrlich gesagt, war es mir anfangs fast ein bisschen peinlich, als ich den Brief gelesen hab. Es gibt wirklich jede Menge Menschen, die sich diese Ehrung mehr verdient hätten als ich, die sich mehr sozial engagieren, die mehr leisten. Aber dann hab ich mich auch gefreut, sehr gefreut. <BR /><BR /><b>Sie haben die Auszeichnung unter anderem dafür erhalten, dass Sie immer wieder Menschen mit Problemen jeder Art in Ihrem Betrieb einstellen.</b><BR />Schullian: Seit 30 Jahren kümmern wir uns um die Wiedereingliederung von psychisch kranken Menschen. Diese schickt uns das Arbeitsamt oder auch irgendwelche Vereinigungen. Meist sind es Jugendliche, die bei uns eine Lehre machen und die dann ihren Weg wieder finden, manche nehmen ihr Studium wieder auf und sind in der Lage, sich selbst zu erhalten. Durch die Arbeit mit der Erde, durch den regelmäßigen Rhythmus gelingt das fast immer. Ich glaube, dass unsere Arbeit schon prädestiniert ist, solchen Menschen zu helfen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="802940_image" /></div> <BR /><b>Sie sind auch im Obdachlosenhaus dormizil tätig....</b><BR />Schullian: Ja, das dormizil ist mir sehr wichtig. Engagierte Privatpersonen rund um Paul Tschigg stellen im dormizil in der Rittner Straße 25 in Bozen 25 Menschen ohne Dach über dem Kopf einen Platz zum Schlafen und ein Frühstück bereit. Die Haselsteiner Familien-Privatstiftung stellt die Einrichtung für 30 Jahre lang kostenlos zur Verfügung. Das dormizil wird ausschließlich von Freiwilligen geführt und wir haben große Pläne damit. <BR /><BR /><b>Was für Pläne? </b><BR />Schullian: Das dormizil wird nach dem Prinzip „Housing First“ geführt. Housing First ist ein Ansatz aus der US-amerikanischen Sozialpolitik beim Umgang mit Obdachlosigkeit. Eine obdachlose Person braucht als Erstes eine stabile Unterkunft. Erst danach können andere Angelegenheiten angegangen werden. Im dormizil sind wir 8 Mitglieder und wir planen einen Umbau des Hauses. Es sollen 9 kleine Wohnungen entstehen, in denen Menschen bleiben können, bis sie eine Arbeit gefunden haben. Allerdings haben wir derzeit auch einige ältere Menschen, die gesundheitliche Probleme haben und die sicherlich nicht mehr arbeiten können. Da hoffen wir auf eine Zusammenarbeit mit dem WOBI, damit wir diese unterbringen können. <BR /><BR /><b>Woher kommen die Obdachlosen? </b><BR />Schullian: Es sind zum Teil Menschen aus Südtirol. Ich bin immer wieder erschüttert, wenn ich sehe, wie schnell man obdachlos werden kann. Menschen verlieren ihre Stelle, die Beziehung zerbricht, die Leute, meist Männer, landen auf der Straße, unter der Brücke. Jeder hat eine andere Geschichte, jeder ist aus einem anderen Grund gescheitert. <BR /><BR /><embed id="dtext86-55724553_quote" /><BR /><BR /><b>Was bedeutet diese Ehrung für Sie? </b><BR />Schullian: Ich hoffe sehr, dass sich dadurch wieder neue Leute finden, die sich sagen, da könnte ich mich ja auch einmal einbringen, könnte ich auch einmal helfen. Denn es braucht viele Menschen, die helfen. Und man muss nicht viel Zeit haben, um zu helfen. Im dormizil kann man zum Beispiel den Nachtdienst übernehmen oder bei der Frühstücksausgabe helfen, man kann kochen oder Essen abgeben oder einfach vorbei kommen und zuhören oder reden. Die Menschen dort freuen sich. Sie sind sehr dankbar und bescheiden.<BR /><BR /><b>Sie haben auch den Agitu- Ideo-Gudeta-Förderpreis ins Leben gerufen. Was kann man sich darunter vorstellen? </b><BR />Schullian: Der Förderpreis wurde von einer 5-köpfigen Initiativgruppe organisiert, mit dem Ziel, das Vermächtnis von Agitu lebendig zu erhalten. Es ist ein Preis für Frauen, ganz gleich welchen Alters und welcher Nationalität, die in ihrem Sinne agieren. Ich habe Agitu kennen gelernt und sie eingeladen, jeden Montag in unserer Gärtnerei ihren Käse zu verkaufen. Es waren sehr beeindruckende Treffen, sie war eine unglaublich starke Frau.