Ende der 2000er-Jahre: Am 23. März 2007 stellt der Berliner Zoo seinen Eisbärbuben Knut vor. Dies war der Urknall einer weltweiten Eisbären-Mania. In den darauffolgenden Monaten wurden das Berliner Bärchen, das von seiner Mutter verstoßen worden war, und sein Tierpfleger Thomas Dörflein zu globalen Superstars – nahezu jede gemeinsame Minute wurde gefilmt: Knut, der die Flasche mit Katzenmilch bekommt; Knut, der den Elvis-Songs lauscht, die ihm Dörflein auf der Gitarre vorspielt; Knut, der mit Babyöl eingerieben wird… <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1342344_image" /></div> <BR /><BR />Millionen Menschen pilgerten nach Berlin, internationale Magazine feierten den Bären als Ikone des Klimaschutzes, und der Zoo erlebte einen ungeahnten Goldrausch. <h3> Ein Jahr nach Knut begeisterte Flocke</h3>Genau ein Jahr nach Knut erblickte am 11. Dezember 2007 im Tiergarten Nürnberg die kleine Flocke das Licht der Welt. Ihre Geschichte begann anders: Sie wurde anfangs von ihrer Mutter Vera umsorgt. Erst als diese Anzeichen extremer Nervosität zeigte und ihr Junges im Gehege gefährlich herumtrug, schritt der Zoo im Jänner 2008 aus Sicherheitsgründen ein. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1342347_image" /></div> <BR />Ein vierköpfiges Pflegeteam übernahm die Handaufzucht – Fläschchen geben im strengen Drei-Stunden-Takt, Bäuchlein reiben zur Verdauungsförderung, penibelste Temperaturmessungen und die ständige Angst, das fragile Leben der kleinen Bärin durch einen winzigen Fehler zu gefährden. Flocke wog bei ihrer Rettung kaum mehr als eine Packung Mehl. <h3> Zoo hat aus dem Knut-Dilemma gelernt</h3>Die Stadt Nürnberg schaltete blitzschnell und demonstrierte echtes Marketing-Geschick. Der Name „Flocke“ wurde als internationale Marke geschützt. Was daraufhin geschah, glich einer kommerziellen Sintflut: Innerhalb kürzester Zeit fluteten Plüschtiere in allen erdenklichen Größen, bedruckte T-Shirts, Tassen, Puzzles, Postkarten und sogar ein eigens kreierter „Flocke-Schoko-Drink“ die Supermarktregale. Der Tiergarten verzeichnete historische Besucherrekorde; der damalige Bundesumweltminister Sigmar Gabriel übernahm höchstpersönlich die offizielle Patenschaft.<BR /><BR />Doch die Verantwortlichen in Franken hatten aus dem Fall Knut gelernt – Flocke sollte nicht zum lebendigen Kuscheltier werden wie ihr Berliner Artgenosse. Um eine extreme Fehlprägung auf den Menschen und eine spätere Vereinsamung zu verhindern, wurde Flocke (der Name stammt aus einem Online-Voting) bewusst nicht von einer einzelnen Bezugsperson betreut. Kuschelstunden vor Publikum gab es nicht, und man gewöhnte Flocke früh an die Gesellschaft anderer Jungbären.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1342350_image" /></div> <BR />Doch die Natur lässt sich nicht dauerhaft im Baby-Modus einfrieren – weder in Berlin noch in Nürnberg. Aus den tapsigen Bärchen wurden schnell stattliche Teenager mit messerscharfen Krallen, gewaltigen Pranken und einem zunehmend gesunden Appetit auf rohes Fleisch.<BR /><BR /> In Berlin nahm ein Drama seinen Lauf: Knut, nunmehr fast zwei Jahre alt, wog inzwischen über 200 Kilogramm, sein Fell war nicht mehr babyweiß, sondern gelb-bräunlich und zottelig. Da er viel zu schwer und unberechenbar geworden war, durfte kein Pfleger mehr zu ihm in das Gehege. Die geliebten Kuschel- und Spielstunden waren komplett vorbei.<h3> Die Welt trauerte um den berühmten „Ziehvater“</h3>Am 22. September 2008 verstarb sein „Ziehvater“ überraschend im Alter von 44 Jahren an einem Herzinfarkt. Obwohl Knut die Tragödie biologisch nicht wie ein Mensch begreifen konnte, verlor er damit endgültig seine wichtigste Bezugsperson. <BR /><BR /> Verhaltensforscher stellten fest, dass Knut stark auf Menschen fixiert blieb. Er litt darunter, dass er die Interaktion mit dem Publikum suchte, aber hinter den Glasscheiben isoliert war. Er zeigte teilweise stereotypes Verhalten. Die ganz große „Knutmania“ flachte ab. Nur drei Jahre später, im März 2011, kollabierte Knut vor den Augen der Zoobesucher im Gehege und ertrank infolge einer Gehirnentzündung.<BR /><BR />Ganz anders verlief das Leben von Flocke. Als sie im Frühjahr 2008 zum allerersten Mal das weitläufige Außengehege betreten durfte, hielten noch die internationalen Kameras auf sie. Doch der Zenit des medialen Eisbären-Rummels war schnell überschritten. Zu Flockes Glück.<BR /><BR /> Abseits der Kameras wuchs sie zu einer stattlichen Bärin heran. 2010 beschloss der Zoo, sie und ihren potenziellen Partner Rasputin, ein gleichaltriges, robustes Eisbären-Männchen aus dem Moskauer Zoo, aus Platz- und Zuchtgründen nach Frankreich abzugeben. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1342353_image" /></div> <BR />Die beiden zogen ins renommierte Marineland nach Antibes. Die Anlage an der sonnenverwöhnten Côte d’Azur bot gigantische, hochentwickelte und klimatisierte Rückzugsräume sowie tiefes, permanent gekühltes Meerwasser. <BR /><BR />Flocke und Rasputin gewöhnten sich erstaunlich schnell an das mediterrane Flair – und vor allem aneinander. Aus der anfänglichen, von wilden Raufereien geprägten Teenager-Freundschaft entwickelte sich im Laufe der Jahre eine tiefe, harmonische Partnerschaft.<BR /><BR />Im November 2014 brachte Flocke ihr erstes Jungtier zur Welt – eine kleine, vitale Eisbärin namens Hope. Die zoologische Fachwelt hielt damals den Atem an: Wird das einstige Medienphänomen aus Nürnberg in der Lage sein, ein Baby ohne menschliche Hilfe großzuziehen? <BR /><BR />Die Antwort war: Ja. Die selbst von Menschenhand mit der Flasche aufgezogene Bärin Flocke mutierte über Nacht zur Vorzeigemutter. Sie beschützte, säugte, wärmte und erzog ihre Tochter Hope völlig instinktiv und mit einer fast stoischen Gelassenheit.<h3> Sensation im Bärengehege</h3>Doch damit nicht genug. Fünf Jahre später, im Dezember 2019, sorgte Flocke erneut für weltweite Schlagzeilen und einen echten Paukenschlag in der internationalen Zuchtgemeinschaft. Das ehemals winzige Bärenmädchen brachte gesunde Drillinge zur Welt – Yuma, Tala und Indiana. Ein derartiger Wurf war bei Eisbären in menschlicher Obhut extrem selten. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1342356_image" /></div> <BR />Doch die Welt außerhalb der Gehege drehte sich unaufhaltsam weiter. Im Laufe der 2020er-Jahre wandelte sich der gesellschaftliche und politische Blick auf die Haltung von Großsäugern in kommerziellen Freizeitparks drastisch. Das Marineland in Antibes geriet zunehmend in den Fokus lautstarker Tierschutz-Kampagnen und politischer Debatten über das Verbot von Wildtieren in Shows. Das Management zog schließlich die Reißleine und beschloss, die Eisbärenhaltung einzustellen.<h3> Flockes Familie packt die Koffer</h3>Für Flocke und ihre Familie bedeutete das im Jahr 2021: Die Koffer müssen wieder gepackt werden. Eisbär Rasputin übersiedelte im Rahmen des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms (EEP) nach Hamburg; die Reise von Flocke und ihrem Nachwuchs führte zunächst in den renommierten „Yorkshire Wildlife Park“ nach England. Die dortige, weltberühmte Anlage „Project Polar“ gilt unter Experten als eine der weitläufigsten, modernsten und am besten durchdachten Landschaften für Eisbären weltweit. Hier fanden die Tiere weitläufige Hügelketten und tiefe Seen, die den arktischen Lebensräumen so nah wie nur möglich kommen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1342359_image" /></div> <BR />Nach einer weiteren strategischen Umstrukturierung innerhalb des Erhaltungszuchtprogramms fand Flocke schließlich im Frühjahr 2024 ihr aktuelles, prachtvolles Domizil. Ihr neues Reich liegt im grünen Herzen Englands, im idyllischen „Jimmy’s Farm & Wildlife Park“ in der Grafschaft Suffolk, unweit der Stadt Ipswich. Hier – im größten Eisbären-Reservat Europas – bewohnt die nunmehr 18-jährige Eisbären-Dame eine gigantische, topmoderne Tundra-Anlage, die speziell nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen der Verhaltensforschung modelliert wurde. <BR /><BR />Dieses Gehege teilte sie mit ihren Töchtern Tala und Hope, der spektakulär geretteten schwedischen Eisbärin Ewa sowie Polarwölfen, Polarfüchsen und Rentieren. Im vergangenen September verendete Hope im Alter von nur elf Jahren nach einer tierärztlichen Behandlung. <h3> Bärin Flocke ist jetzt in den besten Jahren</h3>In Zoos und Wildlife-Parks erreichen Eisbären im Schnitt ein Alter von etwa 23 bis 30 Jahren (in der freien Wildbahn sind es aufgrund von Nahrungsmangel, Krankheiten und den extremen Bedingungen der Arktis im Schnitt nur 15 bis 18 Jahren). Viele gut gepflegte Tiere schaffen es heute problemlos in ihre Mitte bis späten 30er. Der älteste bekannte Eisbär in Gefangenschaft war übrigens die Eisbärendame Debby im Assiniboine Park Zoo in Kanada. Sie erreichte das Alter von 42 Jahren.