Seit 30 Jahren begleitet Familienseelsorger und Paarberater Toni Fiung unter anderem Paare, die einander – und sich selbst – verloren haben. Er hört zu, hakt nach, versucht zu verstehen – in der Hoffnung, dass lange Unausgesprochenes endlich gehört werden kann. In seinem neuesten Buch „und wir mittendrin“ widmet er sich den Kernthemen, die Paare – vor allem mit Kindern – am häufigsten beschäftigen. Ein Leitfaden für eine gelingende Partnerschaft.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1299477_image" /></div> <BR /><BR /><b>Herr Fiung, Ihr neues Buch richtet sich primär an Eltern. Warum?</b><BR />Toni Fiung: In drei Jahrzehnten Familien- und Paarberatung habe ich festgestellt, dass das Thema „Eltern sein und Paar bleiben“ ein sehr zentrales ist. Wer Kinder hat, riskiert, sich als Paar zu verlieren, den Fokus auf den Partner zu verlieren. Deshalb war es mir wichtig, ein Buch zu schreiben, das hier präventiv Hilfestellung gibt – damit es gar nicht so weit kommt.<BR /><BR /><b>Was ist in Ihrer Erfahrung das häufigste Problem?</b><BR />Fiung: Ganz klar der Zeitmangel. Die Zeit ist oft knapp, zu knapp dafür, Familie und Paar zu sein. Das kommt sicher auch daher, dass viele Eltern beruflich gefordert und auch viel unterwegs sind und oft wenig Unterstützung bekommen. Das kostet viel Energie und Kraft. Oft entsteht das frustrierende Gefühl, es sei nicht genug: Sind wir überhaupt gute Eltern? Sind wir noch ein Liebespaar? Hier muss man dringend vorbeugen – natürlich immer entlang der Ressourcen und dem, was möglich ist. Das positive Grundgefühl muss bestehen bleiben – sowohl in der Liebesbeziehung als auch in der Familienzeit.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1299480_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wie verliert man sich überhaupt in einer Beziehung?</b><BR />Fiung: Das habe ich mich auch oft gefragt. Am Beginn einer Beziehung verbringen Paare sehr viel Zeit miteinander, teilen Träume, Visionen, Aktivitäten. Irgendwann, ganz unerwartet, geht manches auseinander oder kommt zu kurz. Und gerade mit Kindern gibt es viele Paare, die mehr Zeit füreinander bräuchten. Hier ist es wichtig, miteinander über die Beziehung zu reden, das Schöne zu sehen und sich auch Unterstützung zu holen.<BR /><BR /><b>Wie erkennt man als Paar, dass man Hilfe braucht?</b><BR />Fiung: Das erkennt man meist schon recht früh – oft wird es allerdings verdrängt. Das erzählen mir sehr viele Paare. Warnzeichen sind, wenn man kein gutes Wort mehr füreinander findet, sich gegenseitig kritisiert und es viel negativen Streit gibt, kurz: Wenn man das Gute in der Beziehung nicht mehr sieht. Da ist es dringend notwendig, einen Ausweg aus dieser Negativspirale zu finden und sich gegebenenfalls auch Hilfe zu holen, bei einem Menschen des Vertrauens oder in einer Paarberatung.<BR /><BR /><b>Welchen Ratschlag geben Sie Paaren in solchen Situationen?</b><BR />Fiung: Ratschläge gebe ich nicht gerne, sie helfen nämlich nicht. Ich kann nur zuhören und verstehen, was das Paar bewegt. Sie kommen meist in einem Moment zu mir, in dem es ihnen nicht mehr gut geht, an Trennung denken, nicht mehr gut aufeinander zu sprechen sind. Ein erster Schritt kann sein, zu verstehen, worum es geht. Häufig ist es nicht so, dass Paare es nicht wissen, sondern dass sie es einander nicht wirklich mitteilen können. Dann geht es darum, einen Rahmen zu schaffen, in dem das möglich wird.<BR /><BR /><b>Wie verändern Kinder die Zweisamkeit?</b><BR />Fiung: Das geschieht schon im Moment der Geburt. Sobald die Frau ihre Mutterrolle und der Mann seine Vaterrolle einnimmt, wird alles völlig anders. Man muss in die neue Rolle hineinwachsen und gemeinsam lernen. Und viele machen das hervorragend, mit viel Liebe und großem Engagement. Aber wo bleibt die Liebesbeziehung als Paar? Und was bleibt, wenn das Kind größer wird? <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1299483_image" /></div> <BR />Zu Beginn braucht der Nachwuchs viel Zuwendung und Fürsorge, später muss es in den Kindergarten, zur Schule, zu Kursen, zum Sport begleitet werden. Zudem sind Eltern beruflich gefordert und müssen sich organisieren. Aber: Menschen, die erschöpft sind, können sich nicht mehr viel geben. Zudem kann oft ein großes Ungleichgewicht entstehen: Ein Elternteil verbringt den ganzen Tag mit dem Kind, das viel Zuwendung und auch Körperkontakt braucht. Wenn nun der Partner oder die Partnerin nach Hause kommt, sehnt er oder sie sich vielleicht auch nach körperlicher Nähe, während sich das Gegenüber endlich etwas Ruhe wünscht. Das führt häufig zu Enttäuschung und der Frage, welche Rolle man eigentlich noch im Leben des anderen einnimmt.<BR /><BR /><b>Welche Kritikpunkte kommen hier besonders häufig auf?</b><BR />Fiung: Am häufigsten steht der Vorwurf im Raum: Du bist nur noch Mutter, du bist nur noch Vater. Geben und Nehmen in der Beziehung werden zum Thema. Es sollte jedoch niemals eine Konkurrenz zwischen Partner und Kind entstehen – man darf sich auch nicht über seine Kinder definieren. Klar ist: Mit einem Kind entsteht eine neue Realität – die auch dann noch existiert, wenn es erwachsen ist. Wenn die Kinder den größten Platz im Leben eingenommen haben, kann beim Weggang eine große Leere in der Beziehung entstehen. Es fehlen die Themen: Jahrelang wurde vermutlich vor allem über die Kinder gesprochen, über die Familie, die Erziehung – jetzt haben sich die Paare nicht mehr viel zu sagen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-74304115_quote" /><BR /><BR /><b>Wie möchten Sie Paaren nun in diesen Situationen helfen?</b><BR />Fiung: In meinem Buch habe ich die wichtigsten Themen angesprochen, die mir in den Jahren immer wieder untergekommen sind. Es sind Themen, die es wert sind, angesprochen zu werden, teilweise auch Fragen, die sich die Partner gegenseitig stellen können, sowie Paarübungen, die Spaß machen.<BR /><BR /><b>Was sind die Kernthemen für eine funktionierende Beziehung?</b><BR />Fiung: Ein Thema ist sicher die Kommunikation: Wie wird miteinander gesprochen, aufeinander zugegangen, wie kann man sich ausdrücken? Ebenfalls wichtig ist das Thema Zeit, füreinander, miteinander. Auch das Handy kann ein Störfaktor sein, denn viele Paare verlieren sich, weil sie zu viel Zeit am Smartphone verbringen, anstatt sich gegenseitig Aufmerksamkeit zu schenken.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1299486_image" /></div> <BR /> Nicht zu vergessen ist das Thema Versöhnung: Unversöhnte Erfahrungen bringen oft Beziehungen zum Schweigen. In jeder Beziehung gibt es Kränkungen und Verletzungen und diese müssen angesprochen werden. Sehr wichtig ist auch der Humor! Der Fokus liegt nicht darauf, Fehlendes zu kritisieren, sondern zu verstehen, was man anders machen kann. Den Paaren muss bewusst werden, dass sie vieles sowieso schon richtig und gut machen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-74304118_quote" /><BR /><BR /><b>Wie viel „Ich“ muss im „Wir“ Platz haben?</b><BR />Fiung: Ein sehr wichtiger Punkt, denn: Das „Ich“ darf nicht im „Wir“ verschwinden. Persönliche Bedürfnisse sollen nicht nur Platz haben, sie müssen auch ausgesprochen werden. Jeder ist für sein eigenes Glück verantwortlich und dafür, die eigenen Bedürfnisse auch zu benennen – der Partner kann nicht Gedanken lesen. Gleichzeitig gilt aber, dass ein Wunsch ein Wunsch ist und kein Befehl. Es muss auch in Ordnung sein, wenn nicht jeder Wunsch erfüllt werden kann.<BR /><BR /><b>Viele dieser Themen sind sicher auch für Paare ohne Kinder relevant…</b><BR />Fiung: Natürlich, auf jeden Fall. Aber Kinder bringen eine ganz neue Dynamik mit. Und darauf wollte ich mit meinem Buch abzielen: Wenn Paare ihre Liebesbeziehung pflegen, dann ist das auch ein großes Geschenk an die Kinder! Für sie ist es heilsam und wohltuend, zu erleben, dass ihre Eltern sich lieben und gut miteinander umgehen: Das ist Balsam für die Seele der Kinder. Wenn die Eltern also ihren Kindern etwas Gutes tun wollen, müssen sie sich ebenso Zeit für ihre eigene Beziehung nehmen.<h3> Termin zum Vormerken</h3>Am Donnerstag, 7. Mai, präsentiert Toni Fiung sein neues Buch ab 19.30 Uhr im Pastoralzentrum Bozen – mit einer Kabarett-Einlage von Karin und Erich Meraner.