Was dies mit der Überlebensstrategie der Tierarten zu tun hat, warum Tarnen und Täuschen für Wildtierkinder (über-)lebenswichtig ist und warum falsch verstandene Tierliebe fatal ist, erklärt Nadia Kollmann vom Südtiroler Jagdverband.<BR /><BR />Im Frühling erwacht die Natur zu neuem Leben – im wahrsten Sinne des Wortes: Die Brut-, Setz- und Aufzuchtzeit vieler heimischer Wildtiere ist in Wald, Wiesen oder Feldern in vollem Gange. <BR /><BR />„Dachs und Braunbär vermehren sich zwischen Jänner und März, die Füchse zwischen März und April, das Gamswild im Mai, das Steinwild im Juni“, zählt Nadia Kollmann, die im Südtiroler Jagdverband für die Umweltbildung, die Öffentlichkeitsarbeit und die Leitung verschiedenster Projekte zuständig ist, auf. „Die Raufußhühner-Balz findet im Frühjahr statt, ab Mai sind die Gelege voll, die Küken schlüpfen im Juni.“ Also Tierjunge, wohin man schaut.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1159896_image" /></div> <BR />Zwischen Mensch und Wildtieren kommt es in dieser Zeit allerdings oft zu „Missverständnissen“. Immer wieder sammeln „Naturfreunde“ voreilig anscheinend „verwaiste“ Küken, Hasen, Rehkitze oder andere Wildtiere ein, um sie vermeintlich zu retten. Dabei sind diese Tiere nur selten in Not, sondern lernen gerade die richtige Verhaltens- und Ernährungsweise. <BR /><BR />Um ihren Nachwuchs zu schützen, verfolgen einige Wildtiere nämlich eine ganz spezielle Strategie. Sie suchen ruhige Stellen in waldnahen Wiesen, legen ihre Jungen dort ab und suchen sie nur zum Säugen auf. Was auf den ersten Blick rücksichtslos erscheint, ist eine wirksame Vorsichtsmaßnahme. Weil die Jungen klein sind und nahezu über keinen Eigengeruch verfügen, sind sie im hohen Gras vor ihren natürlichen Feinden geschützt. Eine Wiese ist somit eine perfekte Kinderstube. <h3> Menschengeruch bedeutet Stress</h3>Ein konkretes Beispiel: die Feldhasen. In diesen Monaten sind die Sassen – flache Mulden, die die Hasen anstelle eines Baus verwenden – voll mit jungen Hasen, kaum eine andere Wildtierart hat so viele Junge. <BR /><BR /> Um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, säugt die Häsin ihre Jungen nur einmal am Tag mit sehr energiereicher Milch. Den Rest des Tages sind die kleinen Hasen auf sich allein gestellt. Bei Gefahr laufen sie nicht weg, sondern drücken sich an den Boden. Stolpert man also über einen kleinen Feldhasen, der scheinbar verlassen wirkt, so ist das vollkommen natürlich. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1159899_image" /></div> <BR />„Wer vermeintlich einsame Junge entdeckt, darf die Tiere auf keinen Fall stören“, warnt Kollmann. „In den allermeisten Fällen befindet sich der Nachwuchs nicht in Gefahr, und das Muttertier ist meist nicht weit entfernt. Das richtige Verhalten: sich geräuschlos entfernen und die Jungen keinesfalls anfassen.“<BR /><BR />Denn Muttertiere – vor allem Säugetiere – reagieren empfindlich auf fremde Gerüche. „Riecht“ der Nachwuchs nach Mensch, kehren die Mütter im schlimmsten Fall nicht mehr zu den Jungen zurück und diese verenden. „Jungtiere werden nicht primär wegen des Menschengeruchs verstoßen, sondern aufgrund des Stresses, der bei Wildtieren durch die menschliche Nähe ausgelöst wird. Also: nicht anfassen!“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1159902_image" /></div> <BR />Dasselbe gilt auch für Jungvögel, es sei denn, diese befinden sich tatsächlich in Gefahr. Kollmann: „Der Mensch sollte eingreifen, wenn sich der Jungvogel etwa an einer viel befahrenen Straße befindet oder wenn Katzen in der Nähe sind. In diesem Fall sollte der Vogel in einem nahen Gebüsch in Sicherheit gebracht werden.“ <h3> Wildtiere „mitnehmen“ ist verboten</h3>Aber: Nicht jedes Küken am Boden benötigt menschliche Hilfe, etwa weil es aus dem Nest gefallen ist. Im Sommer sind häufig Jungvögel in der sogenannten „Ästlingsphase“ anzutreffen. Die jungen Amseln, Meisen, Drosseln, Finken, Rotkehlchen & Co. sind zwar noch nicht voll flugfähig, halten sich aber bereits außerhalb ihres Nestes auf. <BR /><BR />Kurz: Sie befinden sich auf Erkundungstour und müssen – auch wenn sie von den Eltern noch einige Zeit lang weiterversorgt werden – die Futtersuche erlernen. Aus dem Nest gefallene Nestlinge und Ästlinge on Tour unterscheiden sich durch das Gefieder. Ein Nestling hat wenig bis keine Federn, während ein Ästling bereits Federn hat und möglicherweise schon flattern kann. <BR /><BR />Ein Wildtier mit nach Hause zu nehmen, ist falsch verstandene Tierliebe. „Wildtiere sind keine Haustiere. Sie haben hohe Ansprüche in Aufzucht und Pflege, diese können Menschen kaum erfüllen“, warnt Kollmann. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1159905_image" /></div> <BR /> Im Zweifel sollten Wildtiere in der Natur verbleiben, wo ihre Überlebenschancen größer sind, denn die künstliche Aufzucht von Menschenhand ist der natürlichen nicht gleichzusetzen. „Es bedarf eines großen Know-hows. Gelingt die Aufzucht tatsächlich, kann das Jungtier in den allermeisten Fällen nicht mehr ausgewildert werden, weil es sich so sehr an die Menschen gewöhnt hat.“ <BR /><BR />Und damit macht sich der vermeintliche Tierfreund sogar strafbar. „Grundsätzlich ist das ,Mitnehmen‘ von Wildtieren verboten. Nur in klar definierten Ausnahmefällen – unter anderem ist eine Genehmigung des Amtes für Wildtiermanagement erforderlich – darf ein Jungtier in menschliche Obhut genommen werden“, erklärt die Fachfrau. <BR /><BR />Was aber, wenn man auf ein verletztes Tier trifft? „Laien können Verletzungen nur schwer beurteilen. Daher ist es immer sinnvoll, Experten zu Rate zu ziehen. In diesem Fall sollte der Jagdaufseher oder Revierleiter kontaktiert werden. Vögel können, nach Rücksprache mit den dortigen Tierpflegern, in das Greifvogelzentrum Gufyland in Dorf Tirol gebracht werden“, schildert Nadia Kollmann. <h3> Wichtig: Hunde an die Leine</h3>Stichwort Hunde. Kollmann: „In Italien – und somit auch in Südtirol – gilt die Leinenpflicht. Daher, ohne Kompromiss: Hunde an die Leine, wenn man sich in der freien Natur bewegt! Das Gesetz macht Sinn.“ Denn das Verhalten selbst von gut erzogenen Hunden sei unvorhersehbar, wenn sie die Fährte eines Wildtieres aufnehmen. Im Extremfall können Hunde junge Rehe, Hasen oder Vögel hetzen, verletzen oder gar reißen. <BR /><BR /> „Auf jeden Fall werden die Wildtiere gestört und in Stress versetzt. Murmeltiere zum Beispiel müssen sich innerhalb weniger Wochen möglichst große Fettreserven für den Winter bzw. den Winterschlaf anfressen. Werden sie bei der Nahrungsaufnahme ständig gestört, weil durch ihr Territorium viel begangene Wanderwege führen oder ständig freilaufende Hunde unterwegs sind, verlieren sie kostbare Zeit“, erklärt Kollmann. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1159908_image" /></div> <BR />Vor allem Jungtiere, die zwischen Mai und Juni zur Welt kommen, könnten dann nicht über den Winter kommen. „Hunde müssen auf andere Art und Weise ausgelastet werden, nicht bei Waldspaziergängen oder Bergwanderungen. Über Bewegungsdrang und Jagdtrieb sollte man sich deshalb auf jeden Fall schon vor der Anschaffung des Hundes Gedanken machen.“