Ihre Funde bezeichnet Schmidt als „Schatzkiste der Nachhaltigkeit“: Dieser riesige Wissensfundus sei die Ausprägung von Kulturtechniken, die teilweise seit Jahrtausenden funktionieren – das gelte es, ins Bewusstsein zu rufen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="788984_image" /></div> <BR /><BR /><b>Frau Schmidt, was hat Sie als Archäologin, die aus dem kleinen oberbayerischen Dorf Eurasburg stammt, denn dazu verleitet, sich mit dem Kulturerbe im Vinschgau, Unterengadin und Val Müstair zu befassen?</b><BR />Ricarda Schmidt: Im Zuge meiner wissenschaftlichen Tätigkeit habe ich mich auf die internationale Denkmalpflege und die Kulturerbe-Konventionen der UNESCO spezialisiert, insbesondere das Welterbe. Eines meiner jüngsten Projekte war in Garmisch-Partenkirchen angesiedelt, dabei forschte ich zu den dort erhaltenen Berg- und Streuwiesenkulturlandschaften. So kam ich in Kontakt mit dem lebendigen bäuerlichen Kulturerbe, das war dann sozusagen meine Eintrittskarte für das Projekt an der Forschungseinrichtung Eurac Research.<BR /><BR /><b>Was wussten Sie vor Antritt des Projekts vom Vinschgau?</b><BR />Schmidt: Tatsächlich nichts, da ich zuvor nie im Vinschgau war. Das brachte den Vorteil mit sich, dass ich völlig unvoreingenommen an die Thematik herangehen konnte. Zunächst habe ich ein halbes Jahr von Bozen aus gearbeitet, bin dann aber im Mai 2021 nach Eyrs gezogen, von dort aus betreue ich seitdem das Projekt Living ICH, in dessen Rahmen auch die Ausstellung „Hüter der Vielfalt“ entstanden ist. <h3> „Schatzkiste der Nachhaltigkeit“</h3><b>Dabei sind Sie auf Spurensuche nach lebendigem Kulturerbe gegangen, haben Kulturtechniken wie etwa Weidenflechterei, das Wissen um die Saatgutgewinnung und den Streuobstanbau oder das „Schrockn“ im Schnalstal untersucht. Wozu?</b><BR />Schmidt: Es geht hier um das Sichtbarmachen von Modellbeispielen für ein nachhaltiges Leben. Wir haben dieses lebendige Kulturerbe von den Generationen vor uns geerbt und sollten uns die Frage stellen, in welcher Form wir es heute pflegen und den nachfolgenden Generationen weitergeben wollen. Es handelt sich um lebendiges Kulturerbe, das man getrost als Schatzkiste der Nachhaltigkeit bezeichnen kann. Dieser riesige Wissensfundus ist die Ausprägung von Kulturtechniken, die teilweise seit Jahrtausenden funktionieren – das gilt es, ins Bewusstsein zu rufen.<BR /><BR /><b>Sie plädieren also für einen Schutz dieser bäuerlichen Traditionen?</b><BR />Schmidt: Mit dem Begriff Schutz wäre ich in diesem Zusammenhang vorsichtig, er eignet sich eher für materielles Erbe wie Baudenkmäler oder Burgen. Beim lebendigen Kulturerbe ist hingegen der Aspekt des beständigen dynamischen Wandels wichtig, es geht also eher um die Frage, auf welche Weise wir dieses Kulturerbe bewahren oder revitalisieren möchten. Manche Traditionen sind noch sehr vital, liegen gerade im Trend der Zeit, bei anderen hingegen gibt es sicherlich Handlungsbedarf.<BR /><BR /><embed id="dtext86-55148285_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Zum Beispiel?</b><BR />Schmidt: Spontan fällt mir die Vinschger Palabirne ein. Seit der Kartierung im Jahre 2007 durch die Stadtgemeinde Glurns ist ausgehend vom Gesamtbestand von 142 Bäumen ein Verlust von rund 20 Exemplaren zu bedauern. Es handelt sich hier um eine unheimlich identitätsstiftende Frucht, vor allem für das Obere Vinschgau, wir wollen nun mit einigen Initiativen diese Bedeutung und Rolle der Palabirne ins Bewusstsein rufen. Es sollen Anstöße sein, die Tätigkeiten rund um die Palabirne weiterzuführen. <BR /><BR /><b>Es geht hier also um weit mehr als um den Erhalt bäuerlicher Traditionen. Es geht um die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität, mit sinnstiftenden Tätigkeiten …</b><BR />Schmidt: Und wie. Die identitätsstiftende Wirkung des lebendigen Kulturerbes ist kaum hoch genug einzuschätzen. Es prägt den Alltag der Menschen, formt den Charakter und erzeugt Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Bewahrung von immateriellem Kulturerbe ist weitaus mehr als lediglich ein Bewahren um des Bewahrens willen.<BR /><BR /><b>Wie wurden Sie von den Vinschgern aufgenommen, als Forscherin von auswärts?</b><BR />Schmidt: Ich habe mich von Anfang an äußerst wohl gefühlt und willkommen geheißen. Die von mir interviewten Menschen haben mir einen sehr tiefen, lebendigen und umfangreichen Blick in ihren Alltag gewährt, sie haben mir völlig neue, mir bis dahin unbekannte Universen eröffnet. Dafür bin ich ihnen sehr, sehr dankbar. <h3> Das „Schrockn“ im Schnalstal</h3><b>Ihre interessantesten Begegnungen und Erlebnisse?</b><BR />Schmidt: Jedes Gespräch war für mich von besonderem Wert, ich kann und möchte das nicht gewichten. Natürlich war ich auch bei diversen Brauchtumsveranstaltungen wie der Herz-Jesu-Feier, dem Zusslrennen in Prad, dem „Hom Strom“ in Scuol oder dem Chalandamarz in Val Müstair. Und weil Sie davor das „Schrockn“ erwähnt haben: Es ist unheimlich toll, dass wir diesen Brauch aus dem Schnalstal ausgebuddelt haben, der sogar den meisten Südtirolern kein Begriff ist. <BR /><BR /><b>Wie geht es nun weiter mit dem Projekt?</b><BR />Schmidt: Prinzipiell handelt es sich bei der Ausstellung „Hüter der Vielfalt“ nur um einen Baustein von etwas Größerem. Weil es sich ja um lebendiges Kulturerbe handelt, wollen wir alle Interessierten hier einbinden und sie zum Mitmachen animieren. Die Identifikation von lebendigem Kulturerbe kann nicht ohne die Mitsprache der Menschen vor Ort erfolgen, ist keine Sache, die am Schreibtisch entschieden werden kann. Jede Generation muss sich neuerlich fragen, welche Beispiele des lebendigen Kulturerbes sie in welcher Form an die künftigen Generationen weitergeben möchte. Es geht uns somit um Dialog, Austausch, gegenseitige Bereicherung. Deshalb planen wir nun Veranstaltungen, Lehrfahrten ein Symposium, einen Kinoabend. <BR /><BR /><b>Diese Thematik ist Ihnen wohl zur Herzensangelegenheit geworden, oder?</b><BR />Schmidt: Ja. Dieses lebendige Kulturerbe zeigt uns auch, auf welche Weise die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen heute schon in unserem Land umgesetzt werden und welchen Weg wir weiterbeschreiten sollten. Auf diese Weise soll mittels unseres Projekts die Bedeutung und Relevanz des lebendigen Kulturerbes für die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft noch viel deutlicher hervortreten. <BR /><BR /><BR />DIE AUSSTELLUNG<BR /><BR />Die Ausstellung „Hüter der Vielfalt“ porträtiert Persönlichkeiten, die das lebendige Kulturerbe im Vinschgau, Unterengadin und Val Müstair pflegen. Anhand von 19 Beispielen lässt sich der große Reichtum dieses Kulturerbes – darunter das Wissen um altes Saatgut, um die Palabirne oder die Handweberei – entdecken. In Südtirol ist die Ausstellung in <b>Karthaus</b> (15. – 31. Juli), in <b>Laas</b> (6. – 7. August) und <b>Glurns</b> (3. – 18. September) zu besichtigen.<BR />