Donnerstag, 09. November 2017

ELN-Guerilla sieht Waffenstillstand in Kolumbien in Gefahr

Die Guerillaorganisation ELN hat vor einem Ende der mit der kolumbianischen Regierung vereinbarten Waffenruhe gewarnt und Bogota für die jüngsten Angriffe auf Gemeindeführer und Aktivisten in Koka-Anbaugebieten verantwortlich gemacht. ELN-Chef Pablo Beltran beklagte eine „erhebliche Anzahl von Toten und Drohungen gegen Anführer sowie die Unterdrückung sozialer Bewegungen”.

Foto: APA (AFP)
Foto: APA (AFP)

Die Führung in Bogotá unter Staatschef Juan Manuel Santos machte er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP verantwortlich für den „ungeschickten” Umgang mit Protesten von Bauern, die in den Koka-Anbau involviert sind. Es gebe derzeit eine „intensive Diskussion” in Kolumbien über den erzwungenen Ersatz von illegalen Anbaukulturen, sagte Beltrán weiter. Dies habe viele Proteste ausgelöst.

Bei Angriffen auf Gemeindeführer wurden seit 2016 rund 200 Menschen getötet. Die Regierung betrachte dies „nicht als Problem, weil es keinen Verstoß gegen die Waffenruhe darstellt”, kritisierte der Chef des Nationalen Befreiungsheers (ELN).

Die Regierung müsse die Verantwortung übernehmen, forderte Beltrán, und nannte als Beispiel den Tod eines Journalisten mit indigenen Wurzeln, der mutmaßlich bei einem Protest Anfang Oktober durch Soldaten getötet wurde.

Beltrán hob jedoch hervor, er erwarte, dass die zunächst bis zum 9. Jänner befristete Waffenruhe so lange auch eingehalten werde. Trotz aller Schwierigkeiten gebe es Fortschritte. „Wir werden eine Lösung (...) finden.”

Der ELN-Chef äußerte sich in Quito, der Hauptstadt Ecuadors. Dort führt die Guerillagruppe unter Vermittlung Friedensgespräche mit der kolumbianischen Regierung. Die ELN ist die letzte noch aktive Rebellengruppe in dem lateinamerikanischen Land.

Anfang Oktober trat nach einem halben Jahrhundert des bewaffneten Kampfes ein Waffenstillstand zwischen der kolumbianischen Armee und der ELN in Kraft. Die ELN kämpfte seit 1964 gegen die Regierung in Bogotá. Inspiriert von der kubanischen Revolution 1959 setzte sich die Guerilla unter anderem für Bauernrechte ein. Heute zählt die Organisation amtlichen Angaben zufolge noch etwa 1.500 Kämpfer.

Im November 2016 hatte Bogotá bereits ein historisches Friedensabkommen mit den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (FARC), der größten Rebellengruppe des Landes, geschlossen. Die UNO erklärte die Entwaffnung der FARC Ende Juni für abgeschlossen.

Zu dem Friedensabkommen gehört auch der Kampf gegen den Koka-Anbau. Nachdem sich die Rebellen jahrzehntelang durch den Handel mit Kokain finanziert hatten, verpflichteten sie sich im Friedensvertrag, die Regierung bei der Bekämpfung des Koka-Anbaus unterstützen zu wollen. So soll mehr als ein Drittel der gesamten Koka-Anbaufläche umgewandelt werden. Den Bauern sollen dazu legale Alternativen wie der Anbau von Kaffee oder Kakao aufgezeigt werden.

apa/ag.

stol