Aber auch in Süd-, Ost- und Nordtirol gibt es gleich mehrere Jakobswege. <BR /><BR />Die Wurzeln des Pilgerns sind nicht auf ein Datum zu festzusetzen. Gläubige Menschen haben sich immer schon zu Fuß und betend an heilige Orte begeben, um dort Gemeinschaft im Glauben zu erleben.<BR /><BR />Pilgern ist in Weltreligionen anzutreffen, vom Christen- und Judentum über den Hinduismus und Buddhismus bis hin zum Islam. Nur Martin Luther bezeichnete das Pilgern als „Narrenwerk“, wohl deshalb stand Pilgern in manchen evangelisch geprägten Ländern wie Norwegen zeitweise sogar unter Todesstrafe.<BR /><BR /><b>Zwischen Seelenheil und Ausdauertraining</b><BR /><BR />Der Begriff „pilgern“ (lat. pergere/per agere) bedeutet „jenseits des Ackers“ oder „in der Fremde“. Im Kirchenlatein bezeichnet Pelegrinus eine Person, die aus Glaubensgründen in die Fremde zieht. In früheren Zeiten pilgerte man aus Dankbarkeit, aufgrund eines Gelübdes, als Buße oder für das Seelenheil. Heute begeben sich Menschen nicht mehr nur aus religiösen Motiven auf eine Pilgerreise. Oft geht es auch nur darum, sich eine Auszeit vom Alltag zu nehmen oder Gedanken zu ordnen, um Entscheidungen besser treffen zu können. Einige Menschen pilgern, um zu entschleunigen, andere möchten ihre körperlichen und psychischen Grenzen ausloten.<BR /><BR /><b>Der älteste Pilgerweg Europas</b><BR /><BR />Der berühmteste christliche Pilgerort ist neben Rom und Jerusalem kurioserweise die Stadt Santiago de Compostela in Spanien. Das liegt daran, dass sie das Ziel des viel begangenen Jakobsweges ist. Er ist der älteste Pilgerweg Europas und geht auf den Apostel Jakobus den Älteren zurück. Dessen sterbliche Überreste sollen nach seiner Ermordung in Jerusalem von Anhängern nach Galizien „entführt“ worden sein. Im Jahr 813 wurden sie dort angeblich entdeckt. Der Fundort – ganz sicher war man sich nie, ob die Gebeine wirklich Jakobus zugeordnet werden können – wurde zum Pilgerort. Übrigens: Santiago heißt auf Deutsch Jakob. Compostela stammt vermutlich vom lateinischen Wort „compostum“ ab, was einen römischen Friedhof beschrieb. <BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="748499_image" /></div> <BR /><BR />Der ursprüngliche Pilgerweg nach Santiago de Compostela (Bild unten) – der Camino Primitivo, der heute noch als der schwierigste aller Jakobswege gilt – trat im Lauf der Jahrhunderte aufgrund anderer, einfacher begehbarer Routen in den Hintergrund. Vor allem die Strecke von Frankreich über die Pyrenäen, der Camino Francès, zog mehr und mehr Pilgerströme an. Er ist bis heute die beliebteste Route, um ans Ziel zu gelangen.<BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="748502_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>UNESCO-Weltkulturerbe</b><BR /><BR />Kriege und die Reformation führten ab dem 16. Jahrhundert zu einem Niedergang der Jakobsverehrung, die erst viel später wieder aufflammte und auch dem Jakobsweg zu neuen Ehren verhalf. Ab den 1970er-Jahren kamen immer mehr Pilger auf den inzwischen verschiedenen Routen in die 300.000-Einwohner-Stadt Santiago de Compostela, in den 1980er-Jahren war sogar Papst Johannes Paul II. 2-mal als Pilger dort. 1993 wurde der rund 780 Kilometer lange Camino Francès von den Pyrenäen nach Santiago zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt. Die Aufnahme in diese Liste, aber auch die bekannten Jakobsweg-Autoren Paulo Coelho („Auf dem Jakobsweg“) und Hape Kerkeling („Ich bin dann mal weg“) haben wohl einen großen Anteil an der Bekanntheit dieses Weges. <BR /><BR /><b>Jakobswege in Europa und Tirol</b><BR /><BR />Dass es Jakobswege aber längst nicht mehr nur auf der Iberischen Halbinsel gibt, sondern in ganz Europa, liegt daran, dass bereits 1987 der Europarat den Camino Francès zum europäischen Kulturweg ernannt hat. Das bedeutet, dass andere Jakobswege auf dem gesamten Kontinent gewissermaßen als gemeinsames kulturelles Erbe gefördert werden sollten. So wurden nach und nach zahlreiche Wander- und Radrouten, die an Jakobskirchen und Wallfahrtsorten vorbeiführen, zu Jakobswegen erklärt. <BR /><BR />Auch in Süd-, Ost- und Nordtirol sind in diesem Zuge gleich mehrere Jakobswege entstanden. Sie alle sind eingebunden in den „Jakobsweg Tirol“. Dieser besteht aus 2 westwärts führenden Hauptwegen. Der eine führt von Kufstein oder Lofer (Salzburg) durch das Inntal bis zum Arlberg. Der andere beginnt in Nikolsdorf in Osttirol (dort zweigt der Kärntner Jakobsweg ab) und führt der Drau entlang nach Südtirol. Von Winnebach geht es weiter über Bruneck nach Neustift. Dort gibt es 2 Anschlussvarianten. Die erste führt über den Brenner Richtung Innsbruck, die zweite in Richtung Süden bzw. Westen, also nach Klausen, dann auf den Ritten, hinunter nach Bozen, über Andrian nach Tisens und Algund und schließlich durch den Vinschgau bis zum Kloster Marienberg. Dort setzt der Weg über in die Schweiz nach St. Johann in Müstair und weiter in Richtung Einsiedeln. <BR /><BR />Seit der Ernennung des Camino Francès zum europäischen Kulturweg vor 35 Jahren hat Santiago de Compostela eine ungeahnte Zunahme an Besucherzahlen erfahren. Waren es vor rund 30 Jahren noch 3000 Pilger, die nach Spanien kamen, zählte man 2019 schon über 340.000. Auch etliche Südtirolerinnen und Südtirol mögen darunter gewesen sein – manche, die auf eigene Faust unterwegs sind, andere, die sich lieber einer Gruppe anschließen. Heuer darf nach 2 Pandemiejahren wieder gepilgert werden. Unter anderem bietet auch das Pilgerbüro der Diözese Bozen-Brixen 2 Reisen mit Fußwallfahrt an, eine davon wird von Bischof Ivo Muser begleitet.<BR />