<b>Von Sieglinde Höller</b><BR /><BR />Fledermaus Ina ist ein Kleiner Abendsegler (Nyctalus leisleri), ein in Europa verbreitetes, aber noch immer wenig erforschtes Tier. Wie viele ihrer Artgenossen. Weltweit gibt es etwa 1.400 Arten (davon ungefähr 1.200 Fledermaus- und fast 200 Flughunde-Arten); die größte Vielfalt findet sich in den tropischen Regionen – etwa in Costa Rica, Panama, Kolumbien und Brasilien die Spaltscheibenfledermaus, die sich mit Saugnäpfen statt Daumen an glatte Blätter haften kann, oder die Dayak-Fruchtfledermaus in den Regenwäldern Südostasiens, die zu der winzigen Gruppe von Tierarten gehört, in der auch Männchen Milch produzieren, um ihre Jungen zu säugen. <BR /><BR />In Europa hingegen kommt man nur auf wenige Dutzend Arten. In Italien leben schätzungsweise um die 30 bis 35 Fledermausarten, in Südtirol 26. Weil Fledermäuse nachtaktiv sind und viele unterschiedliche Lebensräume nutzen – von Dachböden und Bunkern bis zu Wäldern und Gebirgsregionen –, ist ihre Erforschung anspruchsvoll. <BR /><BR />Das dürften auch die Fachleute des Landesamtes für Natur, von Eurac Research und des Naturmuseums Südtirol bestätigen können, die diese Tiere seit 2023 in Südtirol systematisch erfassen und untersuchen. Auch der Kleine Abendsegler kommt in Südtirol vor.<h3> Kleiner Abendsegler ist Fledermaus des Jahres</h3>Der Kleine Abendsegler, von den Mitgliedsverbänden von BatLife Europe – darunter der deutsche NABU – zu „Europas Fledermaus des Jahres 2026/2027“ gewählt, ist eine kräftig gebaute, mittelgroße Fledermausart mit sehr glattem, glänzendem und dicht anliegendem Fell. Er lebt bevorzugt in Wäldern – wobei er alte Laubwald- und Laubmischwaldbestände bevorzugt – und nutzt als Quartiere Baum- und Spechthöhlen oder Risse in alten Stämmen. <BR /><BR />Kurz nach Sonnenuntergang verlässt der Kleine Abendsegler sein Versteck und beginnt mit der Nahrungssuche. Dabei fliegt er häufig in 20 bis 50 Metern Höhe über Waldlichtungen, Wiesen oder Gewässern. Seine Beute besteht vor allem aus Nachtfaltern, Käfern, Köcherfliegen und anderen fliegenden Insekten. Mithilfe von Ultraschallrufen ortet er Beute und Hindernisse selbst in völliger Dunkelheit.<BR /><BR />Obwohl der Kleine Abendsegler nur etwa zwölf bis 22 Gramm wiegt und eine Flügelspannweite von 26 bis 32 Zentimetern hat, zählt er zu den ausdauerndsten Langstreckenfliegern unter den europäischen Fledermäusen. Auffällig sind die schmalen, langgestreckten Flügel, die der Art einen schnellen Weitstreckenflug ermöglichen. <BR /><BR />Während viele Fledermäuse das ganze Jahr über in derselben Region bleiben, zieht der Kleine Abendsegler saisonal zwischen Sommer- und Wintergebieten. Dabei legen einzelne Tiere bis zu 1.500 Kilometer zurück; vor allem Weibchen wandern im Frühjahr oft weit nach Norden, wo sie sogenannte Wochenstuben bilden. <BR /><BR />Dort bringen sie meist im Juni ein oder zwei Jungtiere zur Welt. Oft stehen dort mehr Nahrung und bessere Umweltbedingungen zur Verfügung. Im Herbst erfolgt die Rückwanderung in südlichere Regionen Europas. Ihre genauen Routen waren aber lange Zeit unbekannt. <BR /><BR />Mit diesem „Geheimnis“ haben sich die Wissenschaftler Leonardo Ancillotto und Emiliano Mori vom italienischen Forschungsrat CNR-IRET, Giulia Santalmasi und Matteo Bianchi von Oasi Dynamo in der Toskana sowie die Studentin Greta D’Angelo von der Universität Florenz auseinandergesetzt.<h3> Tiere mit Minisendern ausgestattet</h3>Die Forscher statteten Tiere aus den Fledermauskästen („Bat-Boxes“) der Oasi Dynamo mit federleichten Minisendern aus. Diese wogen weniger als 1,5 Gramm und hatten eine Batterie, die nur etwa 30 bis 40 Tage hielt. Eines dieser Tiere war Ina.<BR /><BR />Auf ihrem „Tracking-Abenteuer“ verließ Ina zunächst die Wälder bei Pistoia und flog nordwärts. Die Forscher konnten mehrere Zwischenstopps in der Emilia-Romagna und der Lombardei registrieren. Anschließend überquerte sie die Alpen und erreichte Süddeutschland in der Region südwestlich von München. Damit gelang erstmals der dokumentierte Nachweis einer Alpenüberquerung eines Kleinen Abendseglers aus diesem Forschungsprojekt.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1326012_image" /></div> <BR />„Das Tracking von Ina ist ein riesiger Meilenstein für unsere Arbeit“, betonten Giulia Santalmasi und Matteo Bianchi. „Durch das Projekt bekommen wir exklusive Einblicke in einen Lebensabschnitt, den man sonst nie direkt beobachten kann. Der Fokus auf die Weibchen ist dabei entscheidend, da sie für den Nachwuchs die großen Strecken meistern.<BR /><BR /> Dieses Ergebnis zeigt, wie wichtig die Arbeit hier in der Oasi Dynamo ist. Es macht deutlich: Wir müssen Fledermäuse über Ländergrenzen und Regionen hinweg als Teil eines riesigen, globalen Ökosystems schützen.“ Inas Signal ist inzwischen verstummt. <h3> Indikator für den Zustand des Waldes</h3>Trotz ihrer erstaunlichen Anpassungsfähigkeit steht die Art unter Druck. Alte Wälder mit höhlenreichen Bäumen werden seltener, wodurch wichtige Quartiere verloren gehen. Auch der Rückgang von Insekten reduziert das Nahrungsangebot. Hinzu kommen Risiken entlang der Zugrouten, etwa durch Windkraftanlagen oder die Zerschneidung von Lebensräumen. Der Kleine Abendsegler gilt deshalb als wichtige Indikatorart für den Zustand europäischer Waldökosysteme. Wo er vorkommt, finden sich meist strukturreiche Wälder mit einem hohen Angebot an Insekten und natürlichen Baumhöhlen. <BR /><BR />Für die Oasi Dynamo stellt die Dokumentation von Inas Reise einen Erfolg dar. Dieses Zentrum mitten im toskanischen Apennin gehört zu den interessantesten Naturschutzinitiativen Italiens. Das über 1.000 Hektar große, dem WWF angeschlossene Naturreservat mit Wäldern, Wiesen, Gewässern und offenen Landschaften verbindet Umweltschutz, Forschung, Bildung und nachhaltigen Tourismus. Hier leben Rotwild, Mufflons, Wildschweine sowie zahlreiche Vogelarten wie Schwarzspecht, Grünspecht und verschiedene Greifvögel.<BR /><BR />Das Schutzgebiet entwickelt sich zunehmend zu einem Zentrum für Umweltforschung und Artenschutz. Die dort installierten Fledermauskästen, Monitoringprogramme und wissenschaftlichen Projekte liefern wichtige Daten über Tierbewegungen, Lebensräume und die Auswirkungen des Klimawandels.<BR /><BR />Ina, so die Forscher der Oasi Dynamo, sei weit mehr als nur eine einzelne Fledermaus. Sie stehe symbolisch für eine Tiergruppe, die oft übersehen wird, obwohl sie eine zentrale Rolle in den Ökosystemen Europas spielt. Ihr Flug über die Alpen zeige, wie eng verschiedene Landschaften miteinander verbunden sind, und dass Naturschutz nicht an Landesgrenzen endet. <BR /><BR />Die kleine Fledermaus habe damit einen wichtigen Beitrag zur Forschung geleistet – und gleichzeitig bewiesen, dass selbst die kleinsten Tiere zu den größten Entdeckern der Natur gehören können.