Donnerstag, 07. Januar 2016

Franz Tappeiner: 200 Jahre danach

2016: Das Jubiläum des Kurarztes, Botanikers und Anthropologen Dr. Franz Tappeiner 200 Jahre später ... mit der Spurensuche über den Förderer des Kurwesens und Wohltäters in einem, wird im Frühjahr mit einer neuen Vermittlungsform die Geschichte Merans auf gleichermaßen unterhaltsame wie auch lehrreiche Weise, erinnert. Lassen wir aber den Dr. Franz Tappeiner selbst aus seinem Curriculum Vitae erzählen:

Das Denkmal des Gönners Meran an seiner Tappeinerpromenade oberhalb der Passerstadt
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Das Denkmal des Gönners Meran an seiner Tappeinerpromenade oberhalb der Passerstadt

"1816 ... am Loretzhof:   Es war ein Jahr ohne Sommer, weltweiter Hungersnot, Neuordnung in Europa, der Wiener Kongreß wurde umgesetzt,  da kam ich,  als Meran noch im wahrsten Sinne des Wortes ein Kuhdorf war, am 7. Jänner im Vinschgau auf dem Loretzhof oberhalb von Laas mit dem Namen Franz auf die Welt".  Weil es Brauch war,  sollte ich als erstgeborener Sohn, ich hatte noch 14 Geschwister, den Hof übernehmen. Mein Vater ließ sich aber in meinen ersten Schuljahren von der Mutter,  sowie vom Pfarrer von Schlanders überzeugen, mich, den anscheinend gscheiden Bub,  studieren zu lassen.“

"Meine Vagabondage in der Botanik:  Nach dem Gymnasium in Meran, der philosophischen Ausbildung in Innsbruck bei Professor Schmalzl, erweckte der bekannte Botaniker Dietrich in Padua in mir die Leidenschaft für sein Fach und so unterbrach ich als junger Student,  23jährig,  mein Studium und nur von Brot und Milch lebend, sammelte ich mit meiner Botanikbüchse 3624 Arten von Kräutern und Pflanzen, dieses Herbarium schenkte ich später dem Ferdinandeum in Innsbruck.“

"Mein Drang zur Medizin und Anthropologie:  Nach dem Studium der Medizin in Padua und Prag, war ich, um von daheim unabhängig zu sein,  als Haus-und Augenarzt im ganzen Vinschgau, sowie als Geburtshelfer bis Bozen unterwegs und führte nebenbei eine gutgehende Hausapotheke in Schlanders.  Ich sammelte und untersuchte aus Studienzwecken auch mehrere Sommer lang tausende Schädel und Beingrüfte aus ganz Tirol und verfaßte mehrere Schriften über die Tiroler Urgeschichte.  So konnte ich auch eine fruchtbare Zusammenarbeit mit dem berühmten Anatom Rudolf Virchow aus Berlin anbahnen. Nach der Eröffnung meiner Praxis in Laas wurde ich als junger aufstrebender Arzt auch einmal als Unterchirurg zu einer Nachbehandlung vom Grafen Trapp eingeladen.“

"Als Liberaler in die Politik und Ehehafen:  Auf Drängen meiner Patienten ließ ich mich 1846 im kleinen Meran der Künstler und Schriftsteller nieder,  war Mitglied der liberalen Stehweingesellschaft des Münchners Friedrich

Lentner und unser berühmtestes Mitglied war seine Königliche Hohheit, Herzog Max von Bayern. In dieser Zeit zog ich mit zwei weiteren Kurärzten in dem Runghaus unter den Lauben ein.  In kürzester Zeit verschaffte ich mir auch in der gehobenen Meraner Bürgerschaft einen guten Namen.  Außerhalb der Gesellschaft lernte ich ein Wesen von ungemein milder Art kennen, umsichtig und wie ich fand, edel und schön. Am 3. Februar 1847 heiratete ich, gerade 31jährig, meine große Liebe,  die Tochter des Landschreibers a.d. Etsch,  Matilde Tschiderer von Gleifheim.  Sie gebar mir zwei gesunde Kinder,  zuerst Hermann,  den späteren Professor der Pharmakologie an der Universität in München, dann Hedwig, die den Notar und Landtagabgeordneten von Hellrigl in Meran heiratete. Im entscheidenden Jahr für die deutsche Demokratie bewarb ich mich als Liberalerdenkender für die Abgeordnetenkammer der deutschen Nationalversammlung in Meran. Nach diesem misslungenen Intermezzo in die Politik, den Sitz bekam mein konservativer Kontrahent Beda Weber,  widmete ich mich wieder ganz meinen Patienten.“

"Hippokrates … mein Kredo:  Und so ließ ich die zahlreichen Lungenkranken nicht außer acht und nahm mir reichlich Zeit für die Unterleib-und Nervenpazienten, sowie den Blutarmen, die es zu beobachten und kurieren galt. Fiebernde Patienten behandelte ich im Bett bei offenem Fenster mit feuchtkalten Umschlägen und wusch ihre leidenden Körper mit Wasser oder Salzbrantwein. Als Anhänger des Hippokrates, pflegte ich auch danach zu handeln: Luft, Wasser und vegetarische Kost war mein Kredo, welches meine Tuberkulosenpaztienten zu schätzen wußten. Ja, lateinisch formuliert: Natura sanat, medicus curat.  Ich forschte auch auf dem Gebiet der Pathologie und Ansteckung der Tuberkulose und machte für Zweifler größer angelegte Tierversuche an infizierten Hunden in der Tierarzneischule in Berlin".

"Mein unsagbarer Schmerz:  Auf dem Höhepunkt meiner medizinisch-wissenschaftlichen Tätigkeit erlitt ich,  62 jährig,  durch den Tod meiner geliebten 53 jährigen Ehefrau am 16.Juli 1878 einen schweren Schicksalschlag und ging allen gesellschaftlichen Verpflichtungen aus dem Wege.  Meine Tochter Hedwig vermerkte in ihr Tagebuch:      > Papa kehrt erst Ende Oktober in sein ödes, verlassenes Schloss Reichenbach zurück - wie schwer mag ihm diese Heimkehr geworden sein!  Im Winter 1878 verließ er wieder Meran mit unerträglicher Einsamkeit und bereiste Afrika.  Im Februar 1879 kehrte er wieder nach Obermais zurück. Schon bald darauf ging er mit Professor Virchow aus Berlin seinen anthropologischen Leidenschaften nach.

"Ehrungen fand ich übertrieben:  Erinnere mich an das Jahr 1885/86 ... Der Pionier des Alpenvereines Dr. Theodor Christomannos aus Wien und Professor Örtl, der Erfinder der Terainkur aus München, kamen nach Meran, ich wurde zum ehrenamtlichen Landesconservator ernannt und blieb bis zu meinem 83. Lebensjahr im Amt. Zum 70.Geburtstag machten mir meine Patienten ein Rießengeschenk, eine Brücke über die Passer,  Eiserner Steg genannt, welche für mich einen schnellen Übergang von Obermais zu meiner Ordination in die Stadt bedeutete. Erinnere mich auch an die stille Feier, wegen meines Stiftungsgeschenkes an die Gemeinde, mit dem Lichtermeer am Pulverturm und an der Höhenpromenade zu Ehren meines 80.Geburtstages..“

"Förderungen für mein Meran:  Mit meiner Stiftung vier Jahre vorher, konnte 1892 Ingenieur Jakob Falkenstein den Auftrag zum Bau der nach mir benannten Kurpromenade am Küchelberg in Auftrag geben und die führte mit einer Länge von 1852 Meter unter der Zenoburg und oberhalb der früheren Kaiserstrasse und Gilfpromenade über das damalige Schloss Ortenstein,  jetzt Pulverturm, vorbei am Tiroler Steig und dann hinunter zur Landesfürstlichen Burg. Die kurze Bauzeit von April 1892 bis September 1893 wurde auch vom Bürgermeister Weingartner gelobt, da ja in kürzester Zeit,  60 Meter über der Stadt,  hineingebaut in Weinpergeln,  an Felsklippen entlang,  gesäumt von Pinien und Zypressen und der mediteraner Flora eine Bergpromenade enstanden war,  auch für den Rollstuhl.“

"Man überraschte mich:  Es war mir auch ein Bedürftnis an der Winterpromenade eine Wandel-und Ehrenhalle mit den Büsten verdienter Meraner Persönlichkeiten, sowie eine Sitz-und Trinkhalle errichten zu lassen. Am 18. September 1893 nahm ich, da kein Typ von Ovationen, nicht teil an der feierlichen Eröffnung meiner Ehrenbüste auf der nach mir benannten Promenade. Fünf Jahre später erhielt ich aus den Händen des Kaiserlichen Gesandten aus Wien neben der Ernennung zum Ehrenbürger von Meran und Laas auch den Adelsbrief des Kaisers und Titel Edler von Tappein;  dazu noch den Ritterorden der Eisernen Krone III Klasse.  Das war sicher des Guten zuviel!“

"Mein Vermächtnis an Kinder und Enkel:  In den ersten Wochen des 20. Jahrhunderts vermerkte ich in mein Tagebuch, nur noch an meinen anthropologischen Aufzeichnungen schreibend:  Da außer Haus mit Rollwagen nicht mehr möglich,  möchte ich jetzt schon Sohn Hermann mein Schloss und ein beachtliches Barvermögen und Hedwig meine Villa Hedwigsburg in Obermais, sowie die Ruine Salern bei Vahrn übergeben. Einmal im Jahr ließ ich es mir nicht nehmen, mit meiner ansehnlichen Sippe am Loretzhof in Laas zum feiern zusammen zu kommen. Die sechs Neffen in ihrer schmucken Vinschgertracht waren auch dabei und erhielten von mir jeder einen eigenen Bauernhof oberhalb Laas.“

„ Ich fühlte mein Ende nahen:  Die Beschwerden beim Sehen und Hören nahmen zu, verfaßte die letzten Schriften über die Urgeschichte der Menschheit und blieb auf Schloss Reichenbach. Mein letzter Gedanke galt den vielen Patienten und Gönnern. Ich dachte an meine schöpferischen Erschließungen am Küchelberg und die vielen

Forschungen auf dem Gebiet der Botanik und Anthropologie.  Neben meinen Patienten ging es mir immer um das Wohl meiner Wahlheimat Meran und um das schöne Vinschgau meiner Vorfahren.“

Dr. Franz Tappeiner starb am 19.August 1902, im Alter von 86 Jahren, auf seinem Schloß Reichenbach in Obermais, welches er 1854 erwarb und als Wohnsitz und Arztpraxis benutze. In Erinnerung bleiben wird er nicht nur der Bevölkerung Merans, sondern weit über die Grenzen den vielen Patienten regierender Familien Europas als brillianter Arzt und Wohltäter, aber auch als großer Denker, Wissenschaftler, Heimatforscher und weitschauender Touristiker. Er wurde im Familiengrab am alten Meraner Friedhof bei der Hl. Geist Kirche bestattet. Nach Auflassung dieses Gottesacker wurden seine Gebeine exhumiert und im Ehrengrab der Stadt Meran beigesetzt. Sein Grabstein aus Marmor befindet sich heute noch vor der Kirche Maria Trost.

Eine originelle Idee:  Einen Rundgang um Meran mit dem Kurarzt, Botaniker und Anthropologen zu initiieren, stammt von Paul Rösch, bisheriger Touriseumsdirektor und nunmehr Bürgermeister der Stadt Meran. Die Urania Meran und die Stadtbibliothek sowie der Sanitätsbetrieb Meran initierten schon 2006, im Jubiläumsjahr “100 Jahre Krankenhaus Dr. Franz Tappeiner“ einen historischen Spaziergang rund um Meran.

Frühjahr 2016 ... 200 Jahre nach der Geburt des Pioniers:  Meran wird mit der Stadtgemeinde, der Kurverwaltung, der Urania, den Gärten von Trauttmansdorff und dem Touriseum, sowie mit Kulturbetrieben das Andenken seines Ehrenbürgers gebührend würdigen. Und zwar mit einer Tagung, historischen Spaziergängen und phylosophischen Zwiegesprächen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Kurstadt Meran, Meran

stol