Über 5.400 Säugetierarten verschiedenster Größen und Formen leben auf der Erde: etwa 33 Millimeter winzige Schweinsnasenfledermäuse, 33 Meter lange Blauwale, die Saiga(-antilopen), die mit ihrer Rüsselnase an eine „Star Wars“-Figur erinnern, Moschustiere mit ihren Draculazähnen, Dugongs, die mit ihrem hufeisenförmigen, rüsselartigen Maul am Seegras knabbern. <BR /><BR />Und auch die Art, wie die Mütter all dieser verschiedenen Spezies ihren Nachwuchs empfangen, austragen und gebären, ist unglaublich vielfältig – und trickreich. <BR /><BR />Bären, Robben, Seelöwen und mehrere Beuteltierspezies beispielsweise sind in der Lage, mit einer Schwangerschaft zu pausieren. Die Stellerschen Seelöwenweibchen im nördlichen Pazifik beispielsweise verzögern die Geburt ihres Kalbs, bis das Wetter mild wird und genug Nahrung vorhanden ist oder ältere Geschwister nicht mehr auf die Fürsorge der Mutter angewiesen sind. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1265544_image" /></div> <BR />Kängurus verfügen hingegen über zwei getrennte Gebärmütter. Diese Anpassung macht es ihnen möglich, mit einem „Reserveembryo“ trächtig zu sein. Oft schon kurz nach der Geburt eines nicht einmal drei Zentimeter kleinen Kängurubabys trägt die Mutter in ihrem zweiten Uterus schon das nächste Junge aus. <BR /><BR />Während der Nachwuchs im Beutel heranwächst, wird die Entwicklung des zweiten Embryos verzögert. Sobald das ältere Geschwisterchen entwöhnt ist und den Beutel verlassen hat, kann das neue Baby dort einziehen. Um beiden Jungen die Milch zu geben, die sie brauchen, verfügt eine Kängurumutter über vier Zitzen und produziert zweierlei Milch, deren Nährstoffgehalt jeweils dem altersgerechten Bedarf der Kleinen entspricht.<h3> Nordopossum: Tragezeit dauert nur 13 Tage</h3>Auch die Tragezeit unterscheidet sich. Eines der Säugetiere, das am kürzesten trächtig ist, ist das Nordopossum. Das einzige Beuteltier Nordamerikas bringt im Schnitt 20 Junge zur Welt – und das nur elf bis 13 Tage nach der Paarung. <BR /><BR />Die winzigen, einen Zentimeter langen Würmchen krabbeln aus dem Geburtskanal in den Beutel der Mutter, wo ihre Entwicklung fortgesetzt werden soll. Doch nicht alle kommen dort heil an – im Schnitt überleben acht bis neun Babys.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1265547_image" /></div> <h3> Mäuse sind regelrechte „Brutmaschinen“</h3>Mäuse sind ebenfalls regelrechte Brutmaschinen: Sie sind nur 19 Tage trächtig und gebären alle zwei Monate zwischen zwölf und 20 Nachkommen. Diese Babyschwemme ist notwendig, damit zumindest einige der kleinen Mäuse in ihrem äußerst gefährlichen und sich ständig verändernden Lebensraum bis ins Erwachsenenalter überleben.<BR /><BR />Auch Haushunde und -katzen sowie ihre wild lebenden Verwandten können innerhalb kürzester Zeit viel Nachwuchs bekommen: Eine Haushündin ist 63 Tage trächtig und bringt im Schnitt fünf Junge zur Welt. Dabei ist es durchaus möglich, dass die Jungen eines Wurfs von verschiedenen Vätern gezeugt wurden. <BR /><BR />Das Phänomen hat einen Namen: Superfekundation, zu Deutsch Überschwängerung. Beim Eisprung weiblicher Hunde werden mehrere Eizellen gleichzeitig ausgestoßen und in den Eileiter aufgenommen. Dort können sie etwa zehn Zyklustage lang durch Spermien befruchtet werden. Hündinnen paaren sich mit möglichst vielen Rüden, damit möglichst viele der Eizellen befruchtet werden.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1265550_image" /></div> <BR />Forscher glauben, dass mit dem Alter, das ein Tier erreichen kann, die Trage- und damit die Entwicklungszeit, die der Fötus benötigt, zunimmt. Afrikanische Elefanten sind mit 22 Monaten von allen Spezies am längsten trächtig. Kommt ein Elefantenbaby auf die Welt, hat es sofort die Fähigkeit, lange Strecken zurückzulegen. <BR /><BR />Auch Nashorn-Mütter, deren Jungen im Schnitt nach 16 Monaten Tragezeit geboren werden, bringen vollständig entwickelte Kälber zur Welt. Manche Meeressäugetiere wie der Tümmler tragen ihre Jungen zwischen zehn und zwölf Monaten aus, sodass das Kalb direkt nach der Geburt mit der Mutter mitschwimmen kann.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1265553_image" /></div> <h3> Immer mehr Zwillinge beim Menschen</h3>Also ein Junges oder viele. Eine Anomalie, die die Evolution nur sehr selten vorgesehen hat, sind hingegen zwei Junge, sprich Zwillinge. Bei Pferden und Kühen sind zwei Jungtiere oft problematisch, enden in Fehl- oder Totgeburten. Besonders brisant: Teilt sich ein weibliches Kalb den Mutterleib mit einem männlichen Zwilling, wird es häufig unfruchtbar. Landwirte nennen das Freemartin (wird im Deutschen oft mit „Zwitterrind“ übersetzt).<BR /><BR />Eine Ausnahme bildet die Spezies Mensch. Jährlich werden weltweit etwa 1,6 Millionen Zwillinge geboren. Eine kürzlich durchgeführte Studie in 165 Ländern (und damit unter etwa 99 Prozent der Weltbevölkerung) hat einen globalen Zuwachs an Zwillingsgeburten ergeben. <BR /><BR />Der größte Anstieg von 70 Prozent zeigte sich in Europa, Nordamerika und Teilen Asiens. Zu den Ländern mit dem größten Zuwachs gehören unter anderem Tschechien, Griechenland, Deutschland, die Schweiz und Österreich. Der Anstieg betrifft jedoch nur die zweieiigen Zwillinge, denn der Anteil eineiiger Zwillingsgeburten ist über die Zeit hinweg konstant geblieben.<BR /><BR />Die Hauptursache sei in vielen Ländern eine vermehrte Nutzung medizinisch assistierter Reproduktion, insbesondere der künstlichen Befruchtung, meinten die Forscher. Um die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen künstlichen Befruchtung zu erhöhen, werden häufig zwei oder sogar noch mehr befruchtete Eizellen eingesetzt. Dies führt mit erhöhter Wahrscheinlichkeit zu Mehrlingsgeburten. <BR /><BR />Ein weiterer Grund für den Anstieg von Zwillingsgeburten wird im durchschnittlich zunehmenden Alter der Mütter bei Schwangerschaften vermutet. Mit dem Alter sinkt auch die Kapazität der Eierstöcke. Um dem entgegenzuwirken, sendet das Gehirn automatisch eine größere Menge des follikelstimulierenden Hormons (FSH) aus, welches die Eizellreifung stimuliert. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass mehr als eine Eizelle produziert wird, welche dann im Anschluss befruchtet werden und zu Zwillingen oder Mehrlingen führen kann.<BR /><BR />Ganz anders verhält es sich bei den engsten Verwandten des Menschen, bei Menschenaffen wie Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans. Hier sind Zwillingsgeburten extrem selten. Dokumentierte Fälle zeigen, dass sie häufig mit Komplikationen einhergehen. <BR /><BR />Die Mutter ist oft nicht in der Lage, beide Jungtiere ausreichend zu versorgen oder gleichzeitig zu tragen. In freier Wildbahn führt dies nicht selten dazu, dass eines der Jungtiere stirbt oder verstoßen wird. Auch die Überlebenschancen der Mutter können durch den erhöhten Energiebedarf sinken.<h3> Gorilla-Dame Mafuko ist „Mama“ von Zwillingen</h3>Umso größer war die Freude der Tierschützer des kongolesischen Virunga-Nationalparks, als sie bemerkten, dass ihre 22-jährige Berggorilla-Dame Mafuko mit zwei Neugeborenen in den Händen im Unterholz des dichten Dschungels im Osten der Demokratischen Republik Kongo saß. Vor genau zehn Jahren hat das Gorilla-Weibchen schon einmal Zwillinge geboren. Doch beide starben innerhalb einer Woche.<BR /><BR /> Zwillingsgeburten sind bei Berggorillas extrem selten, nur bei rund einem Prozent des Nachwuchses kommen sie vor. Die letzte Zwillingsgeburt im Virunga-Park geschah 2020, allerdings in einer anderen Gorilla-Familie. Gorillaweibchen gebären im Durchschnitt nur alle vier Jahre nach einer achtmonatigen Schwangerschaft.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1265556_image" /></div> <BR />2020 waren gerade noch 700 Berggorillas am Leben, 150 von ihnen im Virunga-Nationalpark. Die übrigen in den angrenzenden Naturschutzgebieten entlang der Grenze: in Ruanda und Uganda. Zu jener Zeit herrschte bereits Krieg im Ostkongo. Mithilfe internationaler Gelder, vor allem von der EU, wurde Kongos Naturschutzbehörde ICCN, die die Nationalparks verwaltet, modernisiert und ihre Kapazitäten erhöht.<BR /><BR /> <video-jw video-id="3dDvAib3"></video-jw> <BR /><BR />Offenbar mit Erfolg. Der Anstieg der Gorilla-Population im Virunga und den benachbarten Parks führte letztlich dazu, dass der Status der Berggorillas von „ernsthaft gefährdet“ im Jahr 2018 auf nur noch „gefährdet“ reduziert wurde. Die Zwillingsgeburt nährt nun erneut Hoffnungen, dass der Bestand der bedrohten Tiere sich weiter erholt. Insgesamt gibt es heute etwa 1.000 gefährdete Berggorillas – sie leben ausschließlich in den Nationalparks rund um die aktiven und erloschenen Vulkane im Dreiländereck zwischen Kongo, Ruanda und Uganda. <h3> Naturschutz „extrem“</h3>Der Park umfasst eine der Regionen mit der größten Artenvielfalt Afrikas: Er erstreckt sich von den heißen Tiefebenen in der Savanne bis hoch auf über 5.000 Meter in die Vulkanberge. Seit 1994 steht er auf der Roten Liste des gefährdeten Unesco-Welterbes. Grund dafür war die riesige Flüchtlingswelle, die damals nach dem Völkermord in Ruanda in die Region drängte. Es wurden viele Bäume des Regenwaldes gefällt, um Feuerholz und Baumaterialien zu gewinnen.<BR /><BR />Mittlerweile sind die Parkverwaltung und deren rund 750 Wildhüter auch unter Kritik geraten. Um die seltenen Tiere und die Natur zu schützen, erhielten sie von Kongos Regierung weitreichende Befugnisse, gegen Eindringlinge und potenzielle Wilderer vorzugehen, sie zu verhaften und zu langen Haftstrafen zu verurteilen. Dies führte in der Vergangenheit auch dazu, dass sie brutal gegen Frauen und Kinder vorgingen, die im Unterholz nur Feuerholz sammeln. Entlang der Parkgrenzen wurden Häuser und Ernten zerstört, denn die genaue Grenzziehung zwischen dem Naturschutzgebiet und den Dörfern der Einwohner ist umstritten.<h3> „Kindergarten“ für Tamarinen & Co.</h3>Häufiger treten Zwillinge bei kleineren Primaten, etwa bei Krallenaffen (Marmosetten und Tamarinen), auf. Diese stellen eine bemerkenswerte Ausnahme dar: Bei ihnen sind Zwillingsgeburten sogar die Regel. Der Grund liegt in ihrer besonderen sozialen Struktur. <BR /><BR />Die Jungtiere werden nicht nur von der Mutter, sondern von mehreren Gruppenmitgliedern getragen und versorgt. Diese kooperative Brutpflege macht es möglich, zwei – gelegentlich sogar mehr – Jungtiere gleichzeitig großzuziehen.