Wie es dazu gekommen ist, dass ein Mann aus dem Rheinland Südtirol-Krimis schreibt, und welche realen Personen hinter seinen Figuren stecken, erzählt der Autor im Interview.<BR /><BR /><b>Herr Neubauer, Hand aufs Herz: Wie viele Südtiroler haben Sie schon „umgebracht“?</b><BR />Ralph Neubauer: (lacht) Das kann ich so gar nicht sagen. Aber meistens gibt es mehrere Tote in einem Band. Wenn ich also von rund 5 Toten pro Band ausgehe, sprechen wir von etwa 55 Opfern. Natürlich handelt es sich nicht bei jedem Todesfall um Mord, und nicht jeder als „natürlicher“ Tod gehandelte Fall geschah ohne Fremdverschuldung. So wie im wahren Leben eben.<BR /><BR /><b>Sie wissen, wovon Sie sprechen, immerhin waren Sie 36 Jahre lang im Justizministerium tätig. War der Wechsel zum Krimiautor eine logische Folge?</b><BR />Neubauer: Mein Berufsleben im Justizministerium war tatsächlich recht bunt, vom Pressesprecher zum Veranstaltungsmanager hatte ich viele Aufgaben inne und habe viele Menschen kennengelernt, die in dem Feld tätig waren. Ich weiß, was die Justiz und was die Menschen in der Justiz bewegt. Das hatte allerdings wenig mit meiner Entscheidung zu tun, Krimis zu schreiben.<BR /><BR /><BR /><BR /><b>Sondern?</b><BR />Neubauer: Ich habe schon als Schüler gerne geschrieben und der Gedanke, ein Buch zu schreiben, war stets präsent. Das mit dem Genre Krimi hat sich eher eingeschlichen. Mein allererster Krimi spielte auch gar nicht in Südtirol, sondern in Haan in Nordrhein-Westfalen, wo ich wohne. Die Antwort eines Berliner Verlags lautete damals: „Netter Versuch, aber üben Sie vielleicht noch ein bisschen“ (lacht). Woraufhin ich jahrelang nichts mehr in diese Richtung gemacht habe.<BR /><BR /><embed id="dtext86-66037679_quote" /><BR /><BR /><b>Wie kam es dazu, dass ein Rheinländer „Südtirol-Krimis“ schreibt?</b><BR />Neubauer: Ich urlaube seit bald 40 Jahren hier in Südtirol, meistens am Trogerhof in Prissian. Eines Tages saß ich dort im Garten und las in den „Dolomiten“ von einem Traktorunfall, als mir plötzlich der Gedanke kam: Was, wenn hinter dem Unfall Manipulation stecken würde? Und schon begannen die Ideen zu sprießen. Innerhalb von 2 Tagen hatte ich die Handlung niedergeschrieben und mein Skript an den Athesia-Verlag geschickt – der tatsächlich interessiert war. <BR /><BR /><b>Also klappte es diesmal auf Anhieb?</b><BR />Neubauer: Astrid Fleischmann, die damals das Projekt betreute, meinte: „Das erste Manuskript ist ganz nett – hat aber viele Tippfehler.“ (lacht) Trotzdem forderte sie gleich einen zweiten Band, weshalb 2010 nicht ein, sondern gleich 2 „Südtirol-Krimis“ aus meiner Feder erschienen. Aber da ich seit 1985 regelmäßig in Südtirol war, kannte ich das Land und hatte genügend Erfahrungen für mehrere Bände gesammelt. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1059495_image" /></div> <BR /><b>Was ist das Besondere an Ihren Krimis?</b><BR />Neubauer: Es war von Anfang an mein Ziel, die Bücher so zu schreiben, dass man als Leser die Handlung nachverfolgen kann, quasi ein Krimi als Reiseführer. Und es gibt tatsächlich viele Menschen, die die Strecke abfahren und mir auch davon erzählen. Sie folgen dem Commissario Fabio Fameo durch Südtirol – und begegnen so auch Personen, die sie aus meinen Büchern kennen. Da gibt es dann einen richtigen Austausch und viele nette Geschichten.<BR /><BR /><embed id="dtext86-66037853_quote" /><BR /><BR /><b>Tatsächlich beschreiben Sie ja nicht nur echte Orte, sondern auch „echte“ Südtiroler in Ihren Büchern...</b><BR />Neubauer: Ja, das entwickelte sich nach und nach. Bei Band 1 stieß ich noch auf viel Misstrauen und Skepsis, vor allem auf der Suche nach Schauplätzen. „Durch meine Stube fließt mir kein Blut“, bekam ich da öfters zu hören. Aber ab Band 3 war das kein Problem mehr, im Gegenteil: Die Leute hatten Spaß daran, in den Krimis vorzukommen, und ich selbst natürlich auch.<BR /><BR /><b>Und wer sind diese Südtiroler?</b><BR />Neubauer: Die Allererste war Brigitta Unterholzner vom Trogerhof. Sie habe ich als Dankeschön im ersten Band als langbeinige Blondine „durchs Bild“ huschen lassen. Was dann kam, war Zufall: Um Romantik aufzubauen, schuf ich eine blonde, schlanke Apothekerin in Tisens namens Elisabeth Trafojer, die den Commissario verarztet und in die er sich verliebt. Dass es in Tisens tatsächlich eine blonde, schlanke Apothekerin gab, wusste ich gar nicht (lacht). Als wir davon erfuhren, wurde zunächst überlegt, die Figur umzumodeln, sie dunkelhaarig und untersetzt zu schreiben. Letztendlich änderten wir jedoch lediglich die Haarfarbe von blond zu rotblond, weshalb viele Leser in der realen Apothekerin Margot Finatzer die fiktive Elisabeth Trafojer „erkannten“ – und sie auch darauf ansprachen. Glücklicherweise hat Margot ihren Spaß daran.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1059498_image" /></div> <b>Gab es auch Südtiroler, die darum gebeten haben, im Buch vorzukommen?</b><BR />Neubauer: Absolut. Im zweiten Band hatte ich den Kindern von Brigitta Unterholzner eine kleine Rolle gegeben. Als ich bei der Buchvorstellung mit „Südtirol 1“-Moderator Daniel Winkler darauf zu sprechen kam, meinte er: „Im dritten Band komme dann ich vor, gell?“ Weshalb sowohl er als auch Funkhaus-Chef Heiner Feuer eine Rolle erhielten. Und so kamen immer häufiger Leute auf mich zu. Natürlich weiß immer jeder Bescheid und bekommt die Passagen auch vorab zu lesen.<BR /><BR /><b><KeinAbsatz></KeinAbsatz>Gibt es auch „echte“ Südtiroler, die im Buch „ermordet“ werden?</b><BR />Neubauer: Nein, die Toten sind allesamt fiktiv, ebenso die Mörder. Naja, fast alle (lacht). Massenmörderin Magic Maggy basiert tatsächlich auf meiner Nachbarin, die wollte das unbedingt. Und auch Oberstaatsanwalt Hagen Bös basiert auf meinem guten Freund Dirk Böshagen, der ihm auch den Namen vermacht hat. Also kommen nicht nur Südtiroler, sondern auch Nachbarn und Freunde aus Deutschland in den Krimis vor.<BR /><BR /><b><KeinAbsatz></KeinAbsatz>Wie sehr ähneln die fiktiven Charaktere ihren realen Vorbildern?</b><BR />Neubauer: Eigentlich kaum! Allerdings können die Leser Fiktion und Realität oft nicht unterscheiden und glauben, dass die von mir im Buch vorgestellten Personen auch im wahren Leben so sind – dem ist aber nicht so. So ist zum Beispiel der Kalterer Dekan Alexander Raich im echten Leben nicht, wie ich ihn beschreibe, sondern eben ein Charakter, den ich sagen lasse, was ich will. Aber der Dekan weiß das und spielt da auch gerne mit.<BR /><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz><b>Wie schwer fiel die Umstellung vom deutschen auf das italienische Justizsystem?</b><BR />Neubauer: Mit dem Justizsystem beschäftige ich mich in meinen Büchern nur am Rande. Das Polizeisystem hingegen ist allgegenwärtig, da habe ich Hilfe gebraucht. Im ersten Band habe ich zum Beispiel einen Commissario von der Staatspolizei von einem Carabiniere fahren lassen – das geht natürlich nicht. Seither steht mir Kommissar Dietmar Angerer von der Quästur Bozen mit Rat und Tat zur Seite. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1059501_image" /></div> <BR /><b>Am Ende der Bücher findet der Leser immer auch nützliche Informationen…</b><BR />Neubauer: Genau, jedes Buch beinhaltet eine kurze Beschreibung des Polizeisystems, damit man es besser versteht. Ich gebe auch stets eine Literaturliste von Büchern mit, die ich während meiner Recherchearbeit gelesen habe. Ich schreibe ja eigentlich keine Krimis – also, irgendwie natürlich schon. Es gibt einen Toten, dessen Ableben einer Aufklärung bedarf. Aber vielmehr sind meine Bücher Erzählungen, die sich um einen Kriminalfall drehen. Man muss die Krimis auch nicht in der richtigen Reihenfolge lesen, wobei sich die Charaktere natürlich mit jedem Band weiterentwickeln. Diese Prozesse zu schreiben, macht mir fast noch mehr Spaß, als das Krimischreiben an sich.<BR /><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz><b>Erreichen Sie mit Ihren Krimis eher Ihre Landsleute oder auch die Südtiroler?</b><BR />Neubauer: Ich glaube, dass es für beide Seiten interessant ist. Südtirol ist ganz anders als Deutschland, es ist wie ein Reagenzglas. Man kann von außen beobachten, was sich in dieser kleinen Realität abspielt, und das ist eine ganze Menge. Meine Bücher geben mir die Möglichkeit, den Deutschen zu erklären, wie Südtirol so tickt, schon allein aufgrund seiner spannenden Geschichte. <BR /><BR /><embed id="dtext86-66037994_quote" /><BR /><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz><b>Und was nehmen die Südtiroler mit?</b><BR />Neubauer: Naja, die Leser aus Deutschland lieben das Urlaubsland Südtirol, sie lieben es, dort gut essen zu gehen und kehren auch gerne in jenen Orten ein, in denen meine Figuren einkehren. Sie nutzen die Bücher eben wie einen Reiseführer. Die Südtiroler hingegen verstehen, dass ich eigentlich tiefer hinter die Kulissen blicke und versuche, das Volk in seinen vielen Facetten wiederzugeben. Und sie sagen mir auch, wenn es gelingt – und wo ich auch mal über das Ziel hinausgeschossen bin. Es sind genau diese Begegnungen und Rückmeldungen, die mir so viel Spaß machen und mir so viel bedeuten. Vom Bücherschreiben selbst wird man selten reich – aber es ist eine unglaubliche Befriedigung. Man kommt mit so vielen Menschen in Kontakt. Es ist unglaublich, wie viele Leute ich kennengelernt habe, die meinen Horizont erweitert haben.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1059504_image" /></div> <BR /><b><KeinAbsatz></KeinAbsatz>Was war ein Schlüsselmoment in Ihrer Karriere als Autor?</b><BR />Neubauer: Das war der Moment, als ich im März 2010 einen Buchladen in Lana betrat und dort einen Stapel mit <i>meinem</i> ersten Krimi sah. <i>Mein</i> Buch im Buchladen! Das war ein sehr erhebendes Gefühl. Und plötzlich war da eine Frau: Sie ging an mir vorbei, schnappte sich mein Buch und eilte damit zur Kasse. Ich hatte ihr vollkommen perplex nachgeschaut, was sie natürlich verwirrte, worauf ich einfach nur jubelte: „Das Buch habe ich geschrieben!“ Witzigerweise habe ich dieselbe Frau erst letztes Jahr wieder getroffen, und sie hat mir von dieser Begegnung erzählt. Genau diese Momente sind das Salz in der Schriftstellersuppe.<BR /><BR /><KeinAbsatz></KeinAbsatz><b>Sie haben soeben Band 11 vorgestellt: Wie geht es weiter?</b><BR />Neubauer: Im Herbst beginne ich mit meiner Recherche für Band 12. Und damit möchte ich die „Südtirol-Krimis“ dann auch abschließen. Ich finde, 12 ist eine gute Zahl, 12 Apostel, 12 Monate… Ich weiß auch schon, wie ich die Krimi-Serie beende. Danach möchte ich mich puren Erzählungen widmen, keinen Krimis mehr. Einfach Aspekte des menschlichen Lebens filtern, Betrachtungen niederschreiben. Mal schauen, ob mir das gelingt. Wenn nicht, nutze ich meine Freizeit dazu, endlich Italienisch zu lernen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1059507_image" /></div>