Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass körperliche Aktivität nicht nur in der Prävention, sondern auch in der Therapie einer Vielzahl von chronischen Krankheiten wirksam ist. Außerdem ist körperliche Inaktivität und ein vorwiegend im Sitzen verbrachtes Leben ähnlich gesundheitsgefährdend wie zu hoher Blutzucker und Übergewicht. Und Dr. Daniel Neunhäuserer weiß noch etwas: „Körperliche Fitness ist einer der wichtigsten, wenn nicht überhaupt der wichtigste prognostische Marker in der Medizin“, sagt er. Bedeutet: „Ein Kranker mit einer guten Fitness hat eine bessere Prognose als ein Gesunder, der unfit ist.“ <BR /><BR />Im Interview erklärt er, warum er dazu rät, möglichst wenig zu sitzen und zu liegen, und möglichst viel in Bewegung zu sein.<BR /><BR /><BR /><b>Viele wissen, dass sie sich zu wenig bewegen. Wie viel Bewegung wäre gut?</b><BR />Dr. Daniel Neunhäuserer: Man muss an 3 Punkten ansetzen – und zwar alle, egal ob jung oder älter. Zum Ersten geht es darum, jede längere sitzende Tätigkeit möglichst oft durch Bewegung zu unterbrechen. Zum Zweiten sollte das tägliche Leben so gestaltet werden, dass man sich viel und oft bewegt. Und zum Dritten gilt es, Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit und Gleichgewicht gezielt und strukturiert zu trainieren. <BR /><BR /><embed id="dtext86-66247296_quote" /><BR /><b><BR />Liegt es nur am „inneren Schweinehund“, dass es die meisten von uns auf die Couch statt zum Spaziergang drängt?</b><BR />Dr. Neunhäuserer: So pauschal kann man das nicht sagen. Natürlich müssen für viele körperliche Betätigungen Zeit und Energie aufgebracht werden. Aber es gibt auch andere Gründe, warum Bewegung oft schwerfällt. Viele sind in einem inaktiven Ambiente aufgewachsen und haben die positiven Effekte von Bewegung nie erfahren dürfen. Nicht überall animiert die Umgebung vor der Haustür so zum Bewegen wie hier in Südtirol. Übrigens ist körperliche Betätigung in einer grünen Umgebung nachgewiesen besser als in einer grauen Umgebung. In der Stadt, bei großer Hitze oder starker Luftverschmutzung, ist es schwieriger, sich unkompliziert fit zu halten. Fitnessstudios können sich viele nicht leisten, manche fühlen sich dort auch nicht wohl. Viele Personen mit gesundheitlichen Problemen oder Erkrankungen wissen einfach nicht, was sie machen und sich zutrauen dürfen. Das setzt eine verhängnisvolle Spirale in Gang.<BR /><BR /><b>Können Sie das erklären?</b><BR />Neunhäuserer: Ich nenne es die Spirale der Inaktivität, die bei chronisch Kranken häufig ist. Ein Beispiel: Wenn jemand mit einer chronischen Lungenkrankheit einen Spaziergang macht, strengt ihn das an, und er verspürt Atemnot. Er sorgt sich, dass er sich wohl zu viel zugemutet hat und schont sich dann. Mit jedem Tag Schonung bauen die Muskeln ab und das Herz-Kreislauf-System wird ineffizienter. Natürlich ist der nächste Versuch eines Spaziergangs noch anstrengender. Und man schont sich wieder. Irgendwann führt diese Spirale zu kompletter Untätigkeit, starker Einschränkung der Leistungsfähigkeit und zur Bettlägrigkeit. Dasselbe passiert bei rheumatischen Erkrankungen. Das Gelenk schmerzt, man schont sich, die Muskeln bauen ab, die Gelenke werden instabiler, das Gewicht nimmt zu, und irgendwann stürzt man. Diesen Teufelskreis einer Spirale muss man frühzeitig unterbrechen, vor allem um die Lebensqualität dieser Patienten zu wahren.<BR /><BR /><embed id="dtext86-66247482_quote" /><BR /><b><BR />Dafür braucht man Hilfe…</b><BR />Neunhäuserer: Auf jeden Fall. Der Patient muss informiert werden, was er darf und was nicht. Dafür braucht es Anlaufstellen. Abgesehen davon, dass noch zu wenige Ärzte auch Bewegung auf Rezept verschreiben: Wohin geht der Patient dann, wenn er nicht weiß, wie und was er tun darf? Dieses Wissen darf man nicht voraussetzen, schon gar nicht bei Menschen mit gesundheitlicher Vorbelastung. Hier wäre wirklicher Nachholbedarf. Es müsste ein System geschaffen werden, wo der Patient vom Arzt auch bezüglich körperlicher (In-)Aktivität beurteilt wird, Training individuell angepasst verschrieben wird und der Patient dann, ähnlich wie bei den kapillar im Land verteilten Apotheken, sein Training in einem Netzwerk spezifischer Strukturen mit kompetenter Beratung durchführen kann.<BR /><BR /><b>Sie sagen, Bewegung auf Rezept. Verschreiben Sie Bewegung?</b><BR />Neunhäuserer: Ja. Wie ein Medikament, mit genauen Anweisungen, wie man es „einnimmt“. Dafür gibt es die Abkürzung FITT: Frequenz – Intensität – Time (Zeit) – Typologie. Zuvor messen wir in unserer Ambulanz das körperliche Aktivitätsniveau, die Muskelkraft, oft auch die Fitness, erstellen ein klinisches Risikoprofil und analysieren die persönliche Situation des Patienten. Danach verschreiben wir Training auf Rezept, mit genauer Anweisung, was der Patient darf oder nicht darf, je nach Präferenzen, unter Berücksichtigung seiner Barrieren und im Alltag integrierbar. Das macht übrigens auch der Dienst für Sport- und Bewegungsmedizin des Südtiroler Sanitätsbetriebes so ähnlich. <BR /><BR /><b>Und nach der Verschreibung?</b><BR />Neunhäuserer: In einem eigenen Trainingsstudio unseres Universitätskrankenhauses werden dann gewisse Patienten, als anerkannte und ärztlich verschreibbare medizinische Dienstleistung, von Fachpersonal für einige Zeit beim Training betreut. Danach gibt es im Veneto „palestre della salute“, in die der Patient wechseln kann und dort betreut wird. Ist das nichts für ihn, sucht man gemeinsam nach anderen Möglichkeiten für angepasste Trainingstherapie. Das kann zum Beispiel Tanzen sein oder man kann sich einen Hund zulegen, der Bewegung einfordert oder man schließt sich zum Spaziergang einer Gruppe Gleichgesinnter an – da gibt es viele Möglichkeiten. <BR /><BR /><embed id="dtext86-66247480_quote" /><BR /><b><BR />Dass man Bewegung „verschrieben“ bekommt, ist aber eher die Ausnahme, oder?</b><BR />Neunhäuserer: Viele Ärzte fragen ihre Patienten, ob sie sich ausreichend körperlich betätigen. Und sie empfehlen auch mehr Bewegung. Wichtig wäre aber, dass sie das Aktivitätsniveau messen und die verordnete Bewegung auch für den Patienten nachvollziehbar und angepasst hinschreiben. Dafür braucht es auch nicht viel Zeit. Dass das viele Ärzte nicht tun, kann man ihnen nicht vorwerfen. In 6 Jahren Medizinstudium wird an vielen Universitäten fast keine Vorlesung diesem Bereich gewidmet. Hier muss sich dringend etwas ändern, wenn unser Gesundheitssystem eine Zukunft haben will. <BR /><BR /><b>Müsste man nicht auch bei Krankenhäusern und Altersheimen ansetzen, wo man auch viel liegt und sitzt?</b><BR />Neunhäuserer: Unbedingt. Wenn heute ein älterer Mensch im Krankenhaus liegt, dann löst man dort sein akutes gesundheitliches Problem, gleichzeitig baut er aber mit jedem Tag im Bett viel Muskelmasse ab, die man im Alter kaum wieder zurückgewinnt. Er wird nach Hause entlassen, schafft dort aber die Treppen bis zu seiner Wohnung nicht mehr und verliert an Lebensqualität. Deshalb gibt es Konzepte des aktiven Krankenhauses oder Altersheimes. <BR /><BR /><b>Zum Schluss: Ihr Tipp, um fit und aktiv älter zu werden?</b><BR />Neunhäuserer: Jeder Schritt zählt. Es braucht sehr wenig, um einen großen Effekt zu haben. Im Grunde reichen 15 Minuten am Tag – aber regelmäßig. Auch eine Tablette hilft nur, wenn man sie regelmäßig einnimmt. Je mehr man sich bewegt, umso besser. Das Beste wäre, nicht nur die sitzenden Zeiten zu unterbrechen und eine aktive Routine in den Tag zu bringen, sondern auch seine körperliche Leistungsfähigkeit über Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit und Gleichgewicht zu trainieren – am besten mit fachkundiger Hilfe.<h3> Wie man mehr Bewegung in sein Leben bringt</h3><b><BR />Sitzende Tätigkeiten unterbrechen:</b> Jede Bewegung, die längeres Sitzen unterbricht, ist wichtig: Aufstehen beim Telefonieren, die Toilette im unteren oder oberen Stockwerk benutzen, den Drucker möglichst weit weg vom Schreibtisch positionieren, in der Mittagspause eine Runde um den Häuserblock gehen. <BR /><BR /><b>Körperliche Aktivität im täglichen Leben fördern</b>: Man kann sein Leben so organisieren, dass man sich möglichst viel bewegt – und dazu jede Gelegenheit nutzt. Aufzüge meiden und die Treppe nehmen, mit dem Rad statt mit dem Auto oder dem Bus zur Arbeit oder zum Einkaufen fahren, die Einkaufstaschen zu Fuß über die 2 Treppen in die Wohnung tragen. <BR /><BR /><b>Strukturiertes körperliches Training</b>: Mit organisierten und regelmäßigen Trainingseinheiten kann man seine Fitness, seine körperliche Leistungsfähigkeit, seine Muskelkraft, das Gleichgewicht, die Beweglichkeit verbessern. Das ist auch im Alter sehr wichtig und dient unter anderem der Sturzprävention.