<b>STOL: Frau Dr. Lun, erst kürzlich gab es in Bozen einen Femizid. In Italien gibt es mehr als einen Mord alle 3 Tage. Bei über 70 Prozent der Morde ist der Intimpartner der Täter. Warum gibt es in dieser Häufigkeit Femizide?</b><BR />Dr. Lun: Wir sprechen von Femizid, wenn eine Frau getötet wird, weil sie Frau ist. Der Begriff ist sehr breit und umfasst alle Tötungsdelikte an Frauen aufgrund ihres Geschlechts, etwa im Namen der Ehre, im Rahmen bewaffneter Konflikte, durch Genitalverstümmelung usw.<BR /><BR /> Die bei uns häufigste Form von Femiziden sind Tötungen vor, während und nach einer Trennung durch einen Beziehungspartner, so wie im vorliegendem Fall. Diese Taten werden aus patriarchalem Denken genährt, aus der Haltung, Frauen hätten grundsätzlich kein Recht darauf, über ihr Leben selbst zu bestimmen. Die Täter kontrollieren, sehen sich als dominantes Geschlecht und hierarchisch der Frau übergestellt. Femizide werden meistens bewusst begangen. Auch häusliche Gewalt kann in einen Femizid münden.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-56704610_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Wie gerät man in eine Gewaltbeziehung? Was sind Warnsignale für eine solche Beziehung?</b><BR />Dr. Lun: Gewalt kann Frauen aus allen Bildungs- und Gesellschaftsschichten treffen. Schätzungen zufolge erfährt im Durchschnitt jede vierte Frau in der EU in ihrer Partnerschaft zumindest einmal in ihrem Leben Gewalt, die Dunkelziffer liegt vermutlich höher. Besonders gefährdet sind Frauen mit gar keinen Ressourcen und hochgebildete Frauen, die zum Teil auch durch ihre Arbeit auf Augenhöhe mit dem Partner oder ihm sogar überlegen sind. Gefährlich wird es immer dann, wenn Frauen tatsächlich Macht und Kontrolle über ihr Leben anstreben bzw. bekommen.<BR /><BR />Es gibt nicht nur körperliche, sondern auch psychische, soziale, sexualisierte und finanzielle Gewalt. Warnsignale häuslicher Gewalt sind beispielsweise übertriebene Eifersucht, abwertendes Verhalten, kontrollierendes Verhalten, einseitige Schuldzuweisungen und Herunterspielen des eigenen Fehlverhaltens, Verbieten sozialer Kontakte, oder jede Form von Missbrauch. Bei Wahrnehmung solcher Signale sollte man sich an die Frauenberatungsstellen wenden. Es ist wichtig, Risikobeziehungen rechtzeitig zu erkennen und einzugreifen<BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="825656_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>STOL: Wie entkommt man einer solchen Beziehung?</b><BR />Dr. Lun: Nur indem man Hilfe sucht und annimmt. Die Hilfe kann von Freunden oder Bekannten, auch von Nachbarn kommen, die Notrufnummer 112 und die italienweite Nummer 1522 für Opfer von Gewalt und Stalking sind 24 Stunden auf 24 erreichbar. Allerdings bietet die Nummer 1522 noch keine deutschsprachige Beratung an. In Südtirol gibt es die Grünen Nummern der Frauenhausdienste: Der Dienst ist kostenlos und garantiert Anonymität, bietet psychosoziale Beratung und Krisenintervention, professionelle Rechtsberatung und vorübergehende Unterkunft für Frauen und ihre Kinder.<BR /><BR />In der Triage der Notfallaufnahme kann man nach „Erika“ fragen; dann wird man ohne Wartezeit direkt befragt und ohne Begleitung in einen geschützten Raum gebracht. Nach Zustimmung der Frau werden die Ordnungshüter und Frauenberatungsstellen für Hilfestellungen aktiviert.<BR /><BR /><BR /><b>STOL: Wieso entkommen viele Frauen nicht?</b><BR />Dr. Lun: Ein Problem in Gewaltsituationen stellt die sogenannte „Schuldumkehr“ dar, die Verantwortungsübertragung an das Opfer. „Du bist schuld, dass ich dich schlagen muss“. Das Opfer wird so zum Täter. Der Gedanke, dass sie schuld sein könnten, lässt die Opfer weiter in der Beziehung verharren und führt zu Schamgefühlen. <BR /><BR />Manchmal ist es für Betroffene schwer, im Umfeld Gehör zu finden, wenn auch hier die Schuldzuweisung an das Opfer erfolgt: „Du hast ihn herausgefordert, warum bist du bei ihm geblieben….“ .Die Täter können sehr manipulativ sein, sich gut darstellen, skrupellos lügen und für kurze Zeit Reue zeigen. Sie halten ihre Opfer in vielen Fällen in finanzieller Abhängigkeit und lassen sie in einem Geflecht ständiger Angst hängen, indem sie mit Kindesentzug und sogar mit Tötung drohen.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-56704611_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>STOL: Wie kann man als Außenstehender helfen?</b><BR />Dr. Lun: Es ist ganz wichtig, dass man diese Frauen nicht verurteilt, weil es nicht leicht ist, aus Gewaltbeziehungen zu entkommen. Wenn der Verdacht auf häusliche Gewalt besteht und man zusätzlich sieht, dass die eigene Nachbarin zum Beispiel blaue Flecken und Wunden hat, sich sozial isoliert, den Blickkontakt vermeidet und sich wegdreht, sollte man die Frau ansprechen. Am besten fragt man sie direkt, ob sie Hilfe braucht. <BR /><BR /><b>STOL: Ist die Gesellschaft gefordert?</b><BR />Dr. Lun: Absolut. Prävention ist extrem wichtig. Gesellschaftliche Strukturen und Rollenbilder müssen überdacht und das traditionelle Männerbild thematisiert und reflektiert werden. Männer müssen sich von der patriarchalen Denkweise lösen.<BR /><BR /> Die Involvierung von Männern in Versorgungs- und Pflegearbeit und die damit erreichte Gleichstellung in Verbindung mit Sorgearbeit erhöht die Lebensqualität von Männern, das Risiko von Depressionen wird halbiert und Gewalt reduziert. Gleichstellung in der Familie mindert familiäre Gewalt . <BR /><BR />Es gibt Datenerhebungen, die zeigen, dass die meisten Femizidtäter vor der Tat nicht durch polizeilich registrierte häusliche Gewalt aufgefallen sind. Jede Drohung, insbesondere in einem Trennungskontext oder bei Stalking, auch ohne vorausgegangene häusliche Gewalt, muss ernst genommen und gemeldet werden.<BR />