Eine Reise zu einem Ort, an dem Geschichte und Legende auf faszinierende Weise verschmelzen.<BR /><BR />Wer Burg Bran etwa 30 Kilometer südwestlich von Brasov (zu Deutsch: Kronstadt) besucht, sollte vorsichtshalber Knoblauch mögen. Man weiß ja nie. Vielleicht huscht hinter dem nächsten Türbogen ein blasser Graf vorbei... Ganz so weit geht die Wirklichkeit dann doch nicht. Aber wenn eine Burg aussieht, als hätte ein Regisseur eigens für einen Gruselfilm Felsen, Türme und düstere Gemäuer arrangiert, darf die Fantasie ruhig ein bisschen mitreisen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1378953_image" /></div> <BR /><BR />Hoch über dem Ort Bran, vor der mächtigen Kulisse der Karpaten, klebt die gleichnamige Burg an einem Felsen. Ihre Türme recken sich in den Himmel, die Mauern scheinen direkt aus dem Stein gewachsen, und hinter den kleinen Fenstern vermutet man unwillkürlich geheime Gänge und finstere Gestalten. Kein Wunder, dass die Welt hier Graf Dracula vermutet. Schließlich muss der berühmteste Vampir der Literaturgeschichte irgendwo wohnen. Warum also nicht hier? Willkommen in Transsilvanien, wo die Geschichte mindestens so aufregend ist wie die Legende – und die Legende ein glänzendes Geschäft. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1378956_image" /></div> <BR /><BR />Schon von außen ist Bran ein Volltreffer für alle, die mittelalterliche Burgen lieben. Das Bauwerk bewacht gleichsam den Übergang zwischen Siebenbürgen und der Walachei. Hinter den Mauern verbirgt sich eine Geschichte, die weit vor dem ersten Vampirroman beginnt. Bereits Anfang des 13. Jahrhunderts ließen sich Deutschordensritter in der Region nieder. Sie sollten die südöstliche Grenze Siebenbürgens sichern und errichteten eine frühe Befestigung. 1226 wurden sie allerdings wieder aus dem Gebiet vertrieben. Das heutige Schloss entstand erst später: Am 19. November 1377 gewährte der ungarische König Ludwig I. von Anjou den Bewohnern von Brasov das Recht, eine Burg zu errichten. 1388 war der Bau abgeschlossen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1378959_image" /></div> <BR /><BR />Die Aufgabe des Gemäuers war alles andere als romantisch. Bran sollte den wichtigen Gebirgspass sichern, mögliche Angreifer abwehren und den Handel kontrollieren. Wer Waren zwischen Siebenbürgen und der Walachei transportierte, musste mit Zollabgaben rechnen. Die Burg war also zugleich Grenzposten, militärischer Stützpunkt und Einnahmequelle.<h3> Der Vampir, der nie offiziell eingecheckt hat</h3>Die Burg wechselte im Laufe der Jahrhunderte ihre Besitzer und ihre politische Bedeutung. Und auch das Gemäuer selbst musste einiges aushalten. 1593 explodierte das Pulvermagazin, 1617 beschädigte ein heftiger Sturm die Dächer. Wiederholt waren Reparaturen notwendig. Doch die Burg überstand die Jahrhunderte – und sollte später eine völlig neue Rolle bekommen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1378962_image" /></div> <BR /><BR />Dracula ist der berühmteste Bewohner, den Bran nie nachweislich beherbergt hat. Der irische Schriftsteller Bram Stoker erfand seinen Grafen für den 1897 veröffentlichten Roman „Dracula“. Darin reist der junge englische Anwalt Jonathan Harker in die abgelegenen Karpaten, um einen geheimnisvollen Grafen zu treffen. Was als geschäftlicher Besuch beginnt, entwickelt sich zum Albtraum. Der Gastgeber entpuppt sich als Vampir, der Blut saugt, Menschen bedroht und seinen Einfluss bis nach England ausdehnen will.<BR /><BR />Stokers Roman machte Transsilvanien zu einem Sehnsuchtsort für Gruselfans. Die Region wurde zum Synonym für Nebel, Fledermäuse, verfallene Gemäuer und uralte Geheimnisse. Dass Bran später als Draculas Schloss vermarktet wurde, ist deshalb ein genialer touristischer Glücksfall. Die Burg sieht tatsächlich so aus, als könnte ein unsterblicher Graf dort seit Jahrhunderten auf seine Gäste warten.<BR /><BR />Nur: Einen belastbaren Beweis dafür, dass Stoker die Burg als Vorlage verwendete oder sie selbst besuchte, gibt es nicht. Der Schriftsteller reiste nach heutigem Kenntnisstand nie nach Rumänien. Auch im Roman wird Bran nicht ausdrücklich genannt. Die Verbindung zwischen Burg und Vampir entstand vor allem durch die spätere Vermarktung und die starke Wirkung der Dracula-Geschichte.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1378965_image" /></div> <BR /><BR />Das hält die Besucherströme freilich nicht auf. Wer die Burg betritt, betritt auch eine der erfolgreichsten touristischen Fantasiewelten Europas. Hier darf man sich gruseln, fotografieren und für einen Moment glauben, dass hinter der nächsten Tür ein Graf mit blassem Gesicht und tadellosen Manieren wartet. Historisch ist das nicht ganz sauber, atmosphärisch aber ausgesprochen wirksam.<h3> Vlad der Pfähler: Der echte Schrecken</h3>Ganz aus der Luft gegriffen ist die Verbindung zwischen Dracula und der Geschichte der Region nicht. Eine historische Figur spielte bei der Namensgebung des Vampirs eine Rolle: Vlad III. Tepes, besser bekannt als Vlad der Pfähler. Der Fürst der Walachei lebte im 15. Jahrhundert und machte sich durch seine brutalen Strafen einen furchterregenden Namen. Zu seinen bevorzugten Hinrichtungsmethoden gehörte das Pfählen – eine Grausamkeit, die ihm seinen Beinamen einbrachte. <BR /><BR />Der Name Dracula hat einen realen Hintergrund. Vlads Vater war mit dem Drachenorden verbunden und wurde als Vlad Dracul bezeichnet. Der Name seines Sohnes, Draculea, lässt sich sinngemäß als „Sohn des Dracul“ verstehen. Bram Stoker griff den klangvollen Namen für seinen Roman auf und schuf daraus eine Figur, die bis heute Filmgeschichte schreibt.<BR /><BR />Und Bran? 1459 zog Vlads Heer durch die Gegend und griff die Stadt Brasov an, nachdem es zum Konflikt mit den dortigen Siebenbürger Sachsen gekommen war. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass Vlad in der Burg lebte. <h3> Die Königin, die Dracula die Show stiehlt</h3>Wer sich in Bran nur auf Vampire konzentriert, verpasst eine der spannendsten Geschichten der Burg. Denn ihre berühmteste reale Bewohnerin war keine blutsaugende Gestalt, sondern eine Königin: Marie von Rumänien.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1378968_image" /></div> <BR /><BR />Die 1875 geborene Monarchin war eine Enkelin der britischen Königin Victoria und wurde 1914 Königin von Rumänien. Sie war bekannt für ihre Persönlichkeit, ihren Stil und ihr Engagement für Verwundete und Bedürftige während des Ersten Weltkriegs. Mit ihrer Ausstrahlung prägte sie das öffentliche Leben des Landes.<BR /><BR />Nach dem Krieg änderte sich auch die politische Landkarte. Siebenbürgen, das zuvor zur Habsburgermonarchie gehörte, wurde 1918 Teil des vergrößerten Rumäniens. Am 1. Dezember 1920 schenkten die Bewohner von Brasov die Burg ihrer Königin – als Zeichen der Dankbarkeit und Verbundenheit. Marie machte aus der alten Grenzfestung einen königlichen Rückzugsort. Sie ließ Räume restaurieren und einrichten, brachte Möbel und Kunstgegenstände ein und verlieh dem mittelalterlichen Gemäuer eine persönlichere, wohnlichere Atmosphäre. <BR /><BR />Die Königin beließ es nicht bei schönen Möbeln. Wasserleitungen, Elektrizität und technische Verbesserungen erhöhten den Wohnkomfort. Ein Aufzug erleichterte ihr die Wege, und im Park entstanden unter anderem Teiche, ein Teehaus und weitere Gebäude. 1932 wurde eine Wasserkraftanlage am Bach Turcu fertiggestellt, die auch die Burg mit Strom versorgte.<h3> Das Herz der Königin in einer Schatulle</h3>Nach Maries Tod 1938 ging die Burg an ihre Tochter, Prinzessin Ileana, über. Auch sie blieb dem Ort eng verbunden. Eine besonders bewegende Episode ereignete sich 1940: Das Herz der Königin, das zuvor in einer Kapelle am Schwarzen Meer aufbewahrt worden war, wurde nach Bran gebracht und in einer Kapelle jenseits des Burggrabens beigesetzt. Es lag in einer silbernen Schatulle, die wiederum in einem kostbaren Behältnis verwahrt wurde. <BR /><BR />Während des Zweiten Weltkriegs bekam die Burg erneut eine Aufgabe, die wenig mit Luxus zu tun hatte. Prinzessin Ileana ließ 1944 ein Krankenhaus einrichten, das verwundete Soldaten aus der Region versorgte. Sie kümmerte sich selbst um die Patienten. Die Einrichtung trug den Namen „Das Herz der Königin“ und knüpfte damit an die Erinnerung an ihre Mutter an.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1378971_image" /></div> <BR /><BR />Doch nach dem Krieg war es mit dem royalen Leben vorbei. 1948 zwang das kommunistische Regime Prinzessin Ileana und ihre Familie, Rumänien zu verlassen. Die Burg ging in staatlichen Besitz über. 1956 wurde sie als Museum geöffnet – mit Ausstellungen zur Burg- und Königsgeschichte, zur mittelalterlichen Zollstation und zur regionalen Volkskultur. In einem Parkbereich wurden traditionelle Häuser gezeigt.<BR /><BR />Die Rückkehr nach Rumänien blieb Ileana lange verwehrt. 1961 trat sie in ein Kloster ein und lebte fortan als orthodoxe Nonne unter dem Namen Mutter Alexandra. Erst im September 1990, nach dem Ende des kommunistischen Regimes, besuchte sie Bran wieder. Sie sah, dass sich der Zustand der Gebäude verschlechtert hatte und Teile der früheren Anlage verschwunden waren. Wenige Monate später, im Jänner 1991, starb sie in den USA.<h3> Rückkehr nach Jahrzehnten des Exils</h3>Die Geschichte der Burg war damit noch lange nicht zu Ende. Nach juristischen Auseinandersetzungen wurde sie 2006 an die Erben von Prinzessin Ileana und ihrem Mann, Erzherzog Anton von Österreich, zurückgegeben. Seit heuer bestimmt jedoch die Gruppe des US-Unternehmers Joel Weinshanker mit, wie sich das berühmte Dracula-Schloss als internationales Tourismusziel weiterentwickelt. Dieselbe Unternehmensgruppe ist auch mit der Vermarktung von Graceland verbunden, dem früheren Wohnsitz von Elvis Presley in Memphis, der heute ein Besuchermagnet ist.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1378974_image" /></div> <BR /><BR />Für alle, die noch mehr erfahren möchten: Am Samstag, 31. Oktober, läuft auf ARTE zunächst die Doku „Dracula – Die wahre Geschichte“ (ab 20.15 Uhr), anschließend folgt „Draculas Transsilvanien“ (ab 21.45 Uhr).<BR /><BR />Quellen: bran-castle.com sowie APA/dpa