Noch bis Ende Oktober sind wieder Millionen von Zugvögel auf ihrer Reise durch Südtirol zurück in südlich gelegene Überwinterungsgebiete unterwegs. Wie für die Menschen auf Straßen und Schienen ist der Brenner-Korridor auch für Zugvögel eine der wichtigsten Zugrouten durch die Alpen. <BR /><BR />Erich Gasser von der Südtiroler Arbeitsgemeinschaft für Vogelkunde und Vogelschutz (AVK) erzählt: „Die westliche Hauptroute führt von Deutschland über Frankreich, Spanien und Gibraltar nach Nordafrika. Die zweite Hauptroute des jährlichen Vogelzugs verläuft über den östlichen Teil Europas. Über Österreich, Ungarn, die Balkanstaaten und Griechenland. Anschließend überfliegen die Zugvögel in der Nähe von Istanbul den Bosporus. Von dort aus ziehen sie über Israel nach Nord- und Ostafrika weiter. Eine dritte Flugroute führt vor allem Sing- und Greifvögel über Italien nach Malta und von dort aus nach Nordafrika. Die Alpen stellen für den Vogelzug ein beträchtliches Hindernis dar. Wo immer es geht, vermeiden es Zugvögel, hohe Berge zu überfliegen. Tirol bietet sich mit seinen niedrigen Alpenpässen und weiten Tälern für eine Alpenüberquerung besonders an.“<h3> Sterzing als zentraler Knoten</h3>Die bevorzugten Passübergänge für die Zugvögel in Tirol sind im Wipptal der Brenner und der Reschenpass vom oberen Inntal ins Vinschgau. Aus dem Zillertal kommend wird aber auch das Pfitscher Joch auf dem Weg nach Sterzing ins Wipptal genutzt und über das Ahrntal ins Pustertal Richtung Brixen (oder direkt weiter über die Dolomiten). <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="948412_image" /></div> <BR /><BR />Apropos Sterzing: Die Gemeinde ist ein zentraler Knoten, der viele verschiedene Routen der Zugvögel verbindet. Die AVK hat für den Frühjahrszug folgende Routen durch Südtirol herausgefunden: „Die Vögel fliegen hauptsächlich durch das Sarntal über das Penser Joch nach Sterzing und durch das Wipptal (Rosskopfgebiet) in Richtung Brenner. Ein kleinerer Teil der Zugvögel fliegt dem Etschtal entlang Richtung Nordwest bis Meran und wählt die Route Passeiertal, Jaufenpass, Sterzing, Brenner“, erklärt Ernst Gasser. Der gemeinsame Nenner ist dabei immer Sterzing. Auch für jene, die über das Pfitscher Joch ins Zillertal wechseln.<h3> Sie sind meist nachts unterwegs</h3>Wir Menschen bekommen vom Ausmaß der Vogelzüge am Südtiroler Himmel nur wenig mit, da rund 2 Drittel der Zugvögel nachts unterwegs sind. Etwa Singvögel wie Drosseln, Grasmücken und Rotkehlchen. Aber auch Enten. Warum in der Nacht? Forscher der Universität Lund in Schweden glauben, dass die Vögel damit einer Überhitzung auf der anstrengenden Reise aus dem Weg gehen. Am Himmel gibt es ja keinen Schatten, der vor der Sonne schützt (und zusätzlich heizt ja die Muskulatur die Vögel auf). <BR /><BR />Für diese These würde auch sprechen, dass Zugvögel, so sie doch am Tag unterwegs sind, einige tausend Meter höher fliegen, wo die Luft kälter ist. Nachts ist die Reiseflughöhe von Rohrsängern beispielsweise ungefähr 2000 Meter, am Tag jedoch rund 6000 Meter.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="948415_image" /></div> <BR /><BR /> Schilf-, Teich-, Sumpf- und Drosselrohrsänger sind übrigens Stammgäste in Südtirol bei der Durchquerung aus dem Inn- und Zillertal kommend. Übrigens: Stare, Schwalben, Störche, Kraniche und Greifvögel ziehen am Tag über das Land, denn sie nutzen als Hilfsmittel thermische Aufwinde, die es in der Nacht nicht gibt. Bei Schlechtwetter müssen Zugvögel die großen Höhen, egal ob Nacht- oder Tagzieher, verlassen. Dann können wir Menschen sie in niedriger Höhe am ehesten beobachten.<h3> Rund 5500 Vögel pro Kilometer und Stunde</h3>Dass die Route über den Brenner europaweit von großer Bedeutung ist, hatte man lange vermutet, die Bestätigung hierfür jedoch auf ungewöhnliche Weise erhalten. Als man vor Jahren plante, Windkraftanlagen auf dem Bergrücken westlich des Brenners zwischen dem Tiroler Obernbergtal und dem Südtiroler Wipptal zu bauen, musste auch ein Gutachten potentieller Auswirkungen auf den Vogelzug erstellt werden. <BR /><BR />Ernst Gasser von der AVK dazu: „Auf dem Herbstzug wurden dabei 5490 Zugvögel je Kilometer und Stunde gemessen, was einer sehr hohen Vogelzugdichte entspricht. Mit einer Hauptflughöhe zwischen 1700 und 2700 Metern und einem Maximum zwischen 2100 und 2300 Metern scheinen die meisten der Zugvögel im Höhenbereich des Grenzkammes und somit im Konfliktbereich mit den vorgesehenen Windkraftanlagen zu ziehen. Diese Vögel wären somit einem erhöhten Vogelschlagrisiko ausgesetzt.“<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="948418_image" /></div> <BR /><BR /><BR />Auf den langen Reisen benötigen die Zugvögel natürlich auch Rastplätze. Besonders beliebt sind Feuchtgebiete, etwa die Auwälder im Vinschgau, aber auch der Kalterer See mit seinem Schilfgürtel. Aber vor allem das weitläufige Gelände südlich von Bozen ist bei den Zugvögeln als Rastplatz sehr beliebt. Exakt dort, wo der Bozner Flughafen liegt. Zu den Hauptzugzeiten im Frühjahr und jetzt im Herbst kommt es dort zu einem hohen Flugaufkommen der gefiederten Flieger. <BR /><BR />Wer in der Gegend von Bozen Zugvögel beobachten möchte, Insider wissen das schon lange, macht sich Richtung Flughafen auf. Vogelkundler haben laut AVK allein in den letzten 5 Jahren auf dem Gelände des Bozner Flughafens Tausende Vögel von über 160 Arten festgestellt. So hohe Artenzahlen hatten in den vergangenen Jahrzehnten in Südtirol nur das Mündungsgebiet der Falschauer und der Kalterer See aufzuweisen. Letztere sind exakt aus diesem Grund als besondere Vogelschutzgebiete im Sinne der Vogelschutzrichtlinie ausgewiesen.<BR /><BR />