Ihre Karotten sind unterschiedlich lang und mitunter gebogen, die Tomaten nicht zwangsläufig rot und die Kartoffeln kommen mit rosa oder violetter Schale daher: Über 300 alte Gemüsesorten hat Sabine Schrott, seit 14 Jahren Bäuerin am Felderhof in Uttenheim, in ihrem Sortiment. Mit ihrem Mann Franz Prenn hat sie sich dem Gemüseanbau verschrieben. <BR /><BR />Gemüse ist an sich schon eine Nische in Südtirol, aber Schrott und ihr Mann – und noch ein paar Bauern im ganzen Land – besetzen die Nische in der Nische: Sie setzen nur auf samenfeste und damit teils sehr alte Sorten, die vielfach schon in Vergessenheit geraten sind. <h3> Globale Ernährung steht auf wenigen Beinen</h3>Das belegen die Zahlen: Im 20. Jahrhundert sind 93 Prozent der Gemüsesorten verloren gegangen. Oder anders ausgedrückt: 250.000 Pflanzenarten gibt es bisher weltweit, von denen etwa 30.000 essbar sind. Vom Menschen genutzt werden allerdings nur 7000 Pflanzenarten. Eine größere Rolle spielen überhaupt nur etwa 150 Arten. <BR /><BR />Im Grunde decken Weizen, Reis, Mais und Kartoffel weltweit über 60 Prozent des weltweiten Energiebedarfs ab. Die globale Ernährung ruht damit auf erstaunlich wenigen Beinen. „Wenn etwas aufgrund von Klimaveränderungen oder Krankheiten ausfällt, haben wir ein großes Problem“, sagt Schrott. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1138125_image" /></div> <BR />Dem will sie sich nicht ausliefern und hat mit ihrem Mann auf dem Felderhof ein Paradies der Artenvielfalt geschaffen. Dabei sind ihr samenfeste Sorten und der schonende Umgang mit Grund und Boden ein Anliegen. „Samenfest bedeutet, dass man aus einer Pflanze Saatgut gewinnt und daraus eine ,gleiche‘ Pflanze nachwächst“, erklärt Schrott Prenn. <BR /><BR />Samenfeste Sorten vermehren sich natürlich: Sie blühen, werden bestäubt und bilden Samen – das Saatgut. Aus einer Pflanze entsteht eine neue Pflanze mit ähnlichen Eigenschaften und ähnlicher Gestalt wie die „Elternpflanze“. „Die Pflanzen sind nie ganz gleich, eine jede hat ihren eigenen ,Tamisch‘“, sagt Schrott. Deshalb gibt es bei samenfesten Sorten Pflanzen, die zum Beispiel bei Trockenheit besser überleben, während anderen feuchte Bedingungen behagen. „Egal, wie das Wetter ist, ich habe nie Maximalerträge, aber auch nie einen Totalausfall“, sagt die Bäuerin. <BR /><BR />Im Unterschied dazu sind Hybridsorten sogenannte Einmalsorten. Sie entstehen durch Kreuzungen von Inzuchtlinien, wobei nur gesunde und leistungsfähige Linien weitergeführt werden. Sie sind speziell auf hohen und gleichmäßigen Ertrag hin gezüchtet worden und eignen sich nicht zur eigenen Saatgutgewinnung und Vermehrung. „Der Vorteil von Hybridsorten ist, dass ich zum Beispiel Karfiolköpfe von gleicher Größe und gleichem Gewicht habe, der länger haltbar ist. Wirtschaftlich macht das Sinn“, weiß die Bio-Bäuerin. <BR /><BR />Trotzdem haben sie und ihr Mann sich dagegen entschieden. „Samenfeste Sorten gibt es seit der Zeit, als die Menschen sesshaft geworden sind. Dinkel zum Beispiel gibt es seit Tausenden von Jahren. Diese Pflanzen sind Teil unseres Natur- und Kulturerbes, wir können Teil dieser langen Geschichte sein.“ Auch wenn der Garten klein sein, jede und jeder könne auf samenfestes Saatgut im Handel achten und damit diese Art der Saatgutproduktion unterstützen oder selbst Saatgut vermehren.<h3> Sorten, die mit den Menschen mitwachsen</h3>Die lange Geschichte des samenfesten Saatgutes ist auch ihr entscheidender Vorteil gegenüber den Hybridsorten, deren Saatgut jedes Jahr neu gekauft werden muss und die sich nicht an Standorte anpassen können. „Samenfeste Sorten wachsen mit den Menschen und dem Umfeld mit. Sie passen sich an regionale Klima- und Bodenverhältnisse an, sie lernen, mit dem sich wandelnden Bedingungen und der Umwelt umzugehen“, erklärt die gelernte Gartenbauerin. <BR /><BR />Damit können bestimmte Pflanzen irgendwann auch in höheren Lagen, für die sich kein Großzüchter interessiere, wachsen. „Man kann also gezielt Anpassungen an Böden und Standorte fördern“, erklärt die Bäuerin. Ein Vorteil in Zeiten der Klimaerwärmung. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1138128_image" /></div> <BR />Dafür nimmt die Bäuerin in Kauf, dass ihre Ernte sich in Farbe und Form vom Supermarktgemüse unterscheidet, hin und wieder eine Macke hat und die Ernte deutlich geringer ausfällt als im herkömmlichen Gemüseanbau. „Unser Binkel wirft um die Hälfte weniger ab als der herkömmliche Weizen“, sagt Schrott. <BR /><BR />Wenn sie damit auf den Bauernmarkt fährt oder ihn in die Gemüsekisten packt, die sie am Hof verkauft, kann sie aber nicht mehr Geld verlangen. „Dann kann und will es sich niemand mehr leisten.“<h3> Handlungsbedarf in vielen Bereichen</h3>Deshalb sei das, was sie und ihr Mann tun, vom wirtschaftlichen Standpunkt her, „sehr unvernünftig“. Denn auch wenn die Biodiversität in der Landwirtschaft in Sonntagsreden gerne hochgehalten wird, die wirkliche Wertschätzung vermisst die Bäuerin. Sie ist deshalb längst auch zur Aktivistin geworden. Wird laut, wenn es darum geht, der Nische zu ihrem Recht zu verhelfen und aufzuzeigen, dass es in einem Landwirtschaftssystem der Monokultur auch Möglichkeiten und Freiräume für die Kulturpflanzenvielfalt brauche und diese bestenfalls auch unterstützt und gefördert werden müsse. <BR /><BR />Ihren Ärger über Ungerechtigkeiten, die komplexe rechtliche Lage, die Bürokratie und so manch anderen Stein, der den Bio-Bauern in den Weg geworfen wird, schreibt sie sich – im Namen ihrer Mitstreiterinnen und Mitstreiter – in E-Mails an Ämter und Politiker von der Seele – in der Hoffnung, irgendwann etwas zu bewegen, ein Saatgutgesetz anzustoßen, das die Tätigkeit der lokalen Erhalterinnen und Erhalter nicht einengt, eine Datenbank zu initiieren, die den Zugang zu lokalem Saatgut ermöglicht.<BR /><BR />„Wir leisten einen großen Beitrag für Biodiversität, Artenvielfalt und das Ökosystem. Wenn die bürokratischen und rechtlichen Rahmenbedingungen sowie die wirtschaftlichen Anreize für diese Mehrleistungen ausreichend wären, würden sich mehr dafür entscheiden“, ist sie sich sicher. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1138131_image" /></div> <BR />Schrott Prenn hat 2021 mit ihren Mitstreiterinnen den Verein „Arche Südtirol“ gegründet und damit eine Plattform für Artenvielfaltshöfe geschaffen. Diese Vernetzung ist ihr wichtig, denn nur durch ein aktives Netzwerk und den Austausch bleibe das Saatgut erhalten. „Vielfalt braucht viele“, sagt sie. Und sie hat auch den Preis für die Kreativität der Landfrauen, den sie im Vorjahr erhalten hat, dafür genutzt, um für ihre Anliegen und für samenfeste Pflanzen zu sensibilisieren. <BR /><BR />Auch wenn sie sich oft vergessen fühlt in einem System, das nur auf Monokulturen ausgerichtet sei, sie häufig belächelt wird und ständig gegen Windmühlen kämpft – alles aufgeben, sich anderswo Arbeit suchen oder auf den, wie sie ihn nennt, „Vernunftgemüsebau“ setzen, das kommt nicht in Frage. „Man muss das tun, für was sein Herz schlägt.“ <BR /><BR />Ihr Herz und das ihres Mannes schlagen für alte, samenfeste Sorten, für einen Anbau im Einklang mit der Natur und mit Nützlingen statt Schädlingen, für ungeahnte Geschmackserlebnisse und mit einer Vielfalt, die berauscht. So gibt es am Felderhof allein 70 verschiedene Salatsorten oder 120 unterschiedliche Tomaten. <h3> Die Vielfalt in die Alltagsküche bringen</h3>Davon erzählt die Bäuerin von Mai bis Oktober am Brunecker Bauernmarkt oder ihren Kunden, die sich von ihr eine Gemüsekiste füllen lassen. „Wenn diese alten Sorten aus den Küchen verschwinden, dann verschwinden sie auch aus den Gärten und aus unseren Köpfen“, sagt sie. <BR /><BR />Deshalb sucht sie nicht so sehr den Weg in die Spitzengastronomie, in der Knollenkapuzinerkresse, blaue Kartoffeln, bunte Karöttchen, Crosny oder feinste Treibspitzen gerne auf die Speisekarte geschrieben werden. Denn nicht kurzlebige Trends sind ihr wichtig, sondern die Alltagsküche. „Ist die Vielfalt dort angekommen, bereichert das den Alltag und das tägliche Geschmackserlebnis mit Sicherheit – und es gibt Perspektiven für die Zukunft.“ <BR /><BR />Wenn gerade jetzt im Frühling einige Hobbygärtner mehr nach samenfesten Sorten Ausschau halten, bei den Saatgutfesten am morgigen Sonntag in Vahrn oder am Samstag, 15. März in Birchabruck vorbeischauen, sich später im Jahr bei der Saatgutvermehrung versuchen oder auf dem Bauernmarkt bei Puschtra Peim, Pragser Kobis oder Prettauer Mohn zugreifen, dann hat Sabine Schrott ihr Ziel erreicht. Denn: „Nur gegessen werden sie nicht vergessen.“