Dienstag, 22. März 2016

Dorfmann entkam den Bomben um wenige Stunden

Rund 50 Südtiroler und Trentiner arbeiten in den Institutionen der EU in Brüssel. Einer von ihnen ist Herbert Dorfmann. Noch am Montagabend landete der EU-Parlamentarier aus Feldthurns in Brüssel. Stunden später explodierten dort die Bomben.

Herbert Dorfmann
Herbert Dorfmann

Südtirol Online: Herr Dorfmann, erste Frage an einem Tag wie diesem: Wie geht es Ihnen?
Herbert Dorfmann, EU-Parlamentarier: Bei mir persönlich und bei meinem Team im Parlament ist alles in Ordnung. Aber die Stimmung ist natürlich schlecht.

STOL: Wie haben Sie die Anschläge am Morgen erlebt?
Dorfmann: Als die Nachricht über die Bomben am Flughafen „Brüssel-Zaventem“ bekannt wurde, war ich noch in meiner Wohnung. Da dachte ich mir: An diesem Flughafen bin ich gestern Abend gelandet. Durch diese Abflughalle bin ich gestern noch gegangen. Ein komisches Gefühl, plötzlich war alles so nah. Doch: Zu diesem Zeitpunkt wusste noch niemand, was wirklich passiert ist, ob es tatsächlich ein terroristischer Anschlag war.

Als die U-Bahnstation angegriffen wurde, war ich schon im Parlament. „Maelbeek“ ist die U-Bahnstation vom EU-Parlament, liegt direkt vor unserer Haustür. Zuerst habe ich nur die verstärkte Polizeipräsenz, Blaulicht und Sirenen bemerkt. Ich dachte mir, das hänge mit den Bomben am Flughafen zusammen. Langsam sind die Nachrichten dann durchgesickert. Uns allen ist klar, warum genau diese Station angegriffen wurde.

STOL: Welche?
Dorfmann: Natürlich muss man erst schauen, wer wirklich hinter den Attentaten steckt. Doch seit den Anschlägen in Paris ist mir klar: Man will das offene Europa treffen, unseren Gesellschaftsstil, unsere Idee von Freiheit und Gleichheit. Die Opfer von Paris waren junge Menschen, die genau diesen Lebensstil gelebt haben. Und wir, die europäischen Institutionen, stehen ganz deutlich für diese Werte und dieses Gesellschaftsmodell. Dass wir in den Augen dieser Wahnsinnigen potenzielle Feinde sind, ist mir seit Paris klar.

STOL: Wie ist die Lage in Brüssel?
Dorfmann: Das kann ich nicht abschätzen, ich habe bisher noch keinen Fuß vors Parlament setzen können. Die Sicherheitsstufe im Parlament wurde vor wenigen Minuten erhöht. Wir hören auch jetzt noch Sirenen, Polizei und Einsatzfahrzeuge. Menschen sind gestorben, andere schwer verwundet worden. Das lässt niemanden kalt. Die gesamte Parlamentstätigkeit wurde abgesagt, der Parlamentspräsident hat die Mitglieder aufgefordert, im Haus zu bleiben und nicht durch die Stadt zu gehen. Zudem ist diese Woche besonders: Ab Donnerstag ist das Parlament im Oster-Urlaub. Und so fragen sich nun Tausende Mitarbeiter: Wie komme ich heim zu meiner Familie? So wie der Flughafen nun aussieht, kann der Flugverkehr so bald nicht wieder aufgenommen werden.

STOL: In welcher Verbindung stehen die Anschläge in Brüssel mit der Festnahme von Salah Abdeslam?
Dorfmann: Ich möchte mich nicht an Spekulationen beteiligen. Dass es einen islamistischen Hintergrund gibt, scheint klar. Doch wer nun genau hinter dem Ganzen steckt, ist noch ungeklärt. Ich glaube, es wäre absurd zu sagen, man dürfe islamistischen Terror nicht mehr bekämpfen, da die Terroristen sonst noch mehr ausrasten könnten. Ich denke, alle haben verstanden, dass es in Brüssel eine Reihe von Terrorzellen gibt. Es kann durchaus sein, dass diese durch solche Attentate zeigen wollen, dass sie da sind oder eben nervös geworden sind.

STOL: Haben Sie Angst, dass Brüssel zum neuen Paris wird und noch mehr in den Fokus islamistischen Terrors rückt?
Dorfmann: Brüssel ist in den vergangenen Monaten zu einem halbwegs normalen Leben zurückgekehrt. Das Militär gehört seit den Anschlägen von Paris fast zum Straßenbild dazu. Jeder, der nicht ganz naiv ist, und zu diesen Menschen zähle ich mich, hat verstanden, dass die Gefahr in Brüssel nicht gebannt ist. Andererseits sage ich auch nach diesem Schock-Erlebnis von heute: Was würde es nutzen, wenn wir jetzt in Panik verfallen würden? Dann würden wir nur auf das Spiel der Terroristen einsteigen. Wir müssen weiter unseren Job machen. Und die europäischen Bürger werden in dieser Phase auf ein paar Privacy-Rechte verzichten müssen. Wir werden Internet- und Telefonverkehr speichern müssen.

STOL: Nicht in Panik zu verfallen, klingt vernünftig. Trotzdem sind Sie nicht nur Parlamentarier Herbert Dorfmann, sondern auch Privatmensch, Ehemann, Familienvater Herbert Dorfmann. Haben Sie Angst um ihr Leben?
Dorfmann: Nach Paris habe ich gesagt: In meiner ganzen politischen Karriere war ich zu unwichtig, als dass mir irgendwann in den Kopf gekommen wäre, dass meine Sicherheit in Gefahr gewesen wäre. Doch seit Paris habe ich angefangen, darüber nachzudenken. Und es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, die Geschehnisse von heute beeindruckten mich nicht. Ich bin mir bewusst, dass wir zurzeit an einem nicht sicheren Ort leben.

Andererseits: Wie gesagt, ich bin gestern durch diesen Flughafen gegangen. Wenn alles gut geht, fliege ich morgen dort davon ab. Höchstwahrscheinlich war der Flughafen gestern unsicherer, als er morgen ist. Dass es eine bestimmte Angst gibt, bei allen, die hier arbeiten und leben, ist klar. Natürlich machen sich Familie und Freunde Sorgen: Ich habe heute den ganzen Vormittag über SMS beantwortet. Doch Panik bringt uns nichts.

STOL: Wie Ihre Abreise aus Brüssel erfolgen soll, wann sie erfolgt, steht noch nicht genau fest. Denken Sie sich nicht: Eigentlich will ich nur noch weg aus dieser Stadt?
Dorfmann: Logischerweise bin ich froh, wenn ich aus Brüssel wegkomme, in das hoffentlich friedvollere Südtirol. Auch meine vier Mitarbeiter wollten morgen wegfliegen, doch derzeit sind nicht nur die Flughäfen, sondern der gesamte öffentliche Verkehr blockiert. Zum Glück ist ein bayerischer Kollege mit dem Auto da. Sollte der Flug nicht stattfinden, werden wir eben mit dem Wagen bis nach München fahren. 

Interview: Petra Gasslitter

stol