Donnerstag, 27. August 2015

Drei Forderungen für das Ladinische

Der Angelo-Trebo-Lyrikpreis-Träger André Comploi hielt bei der Prämierung eine Ansprache darüber, was notwendig sei, damit das Ladinische eine Zukunft habe.

André Comploi
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André Comploi

Ansprache von André Comploi anlässlich der Preisverleihung des gesamtladinischen Lyrikwettbewerbs „Angelo Trebo“ am Donnerstag, 20. August 2015 in Badia/Abtei –aus dem Ladinischen übersetzt:

Drei Forderungen für das Ladinische:

Vertiefen, vereinheitlichen, entpolitisieren

Es ist eine große Ehre und Freude für mich, 15 Jahre nachdem ich den dritten Platz erreicht habe, nun den zweiten Preis des Ladinischen Lyrikwettbewerbs „Angelo Trebo“ verliehen zu bekommen. […] Nie habe ich mich als ladinischen Dichter oder Künstler gesehen, sondern vielmehr als einen Kultur-Professionellen, als jemanden also, der das Privileg genießt, in einem Lebensbereich sein täglich Brot zu verdienen, der nicht überlebensnotwendig ist, der aber im Idealfall das Leben ausfüllt und schöner macht. Ich interessiere mich für Sprachen und liebe insbesondere das Ladinische. So gilt der Ausspruch, den Angelo Trebo seinerzeit in der Fremde formulierte, auch für mich: „Ein so großer Verehrer der deutschen Sprache ich bin, so kann ich dennoch meine Muttersprache nicht vergessen“.

Ich widme viel Freizeit meiner ladinischen Muttersprache, unter anderem als Autor verschiedener Publikationen zu Musik und Theater, nehme am Leben unserer Sprache teil, freue mich, leide und fühle mit. Deshalb habe ich anlässlich dieser Preisverleihung einige Gedanken als drei Forderungen für das Ladinische zusammengetragen: vertiefen, vereinheitlichen und entpolitisieren.  

Bedauerlicherweise ist vielerorts ein schlechter Umgang mit der ladinischen Sprache zu diagnostizieren, der viel zu sehr toleriert wird. Es ist an der Zeit, dass wir uns für eine Sensibilisierung im sprachlichen Umgang und für ein nachhaltiges, lebendiges Ladinisch einsetzen, das uns Freude bringt.

Ich möchte nur drei „Baustellen“ innerhalb der Gesellschaft exemplarisch anführen, wo wir ohne größere Mühen zu einem intakten Ladinisch beitragen können: die Familie, die Kirche und die Schule.

Ein großer Schritt ist bereits getan, wenn wir damit aufhören, uns für ladinische Wörter zu schämen. Wenn wir etwa mit unseren Kindern oder mit Freunden darüber sprechen, dass wir im „nodadoia“ statt „piscina“ (Schwimmbad) „a nodé“ statt „schbimmen“ (sic!) waren. Oder wenn wir uns für ein „dlacin“ statt „gelato“ auf Ladinisch mit „iolan/dilan/giulan“ statt mit „danke“ erkenntlich zeigen.  [Es folgten weitere Beispiele für unnötige Germanismen und Italianismen im täglichen Sprachgebrauch]. Warum denn nicht den Umgang mit der Sprache als Teil unserer Erziehungsmaßnahmen ansehen?

Was die Kirche betrifft, die für viele eine große Bedeutung hat: Die Pfarrer, Diakone und Gottesdienstleiter müssten nicht viel mehr tun, als die existierenden liturgischen Texte in ladinischer Sprache zur Hand zu nehmen, anzuwenden und auf Ladinisch durch die Feier zu führen. Hierzu bedarf es lediglich eines natürlichen Identitätsbewusstseins und eines gewissen Mutes. Das Hochamt – als Gottesdienst für die Pfarrgemeinde deklariert – hat in einem ladinischen Dorf ladinisch zu sein. Auch während der Hochsaison. Wir sollten nicht aus – falsch verstandenem – Respekt anderssprachigen Gästen gegenüber darauf verzichten, sondern es als eine kulturelle Bereicherung für diese sehen. Wir zeigen uns in Tracht, warum also nicht auch unsere autochthone Sprache hören lassen? […] Außerdem: Die Kirche hatte immer auch einen kulturellen Auftrag. […]

Und wie steht es mit der Schule? Ohne über den Einsatz der Lehrer und Professoren urteilen zu wollen und zu können, muss ich auf einen unerfreulichen Punkt hinweisen, der die problematische Situation unter mehreren Aspekten charakterisiert. Die Schule hat ja, in meinem Verständnis, unter anderem die Aufgabe, die Schüler für Sprache zu sensibilisieren und ihren korrekten Gebrauch auszubauen und zu vertiefen. Und was ist letztens geschehen?

Es ist eine Orthographiereform für das Ladin dla Val Badia (die Gadertaler Variante des Ladinischen) „dekretiert“ worden. Nun, der erste Fehler findet sich bereits beim pädagogischen Ausgangspunkt, bei der Zielsetzung der Reform. So heißt es im Vorwort der Publikation mit den neuen Rechtschreibregeln: „Die ladinische Schreibweise verlangt heute nach einfachen und klaren Regeln, die praktisch und ökonomisch in ihrer Anwendung sind“. Die Reform solle „die Arbeit des Lehrpersonals in Kindergärten und Schulen erleichtern und gleichzeitig junge und weniger junge Menschen motivieren, lieber und häufiger auf Ladinisch zu schreiben“. Hier kann es sich um logische Fehler und kulturelle Verwitterung handeln. Denn erstens waren die bisherigen Regeln sehr klar und für das Verständnis der Sprache wichtig. Zweitens: Wo sind wir angelangt, dass wir Regeln abschaffen, um das Leben von Lehrern und Schülern zu erleichtern? Kann das ein pädagogisches Ziel sein?

Es ist problematisch, wenn die tradierten Eigenheiten einer Sprache für so eine primitive Zielsetzung verloren gehen, so etwa das soeben abgeschaffte „c“ und „s“ oder die qualitative Unterscheidung zwischen Akzent und Gravis (etwa das geschlossene „é“ bzw. das offene „è“, respektive das „ó“ und „ò“) – vor allem im Ladinischen mit seinen zahlreichen ein- oder zweisilbigen Wörtern, die sich nur durch die Akzentuierung unterscheiden. Mir scheint, es wurde auch die Tatsache übersehen, dass man nicht zuletzt durch das Lesen eine Sprache erlernt.

Es ist richtig und wichtig, dass sich eine Sprache entwickelt – allerdings in eine positive Richtung. Etwa mit Neologismen oder neuen Textformen. Ein Zeichen von Dekadenz und Verfall ist es hingegen, wenn eine Sprache verarmt – so auch durch eine infantilisierende Reform der Rechtschreibung rund 30 Jahre nachdem sie zuletzt neu festgelegt wurde. […] Es ist bedenklich, wenn wir unsere Sprache vernachlässigen, genauso wie es bedenklich ist, wenn die Literatur und die klassischen Texte in der Schule mehr und mehr vernachlässigt werden. Denn durch die Auseinandersetzung mit der Sprache, ihrer differenzierten Schreibweise und ihren „literarischen Produkten“ schärfen wir unseren Verstand und unsere eigene Ausdrucksfähigkeit. Allein deshalb ist also diese Rechtschreibreform als ein Rückschritt zu verstehen. Hinzu kommt, dass es mehrere faktische Punkte in der Reform gibt, die die bisherigen Regeln unnötigerweise verkomplizieren. Um nur ein Beispiel zu nennen, werden etwa die neuen Schreibweisen des dentalen „n“ am Ende eines Wortes für deutliche Verwirrung sorgen – und harren einer baldigen Reform der Reform.

Der letzte Fauxpas, auf den ich eingehen möchte, ist emblematisch für Entscheidungen hierzulande: von wem/durch wen und wie die Reform in die Welt gesetzt wurde.

Die Schulwelt habe danach verlangt, heißt es. Deshalb hat der Landesrat für die ladinische Schule und Kultur eine Kommission ins Leben gerufen, bestehend aus 15 Personen: darunter ein einziger Linguist, 3 Ladinischlehrerinnen, einige Angestellte und vor allem eine große Anzahl an „Direktoren“, die Experten genannt werden. Ich frage mich: Experten wofür? Experten, die qualifiziert sind, eine Orthografiereform auszuarbeiten?

Und unterfertigt ist die Rechtschreibreform des Gadertales vom Landesrat (einem Grödner Politiker), vom ladinischen Schulamtsleiter (dem Landesrat unterstellt) und vom Präsidenten des ladinischen Kulturinstitutes (der als Vertreter des Landesrates im Verwaltungsrat sitzt). Veröffentlicht wurde das Ganze auf Teufel komm raus vom schön klingenden „Feld für Innovation und Beratung“ (wörtlich übersetzt), das dem ladinischen Kultur- und Bildungsressort zugehörig ist. Das heißt, es ist politisch gelenkt und durchgeführt, nicht von unabhängigen Profis. Somit für mich weder repräsentativ noch seriös. Und das bringt mich zu meinem zweiten und dritten Punkt: die Vereinheitlichung des Ladinischen, die durch die Politisierung blockiert wird.

Der große Skandal ist meines Erachtens, dass die Politik die Macht hat, eine solche Entscheidung zu treffen genauso wie jene, die Verwendung der Einheitssprache Ladin Dolomitan zu verbieten. Letztere übrigens – erinnern wir uns an das Jahr 2003 zurück – noch bevor der Landesrat überhaupt demokratisch legitimiert war. Wobei ich grundsätzlich der Meinung bin, dass in gewissen Fragen wie der Steuerung der Sprache nicht die Demokratie, sondern vielmehr spezialisierte Eliten entscheiden sollten. Eine solche hat auch das Ladin Dolomitan entwickelt, das von der ladinischen Bevölkerung gut verstanden und von der Mehrheit akzeptiert wird – absehbar auch von jenen vornehmlich Grödner Gegnern, die aus politischen Gründen noch dagegen sind.

Ich bin für die Pflege, Vertiefung und umsichtige Entwicklung der einzelnen Idiome auf lokaler Ebene, gleichzeitig aber für das Ladin Dolomitan als Standard- und Amtssprache vor allem für die Kommunikation, die über die Gemeinden hinausgeht, sodass etwa in der Südtiroler Landesverwaltung nicht mehr lächerlicherweise abwechselnd die Grödner und Gadertaler Variante verwendet werden müssten. Und auch für die ladinische Identitätskarte wäre das Ladin Dolomitan freilich prädestiniert.

Meinem sehr geschätzten Freund Fonso Willeit, der in seinem „Dolomiten“-Kommentar neben mehreren guten Ansätzen vom Ladin Dolomitan als „Luftschloss“ spricht, muss ich entgegnen: Ein Luftschloss ist seine Idee, die Gadertaler Variante würde von den anderen ladinischen Gebieten, speziell von den Grödnern, als Standardsprache akzeptiert. Deshalb: der einzige realistische Weg zu einer ladinischen Einheitssprache ist jener des Ladin Dolomitan – ein guter, synoptischer Kompromiss, den die Sprachexperten ausgehend von den historischen dolomitenladinischen Idiomen erarbeitet haben.

Dass also einer Institution, die sich professionell und wissenschaftlich mit sprachlichen und kulturellen Themen auseinandersetzt, aufgrund eines Dekretes der Landesregierung verboten ist, eine wissenschaftliche Publikation auf Ladin Dolomitan zu veröffentlichen, ist fatal – und weckt in mir die Assoziation mit totalitären politischen Systemen dieser Welt.

Die Politik hat auch in Zukunft – mit unserem Steuergeld – kulturelle Initiativen und Projekte zu subventionieren. Aber sie sollte sich vollständig von Entscheidungen zurückziehen, die für die Kultur von elementarer Bedeutung sind wie jene die Sprache betreffend. Um in diesem Bereich am Steuer zu sitzen, fehlt es der Politik an Mut, Sensibilität und vor allem Kompetenz.

Daher mein Postulat: Wenn das Ladinische Kulturinstitut mit Jahresende reformiert wird, ist es höchste Zeit, dass die Politik die Entscheidungsbefugnis ausgewiesenen Experten übergibt. Im Verwaltungsrat gehören keine Vertreter der Provinz, der Gemeinde und der Vereine, sondern die kompetentesten Spitzenkräfte im sprachlichen und kulturellen Sektor, die unabhängig von der Politik agieren und sich nach bestem Wissen und Gewissen für unser kulturelles Erbe und die Zukunft des Ladinischen einsetzen. Halten wir uns an Goethe: „Die Muttersprache zugleich reinigen und bereichern, ist das Geschäft der besten Köpfe.“ […]

Abschließend sind mein Appell und meine starke Hoffnung, dass wir uns einsetzen

für die Erhaltung und Vertiefung unserer ladinischen Idiome und Varianten mit all ihrem Reichtum und ihren Charakteristiken,

für die Erreichung einer ladinischen Einheitssprache für die übergeordnete Verwaltung und Kommunikation,

für die Entpolitisierung der Kulturinstitutionen, sodass Experten ihren Platz finden und uns ihrerseits behilflich sind bei der Erreichung der beiden ersten Ziele.

André Comploi

stol