<b>Von Maria Cristina De Paoli</b><BR /><BR />Immer wenn sie ein junges Mädchen in Arbeitskleidung sieht, wird es Priska Reichhalter warm ums Herz. Und als zuletzt gleich fünf Tischlerinnen nach bestandener Prüfung ihren Gesellenbrief erhielten, war die 27-Jährige aus Afing richtig stolz auf den Nachwuchs. Selbst hatte die Obfrau der Junghandwerker und Junghandwerkerinnen im lvh immer nur ein und denselben Berufswunsch: Tischlerin zu werden und in den Familienbetrieb einzusteigen. <BR /><BR />Das Unternehmen, das Vater Sepp gegründet hat, plant, produziert und montiert Treppen. Und weil sich bekanntlich früh übt, wer eine Meisterin werden will, hat die Tochter schon ab der Grundschule daheim geholfen. „Wann immer es möglich war, haben meine beiden Schwestern, mein Bruder und ich gerne mit angepackt“, erzählt Priska Reichhalter und führt durch die lichtdurchflutete Werkstatt. An der Kreissäge schneidet ein Mitarbeiter gerade massive Trittstufen zu. Der Geruch von Harz und Holzspänen steigt auf. <BR /><BR />Die Halle steht ebenso wie die Holzlager und das Wohnhaus der Familie am Ortsrand von Afing. Gleich hinter dem Firmensitz beginnt der Wald, und von hier führt die Straße nur zu einer Handvoll entlegener Bergbauernhöfe. „Verkehrstechnisch ist das nicht der ideale Standort für einen Betrieb, der zwischen 250 und 300 Treppen pro Jahr herstellt und vermehrt auf Export setzt“, so die Juniorchefin. „Aber hier fühlt sich unsere Arbeit noch authentisch an, und das wird von den Kunden honoriert.“<h3> Durchgesetzt</h3>Doch zurück zur kleinen Priska und ihren Zukunftsplänen. Gezögert habe sie nur ein einziges Mal, und zwar nach der Mittelschule. „Damals gab es in Südtirol noch keine Berufsmatura und ich wollte mir alle Möglichkeiten offenhalten.“ Also entschied sie sich für eine Oberschule mit Schwerpunkt Innenraumausstattung und Holztechnologie. „Die gab es nur in Imst, wovon meine Eltern nicht gerade begeistert waren.“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1024122_image" /></div> <BR /><BR /> Vater Sepp und Mutter Monika, die am Wissenschaftlichen Lyzeum in Bozen Biologie unterrichtet, wollten ihre Tochter nicht so früh ziehen lassen. „Aber ich hatte mir die Schule in den Kopf gesetzt, und da kann ich recht stur werden.“ Keine Frage: Priska ging nach Imst. Ab der zweiten Klasse war sie dort sogar in einer Schülerinnen-Wohngemeinschaft untergebracht und von Montag bis Samstag auf sich selbst gestellt.<BR /><BR /> „Da lernt man schnell, dass man abends rechtzeitig ins Bett muss, wenn man am nächsten Tag in der Schule mitkommen will.“<BR />Aus ihrer Imster Zeit hat die junge Frau, die in ihrer Freizeit gerne verreist, ein fundiertes Grundwissen, aber auch und vor allem ein Netzwerk aus Freunden und Kollegen mitgebracht, auf das sie jederzeit zurückgreifen kann. <h3> Nachgeholt</h3>Nach der Matura in Österreich ging es in Südtirol Schlag auf Schlag: Priska stieg in den väterlichen Betrieb ein, absolvierte an den Wochenenden einen Masterlehrgang in Management und Unternehmensführung und machte zu guter Letzt auch noch ihren Meister. „Die erste Zeit stand ich viel in der Werkstatt.“ Sie sollte und wollte Einblick erhalten in die Produktion. Heute ist sie für den Erstkontakt mit den Kunden, für Entwürfe, Renderings und Kostenvoranschläge zuständig und sitzt, wenn sie nicht gerade bei Klienten oder auf Messen ist, vor allem im Büro. Ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Alexander leitet die Fertigung, während der Vater die Montage betreut. <BR /><BR /><embed id="dtext86-64562847_quote" /><BR /><BR />„Mit zehn Mitarbeitern sind wir allerdings ein sehr klein strukturierter Betrieb, in dem alle alles können müssen.“ Und so steht Priska, wenn Not am Mann oder an der Frau ist, nach wie vor an der Kreissäge oder fährt mit auf Montage. Den ganzen Tag am Schreibtisch zu sitzen, sei sowieso nicht ihr Ding – auch wenn von morgens bis abends die Sonne ins Zimmer scheint und die Aussicht auf die Petruskirche in Wangen noch so schön ist. <BR /><BR />Von Priskas Arbeitsplatz aus blickt man aber nicht nur auf den Ritten, sondern auch in den firmeneigenen Showroom und auf ihr Meisterstück: eine frei stehende Treppe aus Holz und Glas mit integrierter Kaffeeküche und kleiner Weinbar, die sich in einen Stehtisch umfunktionieren lässt. „Weil es relativ einfach ist, das Stück ab- und wieder aufzubauen, nehme ich es gerne mit auf Messen“, sagt die Tischlerin, die von sich behauptet: „Mich hat die typische Handwerkerkrankheit erfasst. Wenn ich an einem Haus vorbeifahre, in dem eine unserer Treppen steht, ist das selbst nach Jahren noch ein Grund zur Freude.“ <h3> Zuwachs</h3>Zufrieden zeigt sich die Obfrau der Jungen im lvh (sie ist seit Mai 2023 im Amt) auch über die langsam steigenden Lehrlingszahlen im Land. „Ich bin davon überzeugt, dass sich derzeit ein Wertewandel vollzieht.“ Die Generation „Z“ sei auf Sicherheit ausgerichtet. „Diese jungen Menschen wollen Sinnvolles tun, da bietet sich ein Handwerksberuf geradezu an.“ Als Beispiel nennt Priska Reichhalter den Klimawandel. „Wir Handwerker haben es selbst in der Hand, was wir in unserem Betrieb konkret dagegen unternehmen.“ <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1024125_image" /></div> <BR /><BR />Gemeinsam mit zwei weiteren Mitstreitern erstellt Priska – ebenso seit vergangenem Mai –, „Mission Handwerk“, den Podcast der Südtiroler Junghandwerker. Darin bringt sie Inhalte aufs Tapet, die dem Nachwuchs unter den Nägeln brennen. „Der Podcast macht einen Riesenspaß, wir kommen gut an, und unsere Gäste sagen immer mit Begeisterung zu. Wir haben allerdings den Aufwand etwas unterschätzt.“<BR /><BR />Für das Engagement im Verband musste Priska Reichhalter ihre Freiwilligenarbeit beim Weißen Kreuz aufgeben. „Alles geht einfach nicht.“ Die Zeit beim Rettungsdienst habe sie jedoch sehr geprägt: „Weil ich hier in Afing in einer heilen Welt aufgewachsen bin und es für mich wichtig war, andere, oft dramatische Schicksale zu erleben.“<h3> Distanz</h3>Seit 9 Jahren arbeitet Priska Reichhalter mit Erfolg in einem nach wie vor männerdominierten Beruf. Wie viel Mut es dazu brauche? „Immer weniger“, antwortet die Tischlermeisterin. „Weil die Akzeptanz wächst, weil selbst auf Baustellen immer mehr Frauen zu sehen sind und weil Kompetenz und Erfahrung stark machen.“ Wirklich Negatives habe sie selten erlebt. „Nur einmal dachte ich, das wäre ,Versteckte Kamera„. Da wollte ein Kunde partout nicht glauben, dass ich der Techniker war, den er suchte. Er nannte mich ständig ,Madl„ und verabschiedete sich schließlich mit der Feststellung, zu seiner Zeit hätten ,die Weiber derhoam lei Knedl gedrahnt„.“ Damals war sie nur froh, als der Mann endlich den Hörer auflegte. Heute würde sie ihm seinen Schneid abkaufen. Man kann ihr glauben.<BR /><BR /><BR /><BR />