Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Bartgeier in den Alpen vollständig ausgerottet. Der imposante Greifvogel wurde über Jahrzehnte verfolgt, weil man fälschlicherweise glaubte, er würde Lämmer oder Gämsen reißen. Tatsächlich ernährt sich der Bartgeier fast ausschließlich von Aas und Knochen. Die letzten Tiere verschwanden zwischen 1913 und 1920 aus den Alpen. Nur Restbestände überlebten noch in den Pyrenäen, auf Korsika und Kreta.<BR /><BR />Die Grundlage für die Rückkehr des Bartgeiers wurde erst in den 1970er-Jahren geschaffen. Im Alpenzoo Innsbruck gelang erstmals die erfolgreiche Zucht von Bartgeiern in menschlicher Obhut. 1978 entstand schließlich gemeinsam mit internationalen Partnern wie dem WWF, der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt und der Weltnaturschutzunion IUCN ein europaweites Wiederansiedlungsprojekt. Ziel war der Aufbau einer selbstständig überlebensfähigen Population im Alpenraum. <BR /><BR />Nach Jahren intensiver Vorbereitung konnten 1986 die ersten vier jungen Bartgeier im Nationalpark Hohe Tauern ausgewildert werden. Damit begann ein einzigartiges Naturschutzprojekt, das bis heute andauert.<BR /><BR /> Seither wurden im gesamten Alpenraum mehr als 260 junge Bartgeier freigelassen, davon 63 allein in Österreich. Sämtliche Auswilderungen in Österreich fanden im Nationalpark Hohe Tauern statt. Der Nationalpark entwickelte sich damit nicht nur zum Ausgangspunkt der Wiederansiedlung, sondern auch zum wichtigsten Monitoring- und Forschungsgebiet des Projekts.<BR /><BR />Die Erfolge sind inzwischen deutlich sichtbar. Während Experten 2016 von rund 230 bis 250 Bartgeiern in den Alpen ausgingen, leben heute bereits etwa 450 bis 500 Tiere im gesamten Alpenraum. Auch die Zahl der Brutpaare ist kontinuierlich gestiegen. Mitte der 2010er-Jahre gab es alpenweit etwa 40 Brutpaare, inzwischen hat sich die Population deutlich stabilisiert.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1323633_image" /></div> <BR />Besonders erfreulich ist die aktuelle Entwicklung im Nationalpark Hohe Tauern. Heuer sind dort sechs Brutpaare aktiv. Fünf Paare haben erfolgreich gebrütet, vier Jungvögel wachsen derzeit in ihren Horsten auf und werden von den Elterntieren versorgt. Die ersten Flugversuche der jungen Bartgeier werden Anfang Juli erwartet. Zudem kehren immer mehr Jungvögel in die Ostalpen zurück und besetzen neue Reviere. Das zeigt, dass sich die Population nachhaltig stabilisiert.<BR /><BR />Der Bartgeier erfüllt dabei eine bedeutende ökologische Aufgabe. Als spezialisierter Aasfresser übernimmt er im Hochgebirge die Funktion einer natürlichen „Gesundheitspolizei“. Rund 80 Prozent seiner Nahrung bestehen aus Knochen, die er aus großer Höhe auf Felsen fallen lässt, um sie zu zerkleinern. Dadurch beseitigt er organische Überreste und trägt wesentlich zur Hygiene im alpinen Ökosystem bei. Seine Rückkehr bedeutet daher nicht nur einen Erfolg für den Artenschutz, sondern stärkt auch das natürliche Gleichgewicht im Hochgebirge.<BR /><BR />Mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,85 Metern zählt der Bartgeier zu den größten flugfähigen Vögeln Europas. Erwachsene Tiere erreichen ein Gewicht von fünf bis sieben Kilogramm. Charakteristisch sind die langen, schmalen Flügel, der keilförmige Schwanz und der schwarze Federbart unter dem Schnabel, dem der Vogel seinen Namen verdankt.