„Schau mich an, ich bin nie krank, das verdanke ich den Bienenstichen“, sagt Stefan Haspinger, Obmann des Imker-Bezirks Meran. <BR /><BR /><BR /><BR />Gibt man den Begriff „Bienen“ in die Suchmaschine ein, kommen zahlreiche Treffer, in denen es dann etwa heißt: „Ohne Bienen kein Leben.“ Die Insektengruppe ist zum Sinnbild eines gestörten ökologischen Gleichgewichtes geworden. Die Hälfte der Bienenarten in unseren Breiten gilt als bedroht oder ausgestorben. Klickt man sich durch Berichte zum Thema Bienen- oder Insektensterben, wirkt die Lage apokalyptisch. <BR /><BR />Und was machen wir? Verhalten uns wie ein Autofahrer, der auf eine Felswand zurast, sich dabei aber einredet, es werde schon alles gutgehen. Die politischen Entscheidungsträger spielen die Rolle eines Arztes, der dem herzinfarktgefährdeten Patienten nicht etwa sagt: „Du musst dein Leben ändern. Heute!“ Der Arzt ist ja nicht blöd und weiß, dass ihm der launische Patient ein offenes Wort verübeln würde. Daher lautet seine Diagnose: „Hm, sieht nicht gerade rosig aus. Vielleicht müsste man…, schauen wir mal!“ <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="695807_image" /></div> <BR /><BR /><BR />Stefan Haspinger, Meraner Bezirksobmann des Südtiroler Imkerbundes, ist sich im Klaren darüber, dass es 5 vor 12 ist. Lösung kennt er freilich auch keine. Früher, sagt Haspinger, hätten die Bergleute einen Kanarienvogel mit in den Stollen hinunter genommen: „Wenn er vom Stangerl fiel, war es Zeit, das Weite zu suchen.“ Der Vogel, sagt Haspinger, sei längst herunter gefallen. „Nur rühren wir uns nicht. Wir wüssten auch nicht, wohin wir rennen sollten!“ <BR /><BR />Der 50Jährige hat die kraftvolle Figur eines ehemaligen Gewichthebers. „Das ist genetisch bedingt, wir, mein Bruder und ich, sind Zimmerer in vierter Generation – in diesem Beruf braucht man ein starkes Kreuz.“ Ich treffe Haspinger vor seinem Haus im Passeiertal, 200 Meter vom Sandwirt entfernt. Unter uns an der Passeierer Straße donnert der Durchzugsverkehr. Nebenan wachsen Apfelbäume - kein ideales Bienengelände. <BR /><BR />„Sie sind weiter oben, steig ein“, sagt Haspinger. Und während wir in seinem weißen Pickup talauswärts fahren, durch St. Martin, über die Passer, dann vorbei am Fußballplatz und der Andreus Golf Lodge, deutet der Imker-Chef nach links und rechts: „An diesem Haus haben wir einen Stock drauf gesetzt, dort einen Zubau errichtet. Alles zubetonieren, wie wir das in den letzten 30 Jahren machten, logisch, so kann es nicht weiter gehen.“ <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="695810_image" /></div> <BR /><BR />Haspingers Bienenstöcke stehen am Fuß einer steilen Wiese unterhalb eines Bauernhofes. Vor dem Stadel zeigen Schwalben ihre akrobatischen Flugmanöver. Wo ein Misthaufen, da sind Mücken, Futter und Nistmaterial. Der Standort sei perfekt, erklärt der Imker: „Wir haben hier Morgensonne, dort drüben entspringt eine Quelle, rund herum eine Wald- und Wiesenlandschaft mit wilden Kirschbäumen, Kastanien und Weiden – das bedeutet Pollen im Überfluss.“ <BR /><BR />Vorhin beim Losfahren hat Haspinger für uns beide Imker-Anzüge mit Helm und Schutzschleier auf die Rückbank gelegt. „Ach, die tun ja nix“, erklärt er nun, als wir aus dem Wagen steigen und uns den Bienenstöcken nähern. Die Schutzkleidung bleibt im Auto. „Eine satte Biene ist eine zufriedene Biene“, erklärt der Imker, nachdem er den Deckel einer „Zarge“ abhob – so heißen die Kästen, in denen etwa ein Dutzend Holzrahmen mit Wachsplatten hängen, in welche die Bienen ihre Waben bauen. Mit einem „Smoker“ nebelt Haspinger über die Zargen – ein Scheinangriff, der bewirkt, dass sich die Bienen sofort mit Honig vollsaugen. „Dieses Verhalten diktiert ihnen der Überlebenstrieb – uns lassen sie unterdessen in Ruhe“, behauptet der Imker. <BR /><BR />„Verwendest du ein Parfum? Das macht sie nämlich verrückt!“, fragt mein Begleiter, nachdem ich, wild um mich schlagend, davonlief. Geholfen hat es insofern, als ich lediglich zwei oder drei Bienenstiche abkriegte. Parfum benutzte ich im vergangenen halben Jahrhundert übrigens nie eines. In China, erfahre ich von Haspinger, gebe es regelrechte Bienenstichtherapien. Die kleinen Wunden seien gesund. „Schau mich an, ich bin nie krank, das verdanke ich den Bienenstichen!“<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="695813_image" /></div> <BR /><BR /><BR />Jetzt im Herbst fängt das Bienenjahr an. Die Bienenvölker – Haspinger hat 30 – sollen gut durch den Winter kommen. „Gut, das heißt stark, damit sie im Frühling, wenn es losgeht mit Honigsammeln, gleich mit Vollgas ausschwärmen“, sagt Stefan Haspinger. Da in der kalten Jahreszeit kein Honig gesammelt wird, die Bienen stattdessen ihre Honigvorräte auffressen würden – die der Imker gegen Sirup vertauscht hat – sollte ein Bienenvolk in diesen Monaten weder zu groß, noch zu klein sein. „2 Kilo Masse pro Volk, also ca. 20.000 Individuen, sind ideal“, erfahre ich. <BR /><BR />Stefan Haspinger zeigt mir die Königin, sie ist deutlich größer als die anderen Bienen, außerdem mit einem Farbtupfer markiert. Während der Imker eine Wabe in der Hand hält, kann ich beobachten, wie die jungen Bienen eine Öffnung in den Wachsdeckel über der Wabe beißen, heraus schlüpfen und gleich zu arbeiten beginnen. „Fleißig wie eine Biene, heißt es ja!“, sagt Haspinger. <BR /><BR />Er erzählt, dass sich bei Bienen alles um das Überleben der Art drehe – bei Futtermangel etwa werden sofort die geschlüpften Jungbienen aus der Behausung geworfen. „Im Herbst kommt es zum großen Drohnenschlachten, die werden abgestochen.“ Es sei also umgekehrt wie bei uns Menschen, wo das Individuum im Mittelpunkt steht. „Evolutionsmäßig geht vermutlich eher die Strategie der Bienen auf“, sagt Haspinger. <BR /><BR />Das Schöne an der Imkerei besteht für ihn im genauen Beobachten der Natur, man erlebe den Jahreszyklus bewusst mit. „Es ist immer anders, als Imker lernt man nie aus“, sagt Stefan Haspinger. Wenn er zu den Bienen gehe, dann immer ohne Handy. „Da vergesse ich die Zeit, Rechnungen schreiben, ein Kundengespräch führen – im Moment ist das alles unwichtig.“ <BR /><BR />Wir sind auf dem Retourweg, Stefan Haspinger hat die Waben wieder in die Zargen gehängt und diese mit einer Plane abgedeckt. „Einen guten Imker erkennt man an der geernteten Honigmenge“, erklärt der Imker-Chef. Etwa 15 Kilogramm pro Volk bilde einen guten Schnitt. Freilich habe er auch schon 30 Kilo pro Volk eingeheimst, sagt Haspinger. Nach außen kommuniziere er jedoch stets eine eher niedere Zahl. „Dann haben die Leute mehr Mitleid.“ <BR /><BR /><b>Was einen guten Imker ausmacht</b><BR /><BR />Die Imkerei erlernte Stefan Haspinger von seinem Vater. Aber was heiße schon Lernen?, fragt der Bezirksobmann, dabei dreht er sich kurz in meine Richtung, weil das wichtig ist: „Mit Fleiß und Beharrlichkeit kommst du bis zu einem gewissen Punkt. Richtig gut wirst du aber nur mit Talent. Letztlich ist das Imkern eine Gabe.“ <BR /><BR />Vorhin bei den Bienenstöcken, auch jetzt, wie er den Pickup die schmale, gewundene Teerstraße hinunter nach St. Martin lenkt: Wenn Stefan Haspinger spricht, ist sein ganzer Körper in Bewegung, die eine Hand am Lenkrad, malt er mit der anderen Zeichen in die Luft. Mein Bienen-Flüsterer lacht gerne. Nicht aus Liebe zum Honig solle man Imker werden, sagt Stefan Haspinger. „Solche, denen es vorrangig um den Gewinn geht, die geben früher oder später auf. „Imker wird man aus Liebe zu den Bienen, aus Freude!“ <BR /><BR />Der Imker-Obmann ist eher ein Praktiker. Mir ist klar, dass Gescheit-Daherreden bei diesem Menschenschlag nicht besonders gut ankommt. Daher klopfe ich Stefan Haspinger beim Abschied kumpelhaft auf die Schulter und gebe ihm zu verstehen, dass ich beeindruckt bin. Gesagt hätte ich dem Bienen-Freund am liebsten: Ich hätte nicht erwartet, einem so schlauen, lustigen Imker zu begegnen. Einem, der das Imkern als L´Art-pour-L´Art betreibt. <BR />