Samstag, 11. Mai 2019

EAV: „Bist du blöd - damit sind wir durchgekommen?“

Schräg, spitzzüngig und selten leise: Die Band Erste Allgemeine Verunsicherung (EAV) ist vieles, nur nicht konservativ. Kinder lieben ihre lustigen Videos und poppigen Melodien, Erwachsene schmunzeln über die scharfsinnigen Texte gespickt mit spitzzüngigem Sarkasmus. Nun sind die schrägen Rocker aus Österreich auf Abschiedstournee und da gilt vor allem eines: „Alles ist erlaubt“. Am 28. Mai kommt die Band nach Bozen.

Thomas Spitzer und Klaus Eberhartinger standen 40 Jahre lang zusammen auf der Bühne. - Foto: Dominik Beckmann
Badge Local
Thomas Spitzer und Klaus Eberhartinger standen 40 Jahre lang zusammen auf der Bühne. - Foto: Dominik Beckmann

Noch ist sie nicht da, die Wehmut. Denn noch sind sie nicht fertig: Seit Februar tourt die Erste Allgemeine Verunsicherung – kurz EAV – durch die deutschsprachigen Landen. Es ist ihre letzte, ihre Abschiedstournee. Danach ist Schluss.

Was 1977 mit Thomas Spitzer und Bandkollegen begann und 1981 mit Klaus Eberhartinger vervollständigt wurde, soll im September in Wien „eingeäschert“ werden. 

Seit gut 40 Jahren beleuchtet, kommentiert und bewertet die steirische Band mit satirischem Augenzwinkern ernste Themen – auch wenn sie selbst dafür nicht immer ernst genommen wird.

Beziehungsthemen („Ding dong“, „Märchenprinz“ etc.) fanden in ihren Songs ebenso Platz wie finanzielle Sorgen („Ba-Ba Banküberfall“) oder aktuelles Zeitgeschehen („Burli“ nach dem Super-GAU in Tschernobyl). Ihr neustes – und letztes – Album „Alles ist erlaubt“ arbeitet noch einmal alle Themen ab, zu denen die Band etwas zu sagen hat, darunter auch die Flüchtlingsthematik, den Islam und warum es nie zu spät ist, anderen die Schuld zu geben.

Im April wurde EAV mit zwei Amadeus-Preisen ausgezeichnet, als Songwriter des Jahres für „Gegen den Wind“ und mit dem Preis für das Lebenswerk (STOL hat berichtet).

STOL: Herr Eberhartinger, nach 40 Jahren EAV ist jetzt Schluss. Warum?

Klaus Eberhartinger, Sänger von EAV: 40 Jahre sind einfach lang genug. Thomas (Spitzer, Gründungsmitglied und Gitarrist, Anm.d.R.) und ich haben überlegt, wie lange wir EAV noch machen können. Natürlich könnte man ewig weitertingeln, bis man auf jedem Feuerwehrfest und auf jeder Brotpause gespielt hat. Aber jetzt ist der Zeitpunkt, an dem wir die Bühne noch erhobenen Hauptes verlassen können – und vor allem haben wir noch genug Elan, andere Träume, Wünsche oder Pläne zu verwirklichen. Wir sind ja auch nicht mehr die Jüngsten.

STOL: Was sagen die Fans dazu?

Eberhartinger: Es hat sich gezeigt, dass unsere Ankündigung, aufzuhören, bei den Leute vor allem die Entscheidung ausgelöst hat: „Die schaue ich mir nochmal an.“ Unsere Konzerte sind sehr gut besucht und machen auch sehr viel Spaß, aber wir sind wie gewohnt auch politisch und kritisch. EAV stand schon immer für „Unterhaltung mit Haltung“, und so soll es auch zu Ende gehen.

STOL: Schwingt da auch schon etwas Wehmut mit?

Eberhartinger: Nein, Wehmut überhaupt nicht. Auch bei einer Gipfelbesteigung folgt die Wehmut erst nach dem Abstieg, wenn man wieder zurück zum Gipfel blickt. Aber so weit sind wir nicht: Wir sind noch im Aufstieg. Vor uns liegen noch sehr viele Konzerte, allein im Juli spielen wir an 25 Tagen. Wir touren bis August, im September folgt dann der krönende Abschluss mit der „Einäscherungsparty“, wie ich sie nenne, in der Wiener Stadthalle gemeinsam mit Fans und Freunden. Erst danach kommt vielleicht die Wehmut auf diese tolle Zeit mit Höhen und Tiefen, in die man so viel Herzblut und auch so viel Persönlichkeit investiert hat.

STOL: Wer kommt denn zu diesen letzten Konzerten?

Eberhartinger: Die größte Gruppe sind natürlich die 30- bis 50-Jährigen, aber es erstaunt mich immer wieder, wie viele 0- bis 30-Jährige auch mit dabei sind. Die sind ja nicht mal wirklich mit uns aufgewachsen und kennen uns höchstens durch die Eltern, die ihre Kinder mit unserer Musik versaut haben (lacht). Von diesen Fans hören wir immer wieder, dass sie unsere Lieder früher wie einen Kinderreim aufgesagt haben und erst viel später entdeckten, was für versteckte, boshafte Doppelgründigkeiten oft dahinter steckten.

STOL: In 40 Jahren ist sich EAV im Stil immer treu geblieben. Gab es auch mal Überlegungen, was Neues zu probieren?

Eberhartinger: Manchmal fühlte es sich schon an wie ein Korsett. Wir mussten uns stets fragen, was in EAV geht und was nicht. Ich bin aber schon länger der Meinung, dass wir uns eigentlich alles erlauben können – deshalb heißt unser letztes Album auch so. Wo EAV draufsteht, ist auch EAV drin, aber es klingt halt nicht immer so, etwa bei „Gegen den Wind“. Mit „Am rechten Ort zur rechten Zeit“ sind wir schon näher bei EAV, da kommt auch eine gewisse Boshaftigkeit mit der Botschaft durch.

Externen Inhalt öffnen

STOL: Was geht denn nicht mehr bei EAV?

Eberhartinger: Früher hat das reine Geblödel mehr Spaß gemacht. Ich blödel immer noch für mein Leben gern, aber man muss auch altersadäquat sagen: Alles geht nicht mehr. „Küss die Hand“ zum Beispiel könnte ich mir heute nicht mehr vorstellen. „Nie zu spät“ vom neuen Album schon eher, da geht es darum, dass es nie zu spät ist, die Schuld auf andere zu schieben. Oder auch der „Salatisten-Mambo“, eine lustige Reflexion über Veganer. Ich muss dazu sagen: Ich mag Veganer und glaube auch, dass ihre Ernährung funktionieren kann, aber darum geht es in dem Lied nicht. Es geht nicht um gesund oder ungesund, sondern um eine Modeerscheinung, die zum Dogma wird.

Externen Inhalt öffnen

STOL: Also ist EAV auch mit den Jahren gewachsen?

Eberhartinger: Das letzte Album war ein Zurück an die Wurzeln, an das Album „Café Passé“ von 1981. Schon damals hatten wir ein sehr politisches Programm, bei dem wir auch geblödelt haben, mit Comics, Kostümen und Requisiten. Das haben wir irgendwann mal hinter uns gelassen, aber jetzt war es an der Zeit zu sagen: Wenn wir schon abtreten, dann gehen wir wieder zurück zu unserer Rock-Komik-Zeit, in der wir auch die Politik in den Vordergrund stellen. EAV ist eine Band, die sich schon immer als Widerspiegelung der aktuellen Realität verstanden hat. Wir leben in einer irrsinnig spannenden Zeit und ich bin mir nicht sicher, wohin die Reise führt.

STOL: Was genau meinen Sie damit?

Eberhartinger: Die Wiederkehr des Nationalismus ist grausam, immerhin hat er in der Geschichte der Menschheit alles gebracht hat, nur nichts Gutes. Das Problem ist, dass die schlimme Zeit wieder viel zu lange her ist. Viele haben vergessen, was passiert ist. Andere haben den Nationalismus vielleicht nie vergessen und sind froh, dass er wieder da ist. Wieder andere haben nie etwas anderes erlebt als Frieden und offene Grenzen und glauben, das sei selbstverständlich. Das und den Populismus thematisieren wir in „Am rechten Ort zur rechten Zeit“: „Aus Angst wird Wut, aus Wut wird Hass, die Dummheit ist die Lunte zum Pulverfass.“ Das sind die Werkzeuge des Populismus: Angst vor Überfremdung, vor anderen Kulturen. Und diese Angst kann schnell in Hass manipuliert werden. 

Es ist erschreckend, was heute wieder salonfähig geworden ist: In ganz Europa stehen plötzlich wieder die extrem Rechten auf und sagen und tun erschreckende Sachen, die vor 10 Jahren noch völlig undenkbar gewesen wären. Ich hoffe sehr, dass das Pendel wieder in die andere Richtung schwingen wird.

STOL: EAV hat stets versucht, über seine Liedtexte Botschaften zu senden. Glauben Sie, dass diese immer angekommen sind?

Eberhartinger: Ich bin der Erste der sagt: Von einer Bühne herunter kann man einen Schmarrn die Welt verbessern. Man kann nur Vorbild sein und seine Meinung laut sagen. Und damit hoffentlich andere ermutigen, ebenfalls zu sprechen. Ich bin überzeugt, dass sich viele Probleme lösen würden, wenn die schweigende Mehrheit endlich einmal aufhören würde, zu schweigen.

Die Populisten sagen stets: „Wir vertreten die schweigende Mehrheit.“ Nein! Österreich ist nicht rechtsradikal, Deutschland Frankreich, auch Italien ist mehrheitlich nicht rechtsradikal. Sicher, es wurden Fehler gemacht, unter anderem in Sachen Integration und Asyl, man hat diese Probleme einfach zu lange ignoriert. Der Aufbruch der Flüchtlingswelle war nie eine Frage des „Ob“, sondern des „Wann“. Schließlich kann man ja nicht Krisenherde mitverursachen und dann die Flüchtlingshilfe kürzen. Ja natürlich brechen diese Leute irgendwann auf, das wusste man ja! Und dann sagt die Politik immer gerne: „Wir müssen etwas vor Ort tun.“ Dann tut doch was!

STOL: Was ist das Vermächtnis von EAV?

Eberhartinger: Wir hoffen, dass man gerne an uns zurückdenkt, aber auch wir werden im Nebel des Vergessens verschwinden, früher oder später. Die Abschiedstournee ist ein schönes Feedback, die Leute wollen uns noch einmal sehen, bevor wir verschwinden. Und das ist eine Traumstimmung.

STOL: Gibt es ein Lieblingslied?

Eberhartinger: Das ist schwierig, schließlich sind alle Lieder unsere Kinder und wir haben sie alle lieb. Thomas und ich bevorzugen die skurrilen Sachen, die vielleicht nie große Hits waren, aber einfach schräg, wie „Stolzer Falke“ oder „Zwirch und Zwabel“. Beim Durchhören unserer alten Songs in Vorbereitung auf die Abschiedstournee habe ich oft gedacht: „Bist du deppat, wir waren schon schräg unterwegs“ und oft auch: „Bist du blöde, damit sind wir durchgekommen.“

Interview: Elisabeth Turker

____________________________________________________

Am Dienstag, 28. Mai, kehrt EAV auch in der Bozner Stadthalle ein. Beginn um 20.30 Uhr.

Karten gibt es:

  • in allen Athesia Buchhandlungen
  • Meran: Non Stop Music
  • Bozen: Bazar
  • Online-Ticket: www.ticketone.it

stol