<b>von Hans Rieder</b><BR /><BR />Die Orte des Alleinseins sind von mir mit Bedacht gewählt. In solchen Momenten zählt kein Berggipfel, nicht der Jagderfolg. Die Stille, die Einfachheit der Bergwelt wirkt beruhigend und fordert nicht. Hier oben wird der Blick ein anderer, ich tauche ein in eine neue Gefühlswelt, eine tiefe Ruhe in mir macht sich breit. <BR /><BR />Ich freue mich über die Bergquelle aus dem schwarzen Felsen, nehme einen Schluck vom kostbaren Nass, dessen Wert mir mit einem Mal wieder bewusst wird. Die Klarheit des Wassers beinhaltet etwas Sauberes, Unverbrauchtes. Nichts hat der Mensch hier verändert, nur da und dort finden sich die Spuren aus dem Almleben vergangener Tage. Die Natur hat ihre eigene Art, Umgebung, Landschaft zu gestalten. Das Bergbächlein scheint den Hauch der Freiheit zu genießen, nichts und niemand gibt vor, wo es seinen Lauf zu nehmen hat. Hier ist es nur der Tag oder die Jahreszeit, die bestimmen, was zu sein hat: die Dunkelheit oder das Licht, die Wärme oder die Kälte.<h3> Die Faszination: Jahreszeiten</h3>Der Wandel und damit auch die Faszination der Jahreszeiten, öffnen und gestalten immer wieder neue Bilder und Wege in der Natur. Der Wechsel der Jahresabschnitte, macht uns einerseits das Laufen der Zeit bewusst, gibt uns aber in regelmäßigen Abständen die Möglichkeit, den Wandel der Natur neu zu erleben, von Mal zu Mal bringt er auch noch nie Dagewesenes. <BR /><BR />Das Frühjahr, das sich vom Tal ausgehend langsam, fast behutsam wie ein grünes Band nach oben schiebt und schließlich den Kampf gegen Winter, Schnee und Kälte gewinnt, lässt Leben erwachen und neu entstehen. Das Wachsen und Werden können wir in dieser Zeit am besten beobachten. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1223301_image" /></div> <BR /><BR />Der Sommer, der Wärme und lange Tage bietet, lässt uns im Glauben, dass der nächste Winter fast unerreichbar weit weg ist, mit ihm gehen wir dem Licht und der Sonne entgegen. <BR /><BR />Der Herbst hat mit seiner Farbenpracht, mit der klaren Bergsicht und mit den unglaublichen Naturbildern und den kürzer werdenden Tagen einen besonderen Reiz. Erst wenn sich der November von seiner dunkelsten Seite zeigt und die Nebel aufziehen, kommt zuweilen das Gefühl auf, dass er drückt, der Spätherbst.<BR /><BR />Keine Jahreszeit entzweit die Meinungen so sehr, wie der Winter. Kalte Tage und Schnee wirken nur auf den ersten Blick abweisend: Die schützende Schneedecke, die Faszination der winterlichen Stille, regen dazu an, der Kälte und den Unannehmlichkeiten mit einer positiven Einstellung zu begegnen.<BR /><BR />Etwas haben die vier Jahreszeiten gemeinsam: Alle haben ihren besonderen Reiz, mögen erlebt und gelebt werden und kehren immer wieder. Und doch sind sie jedes Jahr verschieden. <BR /><BR />Der Wechsel der Jahreszeiten lassen auch die Parallelen zum täglichen Leben zu: Nach den trüberen Tagen, die es im Leben und in der Natur gibt, folgt immer wieder der Sonnenschein und das Licht.<h3> Das Werden des Tages</h3>Noch liegt die Nacht über dem Tal, die Ruhe der Dunkelheit schreckt mich nicht ab, denn ich weiß, der Tag und das Licht sind nicht mehr fern. Früh breche ich auf und bin unterwegs: auf die Jagd oder ich suche wieder einmal einen Weg, den ich schon oft gegangen bin. Die mir bekannten Orte im Tal geben mir Geborgenheit und manchmal das Bedürfnis: Da muss ich wieder einmal hin…<BR /><BR />Es sind dies meine schönsten Momente während des gesamten Tages. Ich lasse alles hinter mir, genieße die Anstrengung, die mir der Aufstieg abverlangt und lasse meinen Gedanken, den Träumen freien Lauf. Auch wenn das fehlende Licht noch keinen Ausblick bietet, ich spüre, wie gut mir diese Freiheit tut. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1223304_image" /></div> <BR /><BR />Oben am Grat taste ich mich den Weg entlang, sehe durch die abgewetterten Bäume langsam den Ansatz vom ersten Licht hinter den Bergen im Osten. Schemenhaft erkenne ich die vertrauten Berggipfel und kann die Konturen des Tales schon ausmachen. Jetzt beginnt einer der schönsten Momente in der morgendlichen Idylle: das Werden des Tages. Es ist dies ein vergebener Kampf der Dunkelheit gegen das anbrechende Licht, das höchstens bei schlechtem Wetter noch etwas verzögert werden kann.<BR /><BR />Der Morgen weckt die Wildtiere aus ihrem Schlaf, lässt sie aktiv werden. Die Vögel kündigen ihr Sein mit lautem Gezwitscher an, und Gämsen und Rehe treten beim ersten Morgengrauen von den vertrauten Schlafplätzen zu ihren Äsungsstellen aus. <BR /><BR />Jetzt übernimmt die Sonne ihre Aufgabe. Zunächst schickt sie die ersten Sonnenstrahlen an die Gipfel der Dreitausender und lässt diese im ersten Morgenlicht besonders weiß leuchten. Vorsichtig tasten sich die Strahlen weiter, erreichen die Moränen und lassen die Bergwelt endgültig erwachen. Langsam breitet sich die Sonne und mit ihr das Licht aus und überflutet die Bergwelt und dann das Tal; sie bietet Wärme und Geborgenheit.<BR /><BR />Jetzt ist auch das Leben unten, im Tal, neu erwacht. Ich weiß, welches Privileg mir vorenthalten bleibt und all jenen, die so etwas erleben und auch sehen können. Beschreiben kann ich das Wechselbad der Gefühle nur schwer, ich nehme sie mit, sie gehören mir allein. <BR /><BR />Wenn ich Zeit genug habe, nütze ich sie zu einem Rundblick durch das Tal. Hier oben ist der Ausblick gewaltig, das Tal scheint in diesen Momenten ganz allein für mich da zu sein. Ich schaue dem Wild nach, oder suche die Bergwelt ab und hänge meinen Gedanken nach. <h3> Gedanken schweifen zurück</h3>Ich blicke von der gegenüberliegenden Talseite ins Keilbachtal. Dort liegt mein Heimathaus und Erinnerungen werden wach. Vom Berghof meiner Eltern schweift der Blick von den Bergwiesen hinauf zum Keilbachjoch. Ich suche durch das Fernrohr das verwitterte Holzkreuz, das vom Übergang zeugt und das nur mehr wenig aus dem Schnee ragt und bald nicht mehr zu sehen sein wird. Der Schneewind wird es zudecken und erst im Frühsommer wird es die wärmende Sonne wiederum freigeben.<BR /><BR />In Gedanken begebe ich mich auf die Spuren der Väter. Nach dem Krieg führte hier der Schmugglerweg, übers Joch in den Stiluppengrund auf der österreichischen Seite, den mein Vater und die Nachbarn oft gegangen sind; mit Schmuggelwaren hin und zurück, meist in der Nacht, um sich an den kargen Berghöfen nach dem Krieg einen kleinen Zuverdienst zu verdienen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1223307_image" /></div> <BR /><BR />Ich erinnere mich an die Erzählungen des Onkels, der über diesen Weg den langen und heimlichen Fluchtweg nach dem Krieg ins Ahrntal angetreten hat und später über die Grenzen auf der Gamsjagd war: heimlich und oft in der Nacht, weil das Fleisch damals auf manchem Hof überlebenswichtig war. Uns geht es besser. Diesen Einsatz um die elementarsten Mittel im Leben kennen wir so nicht. Wir dürfen das Leben und die Natur unter ganz anderen Vorzeichen erleben, dafür hat sich in unserer Zeit die Hektik breit gemacht. Erfolgsdenken, der Drang nach Geld, Einfluss und die Eile beherrschen manche von uns, dies mit wachsender Steigerung. Manchmal frage ich mich, wohin wir wollen, mit unserer Eile, mit unserer Hektik.<BR /><BR />Die Leidenschaft für die Heimat und für die Natur definiere ich mir immer wieder neu, im Bewusstsein, dass die Zeit nicht stehen bleibt. Über stille Momente, über Erfahrungen und Erlebnisse kehre ich zurück an die Orte, die mir Stille geben und wo ich mich mit der Heimat tief verwurzelt fühle. Diese Verbundenheit mit meiner Heimat behalte ich mir, diese Momente der Stille lebe ich.