Wer eine Covid-19-Infektion überstanden hat, ist nicht unbedingt sicher vor dem Virus, erklärt der Osttiroler Virologe Gernot Walder. Für den Großteil der Genesenen hat er aber eine gute Nachricht – und für den Südtiroler Weg des Offenhaltens ein ausdrückliches Lob. <BR /><BR /><i>Interview: Isabelle Hansen</i><BR /><BR /><b>Sie haben einen neuen Corona-Antikörper-Test entwickelt. Was sind die Vorteile dieses Verfahrens?</b><BR />Dr. Gernot Walder: Nun, die zentrale Frage bei den Antikörpern ist ja nicht nur, ob jemand welche hat, also mit dem Virus in Kontakt war, sondern ob er immun ist. Das neue Verfahren zielt auf die Beantwortung dieser Frage ab. Es ist nicht gedacht, eine schnelle Antwort über eine eventuelle Infektion zu geben. Das Serum mit den darin enthaltenen Antikörpern wird mit dem lebenden Virus in Kontakt gebracht. Dann versuchen wir das Virus anzuzüchten und prüfen, ob es sich vermehren kann. Verhindern die Antikörper die Vermehrung des Virus, ist man geschützt. Der Test dauert ein paar Tage. Doch danach kann man eine zuverlässige Aussage über den Immunschutz einer Person machen. <BR /><BR /><b>Es entwickelt also nicht jeder, der sich infiziert hat, einen ausreichenden Immunschutz?</b><BR />Dr. Walder: Nein, nur etwa 80 Prozent. Bei den restlichen 20 Prozent können wir zwar mitunter Antikörper nachweisen, die richten aber gegen das Virus nichts aus. <BR /><BR /><b>Bei 80 Prozent mit Immunschutz müssen auch die meisten Asymptomatischen ausreichend und richtige Antikörper gebildet haben...</b><BR />Dr. Walder: Nun, asymptomatisch ist nicht ganz das richtige Wort. Denn wenn man bei diesen Personen nachfragt, dann hatten sie zumeist doch Beschwerden, leichte – keine, die sie beeinträchtigt hätten oder sich hätten krank fühlen lassen. Aber sie haben die Erkrankung durchgemacht.<BR /><BR /><b>Lässt sich etwas über die Qualität der Immunität sagen – im Vergleich zu einer Impfung?</b><BR />Dr. Walder: In der Regel ist es so, dass eine Erkrankung einen besseren Schutz liefert als eine Impfung. Das gilt eigentlich für alle Viruserkrankungen. <BR /><BR /><b>Haben Sie auch Erfahrungswerte für die Dauer einer Corona- Immunität?</b><BR />Dr. Walder: Wir testen auch immer wieder Personen, die gleich zu Beginn der Pandemie erkrankt sind. Bisher haben noch alle weiterhin ausreichend Antikörper. Die Immunität hält also bisher schon ein Jahr und ich denke, sie wird deutlich länger anhalten. <BR /><BR /><b>Eine Impfung nach einer Infektion – also auch mit einem Abstand von 3 Monaten – macht dann aber keinen Sinn, oder?</b><BR />Dr. Walder: Nein, eine Person zu impfen, die bereits immun ist, macht keinen Sinn. Schon gar nicht, in der derzeitigen Situation, in der Impfstoff knapp ist. Man sollte sich seitens der Verantwortlichen die Zeit nehmen, und vorher eine eventuelle Immunität der Impfkandidaten testen. Wir stehen zur Verfügung.<BR /><BR /><embed id="dtext86-47588440_quote" /><BR /><BR /><b>Die Zahlen der Neuinfektionen sind weiterhin hoch. Wie bewerten Sie den Südtiroler Weg, Geschäfte und Restaurants weiterhin offen zu halten?</b><BR />Dr. Walder: Bei jeder medizinischen Maßnahme sind erwünschte und unerwünschte Wirkungen zu bedenken. Es macht also durchaus Sinn, die wirtschaftlichen Folgen gering zu halten, zumal wir wenig Evidenz haben, dass Geschäfte und Restaurants mit einem guten Corona-Konzept ein hohes Risiko darstellen. Der Großteil der Übertragungen spielt sich derzeit im privaten Bereich ab.<BR /><BR /><b>Also keine Schließungen und Ausgangsbeschränkungen? Wie gewinnen wir dann den Kampf gegen das Virus?</b><BR />Dr. Walder: Es wäre wichtig, den Menschen die Verantwortung für ihre Gesundheit wieder selber in die Hand zu geben. Das können sie, wenn sie umfassend und richtig informiert werden, wo tatsächlich welches Infektionsrisiko besteht. Das ist wie beim Skitouren-Planen. Wenn ich die Parameter weiß, kann ich einschätzen, ob eine Tour gefährlich ist oder nicht. <BR /><BR /><b>Umgelegt auf das Coronavirus bedeutet das was?</b><BR />Dr. Walder: Nun, die Bevölkerung muss lernen, das Risiko einer Situation selber einzuschätzen. Übertragung erfolgt dort, wo ich lange oder stark dem Atem eines anderen Menschen ausgesetzt bin: Wenn ich laut und lebhaft auf kurze Distanz rede, beim Singen, wenn ich etwas Schweres gemeinsam trage, auch wenn ich nebeneinander laufe und dabei rede… das sind die Situationen, die man vermeiden soll oder sich gut schützen muss. Aus dem gleichen Glas trinken, in die gleiche Chips-Schale greifen – da ist Übertragung möglich. Und da spielt es keine Rolle, ob ich vor 18 Uhr in der Bar sitze oder später. <BR /><BR /><b>Solche politischen Regulierungen sind also falsch?</b><BR />Dr. Walder: Insbesondere wenn nicht erklärt wird, weswegen man sie erlässt. Das bringt die Menschen nur dagegen auf, bzw. wiegt sie in falscher Sicherheit. Denn es kommt eben nicht darauf an, wann ich in der Bar bin, sondern wie sehr ich mich und andere dabei schütze. Das müssen die Menschen verinnerlichen. <BR />