Montag, 18. Mai 2015

Fachtagung in Brixen "Barrierefrei Leben mit Unterstützter Kommunikation"

Die erste große Fachtagung in Südtirol am Freitag 15.05.2015 im Forum Brixen zum Thema „Barrierefrei leben mit Unterstützter Kommunikation“ machte deutlich: Menschen ohne Lautsprache haben viel zu sagen, sie wollen an der Gemeinschaft teilhaben und eine inklusive Gesellschaft mitgestalten. Das Motto der Tagung: "Nicht lachen können ist schlimmer als nicht reden können." (Kathrin Lemler, 1997) … aber nur, weil es die Unterstützte Kommunikation gibt.

Frau Kathrin Lemler
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Frau Kathrin Lemler

Die Hauptreferenten dieser Tagung waren Frau Kathrin Lemler aus Köln, Herr Reinhard Wohlgenannt aus Vorarlberg und Frau Nadia Carraro aus Bozen.

Herr Raphael Donati, Frau Beate Pichler, Frau Alexandra Morandell, Herr Philipp Spitaler und Frau Barbara Villscheider leiteten am Nachmittag verschiedene Workshops.

 Was wäre wohl mit Kathrin Lemler passiert, wenn ihre Mutter nicht von Anfang an von der Tatsache überzeugt gewesen wäre, ihre Tochter könne kommunizieren?

Eindrucksvoll beleuchtet die bald 30jährige den Weg vom Kindergartenalter bis zum universitären Abschluss.

Von ihrem Rollstuhl aus steuert die junge Frau aus Köln mit ihren Augen den Sprachcomputer, der allein auf ihren Blick reagiert. Gespannt lauschen rund 150 Zuhörer im Saal. Diese Art der Kommunikation ist der bisher letzte von vielen bedeutenden Schritten. Der erste waren Kärtchen mit Bildern, die Frau Lemler als Kleinkind benutzte, um sich auszudrücken.

Es ist die UK, die der Studentin ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht. UK steht für Unterstützte Kommunikation, ein Konzept zur Unterstützung der Verständigung und Erweiterung der kommunikativen Möglichkeiten von Menschen, die sich vorübergehend oder dauerhaft, nicht oder nur schwer verständlich über Lautsprache verständigen können.

Reinhard Wohlgenannt von der Lebenshilfe Vorarlberg unterstreicht die leitende Annahme, dass alle Menschen uns etwas zu sagen haben, alle Menschen Ideen, Konzepte, Geschichten und Fragen im Kopf haben. Die Gesprächspartner müssen genau beobachten und eigenen Vor-Annahmen kritisch hinterfragen. Er beruft sich auf die UN-Behindertenrechtskonvention und betont, dass es ein unveräußerliches Recht auf Unterstützte Kommunikation gibt.

Raphael Donati stammt aus Meran und besucht dort die vierte Klasse der Wirtschaftsfachoberschule "Franz Kafka". Auch er benützt ein Kommunikationsgerät der neuesten Generation - und kann damit alles sagen, was ihm wichtig ist. Er kann sich aber auch gut über Mimik und Gestik verständigen. Er war heuer bereits an mehreren Schulen unterwegs und leistete mit Frau Margot Pohl, einer Expertin in UK, Aufklärungsarbeit. Unter anderem ist es ihm sehr wichtig, den Menschen darzulegen, dass auch Menschen ohne oder mit eingeschränkter Lautsprache etwas zu sagen haben und sich mitteilen möchten. Bei seinem interessanten Vortrag in Brixen geht er auf die Entwicklung seiner Kommunikation ein und welche Schwierigkeiten er im Alltag zu bewältigen hat.

Ist der Weg in die Kommunikation einfach? Keinesfalls, denn geeignete individuelle Wege zu finden ist aufwendig, erfordert viel Zeit, Beobachtung und Geduld. Dazu braucht es Menschen im Umfeld der Familien, die an die Fähigkeiten der Menschen ohne Lautsprache glauben und bereit sind, sie intensiv ihrer Entwicklung zu unterstützen.

Nadia Carraro aus Bozen, die das Potential der „nichtsprechenden“ Kinder erkannte und nichts unversucht lassen wollte, um ihnen Entwicklungschancen zu bieten. Ihre sichere Arbeitsstelle hat sie aufgegeben, um sich als Expertin an italienischsprachigen Schulen ganz der UK zu widmen.In ihrem Vortrag schildert sie diese Erfahrungen.

Beate Pichler und Alexandra Morandell stellen ihre Erfahrungen in einem deutschsprachigen Kindergarten und einer Oberschule dar, wo sie als Mitarbeiterin für Integration bzw. als Mutter ein hilfreiches Instrument erprobt haben: „Die Seite über mich“.

Unerlässlich sind auch Mitmenschen im Alltag, die Personen ohne Lautsprache wahrnehmen und versuchen, mit ihnen in Beziehung zu treten und ihre besondere Art der Kommunikation zu verstehen.

Davon berichten Philipp Spitaler und Barbara Villscheider mit ihren Angehörigen. Beide kommunizieren seit ihrer frühen Kindheit mit Hilfsmitteln und mit Assistenz.

Veranstalter:
Netzwerk Unterstützte Kommunikation des AEB:
seit 2012 aktiv, entstanden aus der Zusammenarbeit engagierter Eltern, Pädagogen und Therapeuten aus ganz Südtirol, zählt heute zirka 30 aktive Mitglieder. 2014 ist die Gruppe dem AEB-Arbeitskreis Eltern Behinderter beigetreten.

Marina Kuppelwieser, 39019 Dorf Tirol

stol