Schick, der sich selbst als „Klangkünstler“ bezeichnet, gibt in diesen Tagen im Rahmen des Transart-Festivals einen Turntablism-Workshop. Am Samstag ist der Mann, den man an seiner immer schwarzen Kleidung, der schwarzen Brille und der schwarzen Mütze erkennt („Das ist Gewohnheit“), beim Clubbing im Ex-Alumix in Bozen zu hören. Hier zeigt er, dass Plattenspieler nicht nur zum Auflegen da sind.Südtirol Online: Was genau versteht man unter Turntablism?Ignaz Schick: Turntablism heißt, den Plattenspieler als Musikinstrument zu benutzen. Das Spannende daran ist, dass der Plattenspieler normalerweise nicht als Musikinstrument, sondern eigentlich als Reproduktionsgerät gilt. Deshalb stellt sich von Beginn des Turntablisms an die Frage nach dem Missbrauch. Darf man das? Da ist bis heute immer noch so ein schelmisches Grinsen dabei: Man stört sozusagen ein System und generiert dadurch neue Klänge.STOL: Wie lange gibt es die Turntablism-Szene bereits?Schick: Mittlerweile gibt es drei oder vier Generationen von Turntablisten. Paul Hindemith hat schon in den 20er Jahren Experimente gemacht. Richtig durchgesetzt hat sich Turntablism in den späten 60ern. Meine Generation gehört zu jener, die ohne Platten spielt, nur noch mit der rotierenden Scheibe.STOL: Welcher war Ihr Weg zum Turntablisten?Schick: Es war ein Zick-Zack-Weg: Mit 18, 19 Jahren habe ich begonnen, Plattenspielermanipulationen zu betreiben, weil ich damals nicht die Möglichkeiten hatte, mir einen Sampler zu kaufen. Nach ein paar Jahren Experimentieren mit dem Plattenspieler bin ich zu Samplern übergegangen. Am Ende hat mich die Arbeit mit dem Computer und mit digitalen Medien aber dann doch nicht befriedigt. Seit neun Jahren bespiele ich nun ausschließlich Plattenspieler.STOL: Bei Ihren Performances spielen Sie ohne Platten, dafür aber mit diversen Gegenständen. Was sind das für Objekte, mit denen Sie Klänge generieren?Schick: Es gibt verschiedene Bereiche: organisches Material, Metallobjekte und Plastik. Oft arbeite ich mit Distelblumen und trockenen Blättern, das sind dann sehr rauchige Klänge. An Metallen benutze ich häufig Gongs und kleine Handbecken, an Plastik Plastikteller und -löffel, die verschiedenes Klangpotential haben. Außerdem verwende ich auch Geigenbögen. Grundregel ist immer: Je dünner das Material, desto leichter schwingt es.STOL: Wie kann man sich das vorstellen, wenn Sie mit einem Plastiklöffel ein Geräusch erzeugen?Schick: Im Prinzip halte ich die verschiedenen Objekte in verschiedenen Winkeln an den Plattenteller oder an den Rand. So fängt es an zu schwingen, ein Kondensatormikrofon nimmt den Ton ab. Ich benutze eine Art Aluminiumscheibe, die auf dem Plattenteller aufliegt: Innen ist sie mit Plastik beschichtet und außen ist ein Aluminiumrand. Je nachdem, ob ich auf dem Aluminium oder dem Plastik spiele oder auch eine Gummimatten auflege, verändert sich die Klangfarbe. Viel hängt auch davon ab, wie nahe ich an das Mikro gehe oder in welchem Winkel ich das Objekt halte.STOL: Woher nehmen Sie die Inspiration, die Ideen?Schick: Manchmal ist es Intuition, ein anderes Mal gehe ich von einem bestimmten Klang aus, den ich erzeugen will, und suche diesen. Dann wieder sehe ich ein Objekt und denke mir „Das könnte spannend sein“. Oft sind es Fehler beim Spielen, die zu Neuem führen. Oder ich sehe Dinge von Kollegen, die mich inspirieren.STOL: Außer Plattenspieler und Objekten: Welche „Arbeitsgeräte“ sind sonst noch Teil des Setups?Schick: Das hängt immer von der musikalischen Situation ab. Manchmal arbeite ich mit alten analogen Sinuston-Generatoren, oft mit einem sampling/looping/delay. Oft benutze ich auch Kontaktmikrofone, also Mikros, die man an Objekte kleben kann. Seltener wird irgendein Instrument addiert. Ich habe diesen Schritt bewusst gemacht und entschlossen: Keine Computer mehr auf der Bühne.STOL: Es geht also in erster Linie um Geräusche, nicht um Musik.Schick: Geräuschmaterial hat mich immer schon interessiert. Wenn man es aus der Sicht der bildenden Kunst sieht, ist es wie ein Material, mit dem man sehr physisch arbeiten kann. Ich sehe diesen Prozess mit den Plattenspielern fast wie Bildhauerei. Wenn ich manchmal doch mit Platten arbeite, dann sind es meist Geräuschvertonungsplatten. Damit kann man unheimlich schöne Collagen machen. Natürlich können es auch musikalische Zitate sein. Die Idee hinter der Arbeit mit Vinyl ist, dass es so stark verändert und manipuliert wird, dass man es nicht mehr als Original erkennt.STOL: Wie würden Sie sich selbst bezeichnen? Als Turntablist, Klangimprovisator oder gar -manipulator?Schick: Ich würde sagen Klangkünstler. Ich werde sehr oft gefragt: „Nennst du das Musik, was du da machst?" Für mich ist es Musik, aber eher in einem offenen, performativen Bereich. Klangkunst deshalb, weil ich das Hauptaugenmerk auf den Klang bzw. das klingende Material lege und nicht so sehr auf eine klassische musikalische Struktur.STOL: Sie treten solo auf, aber auch in Turntablism-Ensembles oder mit Orchestern. Gibt es Präferenzen?Schick: Ich spiele gerne solo, am liebsten arbeite ich aber mit Leuten zusammen. Ich habe ein großes Netzwerk von internationalen Klangkünstlern, mit denen ich immer wieder kooperiere. Außer in Turntablism-Quartetten oder Duos, arbeite ich auch sehr gerne mit Instrumentalsolisten oder mit Kollegen, die akustische Instrumente spielen. Wichtig ist, dass die einzelnen Projekte musikalisch immer sehr unterschiedlich sind. Ich brauche diese Abwechslung.STOL: Bei der Arbeit mit Orchestern und Ensembles bekommt Ihre Arbeit dann doch eine musikalische Note. Welche Musikrichtung bevorzugen Sie bei solchen Projekten?Schick: Es muss schon immer experimentelle Musik sein. Solange es irgendein neues Klangfeld gibt, kann ich genauso in einem zeitgenössischen, neuen Musikkontext spielen und am nächsten Tag kann es Post-Rock sein.STOL: Was haben Sie sich für den Turntable-Workshop „Instant Cut: The Art of Turntablism“ in Bozen ausgedacht?Schick: Bei dem Workshop arbeiten wir sehr viel mit Vinyl. Dabei bringe ich den Teilnehmern verschiedene Ansätze näher. Vor allem aber arbeiten wir mit einer Zeichensprache, mit der ich das Workshop-Ensemble dirigiere. Sie besteht sowohl aus Gesten als auch aus Karten.STOL: Was sind das für Zeichen?Schick: Es gibt etwa zehn Handzeichen, die z.B. bedeuten, dass man aufhören soll (lacht). Dann gibt es ein Zeichen für „neue Idee“ oder für bestimmte Bewegungen auf dem Plattenspieler, etwa in welche Richtung man hoch- und runterdrehen soll. Ich benutze auch Dynamikzeichen oder ein Zeichen, sich gegenseitig zu imitieren. Relativ banale Dinge, mit denen man ein Ensemble aber gut strukturieren kann.STOL: Bei dem Workshop kann jeder mitmachen – egal ob jung oder alt, erfahren oder unerfahren. Hat denn jeder das Zeug zum Turntablisten?Schick: Ja, auf jeden Fall. Es ist natürlich wie bei jedem anderen Beruf oder Instrument: Am Anfang generiert man relativ einfache Klänge. Das zu verfeinern und es zu kontrollieren ist dann noch einmal eine ganz andere Geschichte. Bei mir hat es jahrelang gedauert – und ich lerne immer noch dazu. Es macht mir sehr viel Spaß, mit Leuten zu arbeiten,STOL: Wie gehen Leute, die noch nie einen Plattenspieler auf diese Art benutzt haben, an die Sache heran? Schick: Meistens muss man erstmal die Berührungsangst davor nehmen, dass man die Platte kaputt macht. Normalerweise will man, dass die Platte keine Kratzer kriegt. Beim Turntablism kann gerade das interessant sein: Da wird der Kratzer oft bewusst gesetzt, damit es an einer bestimmten Stelle knackt und sich rhythmisch wiederholt. Oder man beklebt Platten, zerschneidet sie und setzt sie neu zusammen.STOL: Wie kann man sich das vorstellen?Schick: Man kann zum Beispiel vier Platten vierteln und daraus vier Stücke mit Tape zusammenkleben. Jede Viertel Umdrehung kommt dann eine neue Platte und es ergeben sich rhythmische Loops. An der Stelle, wo der Schnitt sitzt, gibt es einen perkussiven Schlag. Dieses Platten-Knacksen und -Knuspeln ist etwas sehr, sehr Schönes.STOL: Das „normale" Plattenauflegen, wie es ein DJ macht, hat Sie nie interessiert?Schick: Nein, ich glaube, meine Qualitäten liegen woanders. Einige Male habe ich zwar privat aufgelegt, das war aber kein wirkliches Dj-Set. So Club-Auflegen usw. ist dann auch wirklich nichts meins – das können andere besser.STOL: Beim Clubbing am Samstag treten Sie gemeinsam mit Arnaud Rivière, DJ Sniff und Økapi auf.Schick: Zuerst wird das Workshop-Ensemble auftreten. Danach gibt es Solos von Arnaud, DJ Sniff und mir, bevor wir dann als Trio auftreten. Økapi aus Rom spielt am Ende ein Solo-Set.STOL: Ein Abend zum Tanzen wird es nicht.Schick: (lacht) Nein, das glaube ich nicht.Interview: Barbara RaichIgnaz Schick ist am 24. September beim zweiten Transart Clubbing ab 20.30 Uhr gemeinsam mit Arnaud Rivière (Paris), DJ Sniff (Amsterdam) und DJ Økapi (Rom) im Ex-Alumix in Bozen zu hören. Tickets gibt es unter www.transart.it.