„Ich wurde einfach dort abgegeben, teilte also das Schicksal vieler anderer Mädchen in meiner Heimat. Mädchen haben einen sehr schweren Stand in Indien, vor allem dann, wenn es auch Jungen in den Familien gibt“, erzählt Lucy Battù, die seit 5 Jahren in Südtirol lebt. <BR /><BR /><BR />Tatsächlich war es die Liebe, die Lucy Battù vor 5 Jahren nach Südtirol verschlagen hat. Auf einem Kongress der Tibet-Vereinigung Italiens in Rimini wurden die Inderin und der Südtiroler Günther Cologna aufeinander aufmerksam, kamen ins Gespräch, entdeckten gemeinsame Interessen für Tibet und Indien und hegten recht schnell Sympathien füreinander. <BR /><BR />Cologna war Vorsitzender der italienischen Tibet-Initiative, arbeitet seit vielen Jahren als Leiter des Bereichs Weiterbildung an der Eurac in Bozen und verkörpert seit jeher die Weltgewandtheit und Aufgeschlossenheit eines echten Kosmopoliten. Tatsächlich kannte er schon vor der ersten Begegnung mit seiner heutigen Frau deren ursprüngliche Heimatstadt: Jhansi im zentralindischen Bundesstaat Uttar Pradesh. <h3> Waisenheim als Rettungsanker</h3>Bis zum Alter von 4 Jahren wächst Lucy in einem Waisenhaus auf, zusammen mit 200 anderen Waisenkindern und in Obhut von katholischen Ordensschwestern aus Malta. „Ich wurde einfach dort abgegeben, teilte also das Schicksal vieler anderer Mädchen in meiner Heimat. Mädchen haben einen sehr schweren Stand in Indien, vor allem dann, wenn es auch Jungen in den Familien gibt“, erzählt Lucy. <BR /><BR />Zugleich thematisiert sie das Schicksal der oftmals kinderreichen, aber mittellosen indischen Familien und unterstreicht, wie sehr beim Heiraten die Mitgift für die Familie der Braut zur Belastung wird. Vieles mag sich in Indien seitdem zwar zum Besseren gewandelt haben, doch im Vergleich zu Mitteleuropa handelt es sich um eine vollkommen andere Realität. Lucy kennt beide Welten aus eigener Erfahrung.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="740363_image" /></div> Als Kleinkind wird sie von einem italienischen Paar adoptiert, wächst in einem gut behüteten Umfeld in Turin auf, besucht die Schule und schließlich die Universität. Sie vermag sich schnell anzupassen, auch wenn sich so manche Umstellungen als schmerzhaft erweisen. „Ich musste mich erst daran gewöhnen, Schuhe zu tragen und mit Besteck zu essen“, geht sie auf 2 Dinge des täglichen Lebens ein, die banal erscheinen mögen, aber exemplarisch für die Unterschiede in den beiden Welten stehen. <BR /><BR />Am eklatantesten erweist sich jedoch der radikale Wechsel des Umfelds: In Indien hatte sie 200 gleichaltrige Spielkameradinnen, in Turin keine einzige mehr. „Keine Frage“, sagt Lucy, „mir ging es sicherlich gut bei meiner neuen Familie in Turin, aber ich fühlte mich schon sehr einsam.“<h3> Ein Brief bringt die Wende</h3>Mit 19 keimt der Wunsch auf, ihre Wurzeln zu ergründen. Allerdings endet dieser erste Versuch ohne die Möglichkeiten einer Internetrecherche erfolglos. „Ich kannte nur den Namen der Stadt, fand aber keine Spuren des Waisenheims und dachte, es würde nicht mehr existieren“, erzählt sie in hervorragendem Italienisch. Während sie spricht, fällt ihre Höflichkeit und positive Ausstrahlung auf, zudem wird sie in ihren schönen Gewändern von einem Hauch Exotik umweht. <BR /><BR />Erst 2012 sollte ihr Leben schlagartig eine neue Wendung nehmen: Bei einem Umzug kommt ein Brief an ihre Adoptiv-Großmutter mit der Adresse des Waisenheims ans Tageslicht, daraufhin vermag Lucy über Facebook eine noch lebende Ordensschwester in Jhansi zu kontaktieren und so nimmt die weitere Geschichte ihren Lauf. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="740366_image" /></div> 5 Jahre später sitzt sie erneut im Flieger nach Indien, diesmal findet sie das St. Jude's Foundling Home problemlos. „Es war ein sehr berührendes und emotionales Erlebnis für mich“, sagt Lucy. Zwei der Ordensschwestern, die sie großgezogen hatten, sind dann noch immer im Waisenhaus tätig, beide über 90 Jahre. Lucy wandelt auf den Spuren ihrer Kindheit und wünscht sich nichts sehnlicher als diese Einrichtung, in der heute an die 45 Kinder unterkommen, zu unterstützen. <BR /><BR />So dauert es nicht lange, dass sie zusammen mit Günther Cologna und Stefan Drago im Februar 2017 den gemeinnützigen Verein Ambika gründet. Damit will Lucy etwas von jener Liebe zurückgeben, die sie einst als Waisenmädchen von den Ordensschwestern empfangen durfte. Ambika bedeutet im Hinduismus soviel wie „die Mutter der Welt“, vor allem will der Verein die Bildungs- und Erziehungsarbeit für benachteiligte Kinder unterstützen. „Ich möchte dieses Heim in seiner Gesamtheit fördern, die Schwestern wissen nur zu gut, wie sie die erhaltenen Mittel einsetzen“, unterstreicht Lucy. <h3> Verzicht auf Patenschaften</h3>Der Verein sieht keine Patenschaften vor, weil damit bestimmte einzelne Kinder den anderen vorgezogen würden. Das brenne sich unwiderruflich in das Bewusstsein der ohnehin benachteiligten Kleinen ein. Lieber sollen alle Kinder gemeinsam unterstützt werden. Lucy liegt es fern, die Werbetrommel für ihre Initiative zu rühren, sie setzt auf längerfristige und solide Unterstützung im Freundeskreis. Der Verein habe sich gut entwickelt, sie ist zufrieden.<BR /><BR />Auch beruflich setzt sich die Inderin für benachteiligte Kinder ein, und zwar als Mediatorin in der sozialen Organisation „La Strada – der Weg“. Schon jetzt fiebert sie dem nächsten Zusammentreffen mit den Ordensschwestern und Kindern entgegen, erstmals nach 2 Jahren wird sie im April wieder in einem Flieger nach Indien sitzen. <BR /><BR /><b>Weitere Infos zum Verein und dem Waisenheim unter www.ambika.it</b><BR />